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Autark: »Wagnis« zahlt sich aus

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Bürgermeisterin Susanne Schaab, Marco Schröder, Jochen Wöllner und Bauabteilungsleiterin Elke Högy freuen sich über den Erfolg der mit Holzhackschnitzeln aus eigener Produktion betriebenen Heizzentrale. FOTO: WEIL © Stefan Weil

Die Idee, in der Innenstadt von Schotten ein Nahwärmenetz aufzubauen und die zentrale Heizanlage mit Baum- und Heckenrückschnitt aus eigener Produktion zu befeuern, macht sich heute bezahlt. Preisexplosionen auf dem Energiesektor spielen keine Rolle.

Als vor knapp zehn Jahren in Schotten die Pläne für ein Nahwärmenetz allmählich zu einem Konzept reiften, über das die Stadtverordneten entscheiden konnten, wäre als kostengünstigere Variante zur Energieerzeugung ein mit Erdgas betriebenes Blockheizkraftwerk in Frage gekommen. Dass die Entscheidung für Holzhackschnitzel aus heimischem Material, das direkt vor Ort gewonnen wird, getroffen wurde, mutet heute an wie der richtige Tipp für einen Sechser im Lotto.

»Es war im Nachhinein betrachtet der beste Weg. Wir waren von dem Projekt überzeugt«, sagt Bürgermeisterin Susanne Schaab. »Als wir die Entscheidung getroffen haben, war die Holzhackschnitzellösung aus eigenen Beständen aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht die effizienteste Lösung. Heute können wir vor dem Hintergrund der Kriegssituation die Entscheidung ganz anders bewerten, auch wenn wir uns natürlich andere Rahmenbedingungen wünschen würden. Wir haben einen autarken lokalen Wirtschaftskreislauf, der auch die Landschaftspflege mit einbezieht«, sagt die Bürgermeisterin. Bauhofleiter Jochen Wöllner, der zusammen mit seinem Stellvertreter Marco Schröder den Betrieb der Anlage managt, betont ebenfalls, dass sich das »Wagnis« gelohnt hat. »Wir sehen jetzt, dass es der richtige Weg war.«

Das Zünglein an der Waage

Das Nahwärmenetz mit der Heizzentrale in einem Garagentrakt des früheren Feuerwehrstützpunktes bedient überwiegend städtische Gebäude und Einrichtungen. Zu dem Heizring gehören das Vulkaneum, die Festhalle, das Jugendhaus, der Bauhof, die beiden Gebäude der Stadtverwaltung, die Kita Am Park und das Schwimmbad. Zuletzt angeschlossen wurde noch ein Wohnhaus der Diakonie in der Vogelsbergstraße. Quasi Zünglein an der Waage, damit das Projekt überhaupt umgesetzt werden konnte, spielten die Schottener Sozialen Dienste. Das gemeinnützige Unternehmen als Abnehmer für das Alten- und Pflegeheim sowie das Café-Restaurant »CaRé« spielten bei den finanziellen Abwägungen eine entscheidende Rolle. Inzwischen hat sich das Projekt sehr positiv entwickelt. »Wir überlegen, die Anlage zu erweitern. Die Nachfrage ist groß«, sagt Elke Högy, die Leiterin des städtischen Bauabteilung. Die Auslastung sei von anfänglich 83 auf jetzt 93 Prozent gestiegen.

Die mehr als fünfeinhalbjährige Betriebszeit brachte einen langen Lernprozess mit sich, wie Wöllner und Schröder erzählen. »Wir haben viele Erfahrungen gemacht. Heute läuft die Anlage richtig rund.« Das sei nicht immer so gewesen. »Unsere anfängliche Angst ist verflogen. Wir können jetzt nachts gut schlafen.«

In den ersten Wochen und Monaten, nach dem die Anlage angefahren worden war, stiegen öfter Rauchfahnen aus dem hohen Schornstein, der im früheren Schlauchturm des alten Feuerwehrhauses eingebaut ist. »Die Holzhackschnitzel haben wir damals zu lange gelagert. Sie enthielten zu viel Feuchtigkeit«, erklärt Marco Schröder. Auch wurden anfänglich die großen gehackten Holzhaufen mit Planen abgedeckt. Dadurch konnte die Feuchtigkeit nicht entweichen. Heute werden die Hackschnitzel kegelförmig gelagert und nur im Winter besonders geschützt.

