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Beim Eintritt in den Gerichtssaal schirmt der Verteidiger seine Mandantin mit einer Mappe ab. Der 53-jährigen Angeklagten wird gefährliche Körperverletzung in drei Fällen vorgeworfen – einmal davon in Tateinheit mit versuchtem Mord.

Kollegen vergiftet?

Tödliche Plätzchen - Krankenschwester wehrt sich gegen Vorwurf

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Schlafmittel in Kaffee und Plätzchen, Kollegen, die in Ohnmacht fielen - die Fälle an der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim erschütterten die Wetterauer. Nun beginnt der Prozess.

  • Krankenschwester soll an der Kerckhoff-Klinik Mitarbeiter vergiftet haben
  • Fall aus der Wetterau sorgte für Schlagzeilen
  • Opfer schwebte in Lebensgefahr, Kollegen fielen in Ohnmacht

Update, 9.3.2020, 20.02 Uhr: Kameras, Mikrofone, viele Besucher hinter der Glasscheibe in Saal 207 – und ein Verteidiger, der seiner Mandantin eine rote Mappe vors Gesicht hält, während die Kameras draufhalten. Am Gießener Landgericht war am Montag das Interesse groß, als eine 53-jährige ehemalige Krankenschwester auf der Anklagebank Platz nahm. Sie sitzt seit September in Untersuchungshaft. Seit den 80er Jahren arbeitete die Frau an der William-Harvey-Klinik in Bad Nauheim, blieb dort auch nach der Übernahme durch die Kerckhoff-Klinik. Zweimal im September 2017 und einmal im März 2019 soll sie mit Kaffee und Keksen, versetzt mit dem Medikament Oxazepam, Kollegen vergiftet haben. Es handelt es sich um ein Benzodiazepin, das unter anderem gegen Ängste eingesetzt wird. 

Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Knapp dem Tod entkommen

Staatsanwalt Friedemann Vorländer wirft der Frau in drei Fällen gefährliche Körperverletzung vor, einmal davon in Tateinheit mit versuchtem Mord. 

Im September 2017 und im März 2019 soll die mittlerweile 53-jährige Wetterauerin als Krankenschwester an der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik Kollegen vergiftet haben. Seit vergangenen September sitzt sie in U-Haft. 

Zwei Taten ereigneten sich im September 2017. An beiden Tagen klagten jeweils zwei Personen über massive körperliche Beschwerden. Doppelbilder, Schwindel, Verlust des Bewusstseins. Bei einem Arzt sank die Herzfrequenz auf 38 Schläge pro Minute, er hatte längere Atemaussetzer und wäre beinahe gestorben. Wie Vorländer am Rande des Prozesses erläuterte, hätte der Angeklagten spätestens dann die Gefährlichkeit ihres Handelns bewusst sein müssen, weshalb der Fall aus dem März 2019 auch als versuchter Mord zu werten sei. Das letzte Opfer hat laut Staatsanwalt nur aufgrund seiner großen und kräftigen Statur nicht in akuter Lebensgefahr geschwebt. 

Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Das Rätsel um das Mixgerät 

Die Angeklagte bestritt die Vergiftungvorwürfe. "Ich war es nicht", betonte sie. Ihr Verteidiger erklärte: "Sie hat gegen niemanden irgendetwas gehabt und hat das nicht getan." Die 53-Jährige steht auch wegen einer Trunkenheitsfahrt vor Gericht – die sie über ihren Verteidiger einräumte. Die Vorwürfe und die Ermittlungen gegen sie hätten die Angeklagte psychisch so sehr belastet, dass sie vermehrt Alkohol getrunken habe. 

Die Zeuginnen, fast alle von ihnen waren damals vergiftet worden, sagten nichts Schlechtes über die ehemalige Kollegin. Der Tod der Mutter, das schwierige Verhalten des Sohnes, die Gerüchte um ein Alkoholproblem der Angeklagten – all das kam zur Sprache. Aber keine Vorwürfe – stattdessen: "Sie war immer eine zuverlässige Kollegin", "Sie konnte laut lachen, sie konnte sich laut aufregen", "Sie hat ein sehr gutes Fachwissen, da konnte man sich drauf verlassen" und "Schlechtes kann ich eigentlich gar nicht sagen über sie". Viele Nachfragen von Richterin Regine Enders-Kunze, Staatsanwalt Vorländer und Verteidiger Thilo Münster drehten sich darum, wer den Kaffee in welcher Schicht aufgesetzt hatte, woher die Opfer die Tassen genommen hatten, wer Zutritt zur Teeküche hatte, wie der Keks geschmeckt hatte, ob er feucht war oder innen eine andere Konsistenz hatte als außen. 

