1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis

Anstoß zur Erinnerung an Lindheims jüdische Mitbürger

Erstellt:

Von: red Redaktion

Kommentare

cwo_stolpersteine1_24092_4c
Zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer lassen sich auch vom schlechten Wetter nicht abhalten, an der Stolperstein-Verlegung teilzunehmen. Dafür gibt es Dank von Sven Müller-Winter (3. v. l.) und Hans Erich Seum (5. v. l.). © pv

Sie starben durch den Terror des Nazi-Regimes: Daran erinnern in Lindheim sieben Stolpersteine, die als Mahnmal für das Schicksal jüdischer Mitbürger nun verlegt worden sind.

Lindheim (red). Die ersten sieben Stolpersteine in der Gemeinde Altenstadt hat kürzlich der Künstler Gunter Demmig in Lindheim an den jeweils ehemaligen Wohnhäusern ermordeter jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger verlegt. Auf den Messinggedenktafeln sind die Namen dieser Opfer des Nationalsozialismus aufgeführt. Damit will man an das jeweilige individuelle Schicksal erinnern.

Bei jeder Verlegung zitiert Gunter Demnig den Talmud, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums: »Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.«

Die Verlegung der sieben Stolpersteine initiierte die Initiative für Vielfalt und Demokratie in Altenstadt. Geplant ist, in allen Ortsteilen, in denen jüdische Familien lebten, nach und nach Stolpersteine zu verlegen. Dieses Projekt wird wesentlich unterstützt und mitgetragen durch die Altenstädter Gesellschaft für Geschichte und Kultur (AGGK). Hierfür fand die Initiative die breite Unterstützung aller demokratischen Parteien in der Gemeinde. Mitorganisiert wurde die Verlegung durch den Verein »Mitmischen - Demokratie leben!«, der zuvor schon in Büdingen eine Stolperstein-Verlegung initiierte. Zusammen mit dem Altenstädter Bauhof setzte man die professionelle Verlegung der Stolpersteine um.

Obwohl es der Wettergott nicht gut meinte, begleiteten mehr als 30 interessierte Bürger die Verlegung der Stolpersteine in Lindheim, darunter die Fraktionschefs aller demokratischen Parteien in Altenstadts Gemeindevertretung, dem Vorsitzenden der Gemeindevertretung, Christian Keim, sowie Erstem Beigeordneten Werner Zientz.

Gemeinde-Ursprung im 14. Jahrhundert

In Vertretung der Ortsvorsteherin begrüßte zunächst Natascha Baumann die Bürger. Anschließend führte Sven Müller-Winter, Vorsitzender der Initiative für Vielfalt und Demokratie in Altenstadt, aus, dass man mit der »Verlegung die Erinnerung an die Menschen am Leben halten und an den Holocaust erinnern will«. Danach gab er einen groben Überblick über das jüdische Leben in Lindheim. So war die jüdische Gemeinde eine der ältesten in der Wetterau, deren Ursprünge bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen. Anfang des 19. Jahrhunderts gehörten ihr 80 Personen von seinerzeit etwa 600 Einwohnern an. Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verließen die letzten beiden jüdischen Einwohner Lindheim. Der Nationalsozialismus hatte binnen weniger Jahre eine 600-jährige Geschichte jüdischen Lebens in Lindheim ausgelöscht.

AGGK-Vorsitzender Hans Erich Seum berichtete über die Menschen, deren Namen auf den Stolpersteinen stehen. In der Düdelsheimer Straße 8 verlegte Demnig vier Stolpersteine, die an das Ehepaar Josef Lindheimer I. und seine Frau Clementina sowie seinen Bruder Markus und seine Schwägerin Bertha erinnern. Beide Familien waren im Fruchthandel tätig und angesehene Ortsbürger. Sie zahlten unter anderem die höchsten Steuersätze und waren im Vorstand der jüdischen Gemeinde seit 1920 aktiv; 1935 entzog man ihnen jedoch die Bürgerschaft. Alle vier deportierte man 1942 nach Theresienstadt und ermordete sie dort. Ihre Kinder konnten noch in die USA flüchten und starben in New York und San Francisco. Einer der Söhne, Leopold, war Gründungsmitglied des Fußballvereins in Lindheim.

Tief bewegt von Lebensgeschichten

In der Altenstädter Straße 29 verlegte man drei Stolpersteine, die an Joseph Lindheimer II und seine Frau Amalie sowie an seine Schwester Rosa Süsskind erinnern. Er war Metzgermeister und Vorsitzender der jüdischen Gemeinde. Ihnen entzog man ebenfalls 1935 das Bürgerrecht. Joseph wurde zwei Tage vor seiner Schwester Rosa in Theresienstadt am 18. September 1942 ermordet, während man seine Frau in Treblinka ermordete. Die beiden Söhne konnten ebenfalls fliehen, und zwar nach Holland und in die USA.

Alle Teilnehmer der Verlegung zeigten sich tief bewegt, nach Seums Ausführungen über das teilws sehr kurze Leben der jüdischen Mitbürger.

»Es ist ein wichtiges Zeichen, das wir heute in Altenstadt setzen«, betonten Müller-Winter und Seum. »Die genannten Menschen wurden nicht nur aus Altenstadt verbannt, sondern förmlich ausgelöscht. Wir vergessen sie nicht und sorgen mit dem Setzen der Stolpersteine dafür, dass ihre Namen lebendig und immer mit Altenstadt verbunden bleiben.« Man war sich einig, alles zu tun, dass Hass, Hetze, Diskriminierung und menschenverachtende Ideologien in Altenstadt keinen Platz haben.

cwo_stolpersteine_240922_4c
In Lindheim erinnern die ersten verlegten Stolpersteine in der Gemeinde Altenstadt an das Schicksal jüdischer Mitbürger, die dem Nazi-Terror zum Opfer fielen. © pv

Auch interessant

Kommentare