Das Brennmaterial stammt komplett aus der Großgemeinde. »Durch die Umsetzung unseres Heckenpflegekonzeptes, durch Verkehrssicherungsmaßnahmen, aber auch durch den Borkenkäfer fällt mehr als genügend Rohmaterial an«, sagt Jochen Wöllner. Das Schnittholz wird auf verschiedenen Plätzen gelagert, die Hackschnitzel auf dem Grünabfallplatz am Bockzahl. Rund 1600 Schüttraummeter werden pro Jahr zum Betrieb der Heizzentrale benötigt. Das ist rund ein Drittel weniger, als ursprünglich bei der Planung angenommen. Mittlerweile kann die mit viel digitaler Technik ausgestattete Heizanlage mit einer entsprechenden Software sehr fein gesteuert werden, was ein flexibles Reagieren auf unterschiedliche Feuchtigkeitsgrade und Holzarten ermöglicht.

Die Heizanlage hat einen Holzkessel mit einer Leistung von 430 KW. Für Spitzenlasten im Winter kann ein mit Öl betriebener kleinerer Heizkessel zugeschaltet werden. Der Wirkungsgrad beträgt 92 Prozent. Die Anlage arbeitet völlig emissionsfrei. Feinstäube werden durch eine besondere Filteranlage aufgefangen. Die Brennkammer verfügt über eine automatisch arbeitende Entaschungsanlage, die die Verbrennungsrückstände in zwei angeschlossene Säcke ableitet. Ein beauftragtes Spezialunternehmen sorgt für die regelmäßige Entsorgung.

Gesteuert und überwacht wird die Anlage mit mehreren Kameras und über ein Gebäudeleitsystem, das entweder direkt vor Ort über Bildschirme oder über das Internet vom Bauhof aus bedient werden kann. Und natürlich auch von zu Hause und sogar aus dem Urlaub, wie Jochen Wöllner sagt. Bei Störungen bleibt den Mitarbeitern daher meist der Weg in die Heizzentrale erspart. Lediglich bei schwerwiegenderen Problemen müssen sie vor Ort eingreifen. Zum zuständigen Team gehören noch Hartwig Strauch und Michael Rötzel.

Die im Heizkessel erzeugte Wärmeenergie heizt über einen Wärmetauscher Wasser auf, das in zwei großen, jeweils 10 000 Liter fassenden Tanks zwischengespeichert wird. In das Rohrleitungssystem wird das Wasser mit einer Temperatur bis zu 85 Grad abgegeben. Die Verteilung in das Wärmenetz erfolgt über zwei Pumpen für den Winterbetrieb und einer Pumpe für den Sommerbetrieb. Beim Rücklauf sinkt die Wassertemperatur nicht unter 50 Grad Celsius. In den versorgten Gebäuden ist nur noch eine kleine Übergabestation nötig, um das ankommende heiße Wasser in den hausinternen Kreislauf ein- und aus diesem wieder abzuleiten.

Bei voller Leistung der Heizanlage werden rund 100 Schüttraummeter Hecken- und Gehölzrückschnitt in der Woche benötigt. Dass die natürliche Ressource einmal erschöpft sein wird, ist nicht zu befürchten. »Wir haben etwa einen dreifachen Puffer an Rückschnittmaterial, und das Holz wächst ja ständig wieder nach«, sagt Marco Schröder. Die Hackschnitzel werden in den Lagerraum der Heizanlage geschüttet. Er ist so hoch gebaut, um die Ladefläche des großen - stadteigenen - Transportanhängers aufrecht stellen zu können. Der Lagerraum hat einen befahrbaren Schubboden, von dem die Hackschnitzel auf einen sogenannten Kettenförderer geschoben und in den Zuführungsschacht zum Holzkessel weitergeleitet werden. Der Bedarf für den Nachschub wird mit Hilfe von Sensoren gesteuert.

Freibad-Wasser langsam erwärmen

In den vergangenen Wochen hat sich das Nahwärmenetz mit der nachhaltig betriebenen Heizzentrale im Hinblick auf eine beliebte Freizeiteinrichtung Schottens wieder bewährt. Die beiden Becken des Erlebnisbades werden mit der stadteigenen Wärmeenergie versorgt. Seit vergangenem Jahr zusätzlich auch die Duschen in dem Umkleidebereich. Rund 1,5 Millionen Liter Wasser müssen vor der Saison auf die Badetemperatur von rund 23 Grad gebracht werden. »Anfangs haben wir versucht, das Wasser in wenigen Tagen zu erwärmen«, berichtet Marco Schröder. »Jetzt lassen wir uns mehr Zeit, das spart insgesamt etwas an Energie. Natürlich spielt auch das Wetter eine Rolle, wie lang die Sonne scheint oder wie kalt die Nächte sind.« Ein Defizit hat die Heizzentrale allerdings, wie Jochen Wöllner meint. »Wir benötigen natürlich Strom für den Betrieb. Sollte der einmal ausfallen, hätten wir ein Problem. VON STEFAN WEIL

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