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Archäologen entdecken Friedhof auf Baugebiet

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Von: Oliver Potengowski

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Grabungsleiter Thomas Schnierl, Werner Erk vom Geschichtsverein Glauburg und Bürgermeisterin Henrike Strauch am Befund einer steinzeitlichen Holzkohlegrube. © Oliver Potengowski

Archäologische Voruntersuchungen im Wohnbaugebiet »Hinter dem Falder« in Stockheim brachten zwei Gräber und damit eine über die Jahrtausende alte Geschichte hervor.

Wegen der guten klimatischen Bedingungen und der hervorragenden Böden war die Wetterau schon frühzeitig dicht besiedelt. Deshalb wurden auch für das neue Baugebiet östlich des Bahnhofs Stockheim archäologische Funde erwartet. Das Gebiet sei »direkt am Glauberg gelegen, da gehen bei uns die Ohren auf«, beschreibt der Bezirksarchäologe des Landesamts für Denkmalpflege, Hardy Prison, die besondere Sensibilität.

Deshalb seien im Vorfeld geomagnetische Untersuchungen beauftragt worden. Veränderungen der Bodenstrukturen durch den Menschen wirken sich auf das Erdmagnetfeld aus. Die Messergebnisse lassen sich in selbst für Laien aussagekräftigen Karten darstellen. Tatsächlich ließen die kartierten Messwerte für das Wohnbaugebiet »Hinter dem Falder« interessante Ergebnisse erwarten.

Grabungsleiter Thomas Schierl erläutert, dass er sich mit seinen Mitarbeitern gezielt auf die in der geomagnetischen Voruntersuchung sichtbaren Befunde konzentriert habe. Dadurch konnte die archäologische Grabung auf eine Fläche von rund zehn Prozent des sieben Hektar großen Baugebiets beschränkt werden.

Am ersten Tag was Sensationelles

»Ich war am ersten Tag hier und da kam gleich was Sensationelles raus«, freut sich Prison. Dass die Grabung nicht Gold, Silber oder Edelsteine zutage förderte, tut der Begeisterung keinen Abbruch. Denn Archäologen sind solche Funde weniger wichtig, als die Befunde. Erst der Zusammenhang, in dem die Spuren der Vergangenheit entdeckt werden, lassen Rückschlüsse auf die Geschichte zu. Dabei haben für den Laien unscheinbare Verfärbungen im Boden manchmal mehr Bedeutung als Schmuck und Edelmetalle. 180 solcher Befunde wurden auf den rund 7000 Quadratmetern Grabungsfläche entdeckt. Am spektakulärsten und auch für den Laien eindrucksvollsten sind ein Männer- und ein Frauengrab mit reichhaltigen Beigaben.

Der Mann aus der sogenannten schnurkeramischen Kultur wurde vor ungefähr 5000 Jahren mit Waffen wie einer Basaltaxt, Feuersteinklingen und einem Becher bestattet. Aus der gleichen Zeit stammt das Frauengrab aus der Glockenbecherkultur, in dem sich leuchtend blaue Keramik fand. Vermutlich waren die Gefäße mit Speisen gefüllt. »Es geht darum, den Status im Jenseits zu erhalten«, erläutert Schnierl die Funktion reicher Grabbeigaben. Unklar ist in diesem Zusammenhang noch die Bedeutung einer Reihe bunter Steine in dem Frauengrab.

Ungewöhnlich sei, dass die beiden Gräber, obwohl sie nahezu gleich alt sein dürften, unterschiedlichen Kulturen entstammen. »Das ist das Spannende an dem Fundort, dass die in Sichtweise an einem Platz vorkommen, ist untypisch«, erläutert der Grabungsleiter. »Normalerweise schließen die sich aus.«

Im Gespräch mit dieser Zeitung schränkt er ein, dass die Datierung vorgeschichtlicher Funde aus der Jungsteinzeit eine Unschärfe habe. »Wir sprechen von der Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen«, verdeutlicht er, dass das Alter von Befunden aus einem scheinbar gleichen Zeitabschnitt sich durchaus um mehrere Generationen unterscheiden kann.

Er geht davon aus, dass das Frauengrab durch einen Grabhügel gut erkennbar gewesen sei und den Mittelpunkt weiterer Bestattungen in der Bronzezeit gebildet habe. Durch deren Abstand von dem Frauengrab ließe sich sogar der Durchmesser des Frauengrabs rekonstruieren. Schierl vermutet am Ortsrand von Stockheim eine Nekropole, die über mehrere Jahrtausende genutzt wurde. Das Gräberfeld erstrecke sich weit über das geplante Baugebiet hinaus.

Wenn die Erde dunkel verfärbt ist

Die ältesten Besiedlungsspuren des zukünftigen Baugebiets sind sogenannte Schlitzgruben. Sie zeichnen sich durch ihre spätere Verfüllung deutlich als dunkle Verfärbungen im gewachsenen Erdreich ab. Diese könnten aus dem 6. Jahrtausend vor Christus stammen, erklärt Schierl. 2,30 bis 2,40 Meter tief seien die Gruben gewesen, etwa einen Meter lang aber nur etwa 40 bis 50 Zentimeter breit.

»Allein die Tatsache, wie man sie ausgegraben hat, ist ein Rätsel und erst recht, warum«, stellt er fest, dass jeder Befund nicht nur Fragen beantworte, sondern auch neue aufwerfe. »Bis heute gibt es keine allgemein akzeptierte Erklärung«, beschreibt er den Stand der wissenschaftlichen Diskussion. Die Versuche reichten von kühlenden Vorratsgruben über Wildfallen bis zu Opfergruben.

»Wenn wir Archäologie machen, ist das immer auch Landschaftsgeschichte«, weist Schierl darauf hin, dass die Befunde auch Rückschlüsse auf Veränderungen der Umwelt wie Überflutungen oder Erosion ermöglichen. In Stockheim reichten die Befunde vom 3. oder vierten Jahrtausend vor Christus bis heute. So finden sich Drainagen, um die landwirtschaftliche Nutzung zu verbessern, die seit dem 16. bis ins 19. Jahrhundert angelegt wurden.

Zahlreiche Funde und Befunde kaputt

Die mit zunehmender Technik intensivere Landwirtschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Funde und Befunde zerstört. Schierl erklärt, dass die Gräber sich nur knapp eine Pflugschartiefe unter der Oberfläche befinden. Weniger tiefe Bestattungen seien unbemerkt umgepflügt worden. Dazu habe der durch Düngung saure Boden Grabbeigaben aus Bronze zugesetzt. Diese seien so brüchig, dass sie sich kaum rekonstruieren ließen.

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Eine Basaltaxt aus dem steinzeitlichem Männergrab. © Oliver Potengowski

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