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Bad Nauheim Radonmessung Kurpark Carl Philipp Möll und David Gips (mit Bart), beide Studenten TU Darmstadt

Studentenprojekt

Wie häufig kommt das radioaktive Gas Radon in Bad Nauheim vor?

Bad Nauheim ist gestört – zumindest unterirdisch. Dort haben sich Gesteinspakete gegenseitig verschoben. Ohne diese Veränderung gäbe es wohl keine Solequellen und keine Kurstadt. Doch diese Durchlässigkeit lässt nicht nur salzhaltiges Wasser leicht nach oben steigen, sondern auch verschiedene Gase, etwa Radon. Nach diesem radioaktiven chemischen Element wird zurzeit im Kurpark gesucht.

Was treiben die zwei jungen Männer im Kurpark? Diese Frage mögen sich einige Bad Nauheimer in den letzten Tagen gestellt haben. Es kann Entwarnung gegeben werden: Carl-Philipp Möll und David Gips, zwei Geologiestudenten der TU Darmstadt, sammeln für eine Masterarbeit Daten über das Radonaufkommen im Kurpark.

Ein Beispiel: Zwischen Sprudelhof und Hotel Dolce rammen sie alle 15 bis 20 Meter eine Stange einen Meter tief in den Boden, führen dann eine Sonde ein, um festzustellen, wie viel Becquerel (Bq) Radon dort vorkommen. An mehreren Stellen im Park gehen Möll und Gips so vor. In Badehäusern und dem Eisstadion wird zusätzlich die Raumluftkonzentration erfasst.

Das radioaktive Edelgas hat nämlich einen schlechten Ruf, gilt als Auslöser für Lungenkrebs, wenn zu viel davon dauerhaft in Räumen vorhanden ist. Mit reißerischen Überschriften wie "Der Tod aus der Toilettenschüssel" oder "Krebsgefahr aus dem Keller" haben Zeitschriften darüber berichtet. Seit Ende 2018 gibt es ein Bundesgesetz: Wenn der Radonwert 300 Bq pro Kubikmeter Raumluft überschreitet, muss gegengesteuert werden, falls das mit vertretbarem Aufwand möglich ist. Datengrundlage schaffen

Um die Datengrundlage für Handlungsanweisungen auf Landesebene, die aus dem Gesetz resultieren, zu schaffen, sind derzeit auch Physiker Till Kuske (THM) und der Geologe Rouwen Lehné vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in Bad Nauheim aktiv.

Kuske ist Projektleiter an der Technischen Hochschule Mittelhessen für eine Messkampagne im Rahmen der "Radonstrategie Hessen", Lehné berät das THM-Team aus geologischer Sicht. Im Auftrag des Umweltministeriums werden an 750 Messstellen in Hessen Radonwerte im Boden ermittelt.

Alle zehn Jahre soll eine Überprüfung der Resultate erfolgen. Die Masterarbeit der Studenten läuft parallel, ihre Ergebnisse fließen in die Gesamtbetrachtung der Lage in Bad Nauheim ein. "Es geht nicht nur darum zu messen, die Resultate müssen auch wissenschaftlich korrekt interpretiert werden", sagt Lehné. Karte soll entstehen

Laut Kuske gibt es in Hessen keine ausreichenden Erkenntnisse zum Radonvorkommen. "Wir brauchen eine rechtlich einwandfreie Basis. Aufgrund unserer Messresultate soll bis Ende 2019 eine Karte über die Konzentration in allen Landkreisen entstehen", sagt der Physiker. Beim HLNUG rufen nach Aussage Lehnés öfter Bürger an, die sich über Gesundheitsgefahren durch Radon Gedanken machen.

Grund zur Besorgnis dürfte es in Hessen nach bisher vorliegenden Erkenntnissen kaum geben. Nur aus Südhessen und dem nordwestlichen Taunus liegen ältere Messergebnisse vor, die auf eine erhöhte Radonkonzentration hindeuten. "Bei Bedarf regelmäßig durchlüften oder in Kellern ohne Fenster eine Lüftungsanlage einbauen", rät Kuske. In neuen Häusern wie im Baugebiet Bad Nauheim Süd, die in Wannen gebaut werden, bestehe keine Gefahr, dass das Edelgas in Räume eindringt. In alten Gebäuden steigt das Radon wie auch CO2 – etwa im Sprudelhof-Keller – durch kleine Öffnungen in der Bodenplatte auf. Höhere Werte können im Keller oder Erdgeschoss entstehen, nur in Ausnahmefällen auch in oberen Stockwerken.

Wie die Radonergebnisse in Bad Nauheim ausfallen werden, lässt sich derzeit nicht sagen, denn die Studenten sind noch bis Ende Januar tätig. Auch die Konsequenzen, die das Land in ein paar Jahren aus der Messkampagne von Kuskes Team ziehen wird, sind unklar.

Den im Bundesgesetz verankerten Referenzwert von 300 Becquerel hält Kuske für ausreichend, die Empfehlung des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) für zu restriktiv. Das BfS rät, bereits ab einer Konzentration von 100 Bq pro Kubikmeter Raumluft zu handeln.

"Sind Referenzwerte zu niedrig, wären deutschlandweit Millionen von Arbeitsplätzen betroffen. Es muss abgewogen werden, was vernünftig und machbar ist. Sind Handlungsanweisungen zu hart, funktionieren sie nicht", sagt der THM-Physiker. Werden die 300 Becquerel überschritten, hält auch er eine Vorsorge für notwendig.

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