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Außergewöhnliche Sappho-Lesung im Ortenberger »Tat-Ort«

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Nach einem gelungenen Ausnahmeabend über die antike Dichterin Sappho: Lilli Schwethelm, Georg Crostewitz (rechts) und Michael Schroeder. © Ingeborg Schneider

Unsterbliche Verse der vor 2500 Jahren auf der Insel Lesbos verstorbenen antiken Dichterin Sappho präsentieren Lilli Schwethelm, Georg Crostewitz und Michael Schroeder.

Ortenberg (mü). »Der Mond ist untergegangen, die Plejaden. Mitternacht. Die Stunden fließen weiter. Ich aber, ich liege allein.« Unsterbliche Verse der vor 2500 Jahren auf der Insel Lesbos verstorbenen antiken Dichterin Sappho, eine zauberhafte Symbiose aus Lesung und emotionaler musikalischer Begleitung sowie ein faktenreicher Kurzvortrag sorgten für einen Ausnahmeabend unter dem Motto »Einen Traum habe ich dir erzählt« im »Tat-Ort«-Theater, dem ehemaligen »Fresche Keller«.

Lilli Schwethelm als Rezitatorin und Verkörperung der Sappho, Georg Crostewitz als Übersetzer von Poesie in Musik, Klang, Improvisation und Begleitung sowie Michael Schroeder als kundiger altphilologischer Übersetzer und Repräsentant des wissenschaftlichen Fundaments und der Forschungslage ließen auf Einladung des Kulturkreises »Altes Rathaus« in Ortenberg die Gestalt einer zweieinhalb Jahrtausende von der Jetztzeit entfernten Frau, Liebenden, Dichterin und charismatischen Visionärin auferstehen.

Sappho, geboren um 625 v. Chr. und gestorben um 560 v. Chr., galt einst dem Philosophen Platon als die zehnte unter den göttlichen Musen sowie vielen Zeitgenossen als gefallene Verbannte und der Hurerei anheimgefallene, zügellose Adelige. Heute gilt sie Frauen und Männern als erste Lyrikerin Europas, Vorbotin eines befreiten, geschlechterübergreifenden Eros und der hochaktuellen, konsequenten Verdammnis von Krieg und Waffengeklirr, Leid, Flucht und Verarmung.

Spannende Rezitation

Die ersten Szenen der außergewöhnlichen Rezitation spiegelten das Warten der Sappho im Hafen von Lesbos auf ihren ältesten Bruder Charaxos wider, der auf langen Irrfahrten über das Mittelmeer hinweg in Gefahr geriet. Hinzu kam ihre flehentliche Bitte an Cypris, ein intimer Kosename für die Liebesgöttin Aphrodite, sie möge dem Langersehnten eine friedliche und gesunde Heimkehr ermöglichen. Die Liebe zur Natur, zu Frauen wie Männern, zu ihrer einzigen Tochter Kleis und ihren Schülerinnen, ebenso wie zur Transzendenz, zum Zweispalt innerhalb des eigenen Ichs sowie zum Frieden im Wohlwollen der Himmlischen waren existenzielle Themen der außergewöhnlichen Lesung.

Sappho unter ägäischem Licht, verlassen von ihrer aufs Festland verheirateten Tochter, umgeben von ihren Schülerinnen, denen sie exquisite Bildung und Ausbildung zukommen ließ, tatkräftig bei der Rekonstruktion und Wiederbelebung ihres Familienerbes, schließlich, nach einem schillernden Leben, ausgeliefert an das Alter, das sie ihre Endlichkeit und den Hades in den Blick nehmen ließ: Ein solches vielschichtiges Leben, das unter vielem anderen auch die Erfindung des Plektrums zum Anschlagen der Lyra und der heutigen Gitarre umfasst, kann wohl kaum empathischer erfasst werden, als es im »Tat-Ort« geschah. Die wissenschaftliche Fundierung durch Michael Schroeder, die jede Nuance präzise und emotional greifbar erfassende Rezitation durch Lilli Schwethelm, abschließend auch in der altgriechischen Originalsprache, und die einfühlsame Begleitung durch Georg Crostewitz - der sowohl die akustische Gitarre als auch die griechische Kalebasse und den australischen Regenmacher einsetzte, der »Michelle« und »And I love her« von den Beatles zitierte - entwarfen das Bild einer Frau, die es auch heute noch vermag, mit Wortgewalt, Liebe und Leidenschaft eine Brücke über zweieinhalb Jahrtausende zu schlagen. »Kein Weg zum Olymp für uns Menschen.« Zumindest eine solche Sappho-Zeile mochte man nach diesem Abend ansatzweise infrage stellen.

Die Vorsitzende des Kulturkreises »Altes Rathaus«, Manuela Baumann, unterstrich abschließend, es sei bedauerlich, dass diese wundervolle und aufwendige Symbiose dreier Menschen im Dienst von Kunst und Wissenschaft ausschließlich einem einzigen Abend vorbehalten sein sollte. »Sappho auf eine solch gleichermaßen subtile und kundige wie intensive Weise kennenzulernen, sollte auch das Privileg anderer Veranstalter sein, die sich gern an unseren Kulturkreis wenden und das Trio zu sich einladen können«, sagte Baumann.

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