Baugebiet Dieselstraße

Billig wohnen, aber laut

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In Bad Nauheim soll ein neues Wohngebiet entstehen, diesmal nicht für Einfamilienhäuser, sondern für Geschosswohnungsbau. Mit 300 Wohnungen ist zu rechnen, darunter viele zur Miete. Ein Vorgang, um den es Krach gibt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Nachdem das Bad Nauheimer IT-Unternehmen Inconso plant, ins Gewerbegebiet Frankfurter Landstraße zu ziehen, haben sich immer mehr Gründe ergeben, der Dieselstraße ein anderes Gesicht zu verleihen. Bislang ist dort fast ausschließlich Gewerbe angesiedelt, wie der Vorsitzende des städtischen Bauausschusses, Martin Düvel (Grüne), am Donnerstagabend im Stadtparlament erklärte.

Nach Absprache mit den Grundstückseignern, von denen ein Großteil die Entwicklung zu Wohnbebauung anstrebe, plane die Stadt eine Änderung des Baurechts.

300 attraktive Wohnungen könnten entstehen, wobei möglichst viel zur Miete erhältlich sein solle. Die Verwaltung erarbeitete bereits ein Konzept, nach dem zwei- bis vierstöckige Häuser errichtet würden. Düvel bat die Stadtverordneten, dem städtebaulichen Konzept zuzustimmen, das der städtische Bauausschuss kürzlich einstimmig absegnete. Die SPD hatte sich seinerzeit allerdings enthalten.

Schon im Rahmen der Ausschusssitzung kam es zu Kritik, die die Sozialdemokraten jetzt ausfütterten. Anlass ist die Lärmsituation. Das geplante Wohngebiet ist nicht weit von der Bahnlinie und der Umgehungsstraße am Goldstein entfernt. Laut Verwaltung ergab ein Gutachten vom Februar vorigen Jahres, dass zwar hohe Lärmbelastung vorliege, gleichwohl keine Schallschutzwand notwendig sei.

Stattdessen sollen die Häuser, die den Gleisen am nächsten liegen, eine langgezogene, riegelartige Form erhalten. Das soll die Immissionen abhalten. Passive Lärmschutzschritte, wie spezielle Fenster, sollen den Rest besorgen. „Wir haben Bedenken“, betonte Sozialdemokrat Johannes Krautwurst. Er verwies aufs Baugebiet Alte Saline, das ein paar hundert Meter weiter liegt und „Magisches Wohnen“ vorsieht. Die Immissionslage sei dort vergleichbar, allerdings wirke das denkmalgeschützte Salinengebäude laut einem Gutachten als Lärmpuffer. Eine benachbarte Schotterfläche eigne sich laut derselben Expertise aber nicht für Wohnbebauung – wegen des Krachs.

Krautwurst äußerte: „Hier wird mit verschiedenen Meinungen und Gutachten gearbeitet“. Fürs „gutbetuchte ’Magische Wohnen‘ hinter der Saline“ würden offenbar andere Maßstäbe angelegt als an den Geschossbau, wo sich vermutlich geringverdienende Familien einmieten sollten. Er beantragte, Wohnhäuser nur auf der östlichen Seite der Dieselstraße zu genehmigen. Auf der westlichen Seite, zur Bahnlinie, solle es bei Gewerbe bleiben. Rathauschef Armin Häuser (CDU) verwahrte sich gegen den „Zungenschlag“, nobles Wohnen werde anders behandelt als Geschosswohnungsbau. Der Tüv habe das Gutachten erbracht und klar dargelegt, dass die geplanten passiven Schritte reichten.

Von „Billigwohnen mit Lärm“ könne nicht die Rede sein. „Es ist daneben, das eine gegen das andere auszuspielen“, so Häuser erzürnt. Die Entscheidung, 300 Wohnungen im unteren und mittleren Preissegment zu entwickeln, sei vielmehr sehr vernünftig. So wie auch jeder Grundstückseigentümer interessiert sei, etwa Vernünftiges zu entwickeln.

Jürgen Burdak (3B) widersprach. „Niemand hat von Lärmschutzwand gesprochen – sie wäre auch städtebaulich nicht schön. Aber es gibt architektonisch gute Lösungen, Immissionen abzuhalten. Staffelbauweise beispielsweise.

Wir finden es nicht in Ordnung, Wohnbebauung mit großen Lärmschneisen zu planen.“ Womit er auf Lücken zwischen den künftigen Häusern anspielte. Auch die übrige Bauweise – an der Bahn nur zwei, weiter vom Gleis entfernt vier Stockwerke, statt umgekehrt – ergebe nur einen einzigen Effekt: „Alle haben was vom Lärm“.

Das gelte besonders, wie Krautwurst ergänzte, da zwecks Entlastung der Rheinstrecke mit einer Zunahme des Güter- und Personenzugverkehrs zu rechnen sei. Die große Mehrheit des Parlaments teilte die Einwände nicht und beschloss die Pläne. Der SPD-Antrag kam nicht durch.

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