Großes Medieninteresse am Gießener Landgericht: Verteidiger Thilo Münster stellt sich vor der Kamera den Fragen der Journalisten.​

Unstrittig ist, dass die Angeklagte oft selbstgebackene Plätzchen mit zur Arbeit gebracht hat. Unklar hingegen ist die Sache mit dem Mixer. Die Angeklagte behauptete, ab und zu einen Mixer mit zur Arbeit gebracht zu haben. Darin hatte die Polizei Rückstände des Medikaments gefunden. Die 53-Jährige sagte, sie habe damit niemals ein Medikament verarbeitet. Stattdessen habe sie den Mixer genutzt, um sich auf der Arbeit Smoothies zuzubereiten. Nur will keiner der Zeugen jemals einen Mixer in der Teeküche gesehen haben. 

Interessant auch ein anderer Widerspruch: Zwei Zeuginnen sagten aus, die jeweils andere habe in einer Situation darauf bestanden, den Kaffee zu kochen. Wer hat recht? 

Kein ersichtliches Motiv, dafür Widersprüche und Erinnerungslücken – der Prozessauftakt am Landgericht lässt einige Fragen offen. Die können womöglich an den folgenden Verhandlungstagen geklärt werden. Der nächste ist am 23. März.

Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Rätsel um die Medikamentenpackung 

Was das Benzodiazepin betrifft, sagte die Angeklagte folgendes: Die Kollegin, die mehrfach nachts auf ihren Sohn aufpasste, habe sie darum gebeten, ihr aus der Klinik das Medikament mitzubringen, damit sie schlafen könne. Die Kollegin widersprach im Zeugenstand: Sie habe lediglich um eine Tablette gebeten, vermutlich habe sie die noch nicht mal genommen. Wer also hat die übrigen Tabletten benutzt? Und zu welchem Zweck? Um einschlafen zu können? Oder um Kollegin mittels Kaffee und Keksen zu vergiften? 

Und welche Rolle spielt die Chargennummer der Medikamentenpackung, die die Ermittler im Hausmüll der Angeklagten gefunden haben? Diese Nummer weist darauf hin, dass es die Packung noch nicht gegeben haben kann, als die Angeklagte sie für die Kollegin mitgebracht haben will. Gab es also mehrere Packungen?

Update, 9.3.2020, 11.52 Uhr: Die Krankenschwester, die an der Kerckhoff-Klinik Kollegen vergiftet haben soll, hat vor dem Landgericht Gießen über ihren Verteidiger bestritten, ihre Kollegen mit Schlaf- und Beruhigungsmitteln vergiftet zu haben. "Sie hat gegen niemanden irgendetwas gehabt und hat das nicht getan", erklärte der Rechtsanwalt der 53-Jährigen zum Prozessauftakt am Montag. 

Bad Nauheim: Krankenschwester wird versuchter Mord vorgeworfen

Die Staatsanwaltschaft wirft der Deutschen vor, im September 2017 sowie im März 2019 Kaffee und selbst gebackene Plätzchen mit den Arzneien versetzt und ihren Kollegen in der Teeküche der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim zum Zugreifen aufgetischt zu haben. Fünf Kollegen bekamen laut Anklage gesundheitliche Probleme bis hin zu Bewusstlosigkeit - ein Opfer geriet sogar in Lebensgefahr. Die Staatsanwaltschaft wirft der 53-Jährigen unter anderem gefährliche Körperverletzung und in einem Fall versuchten Mord vor.

Erstmeldung, 19.2.2020, 12.21 Uhr: Bad Nauheim - Schockierende Nachrichten waren das vor rund drei Monaten: Eine Krankenschwester soll im September 2017 und im März 2019 an der Kerckhoff-Klinik Kollegen mit benzodiazepinhaltigen Schlafmitteln vergiftet haben. Sie soll die Substanz Plätzchen und Kaffee beigemischt haben. Eines der Opfer schwebte zwischenzeitlich in Lebensgefahr. Wiederholt fielen Kollegen in Ohnmacht.

Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Weitere Termine bis zum 3. April

Die Beschuldigte sitzt seit Ende September 2019 in Untersuchungshaft. Nun gibt es Neuigkeiten in dem Fall. Wie Rouven Spieler, Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen, am Dienstag auf Anfrage mitteilte, stehen die geplanten Verhandlungstermine am Landgericht Gießen nun fest. Am Montag, 9. März, soll das Verfahren demnach beginnen. Folgetermine sind für den 23., den 27. und den 31. März sowie den 3. April geplant. Die Anklage laute in drei Fällen auf gefährliche Körperverletzung, einmal davon in Tateinheit mit versuchtem Heimtücke-Mord. Außerdem wird der Frau Trunkenheit am Steuer vorgeworfen. Bei der Angeklagten handelt es sich um eine mittlerweile 53-jährige Frau aus dem Wetteraukreis. Die Krankenschwester war seit den 80er Jahren ununterbrochen in der William-Harvey-Klinik tätig, die seit 2014 zur Kerckhoff-Klinik gehört.

Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim: Ein Opfer geriet in Lebensgefahr

Wie die November berichtet, hatte die Verunsicherung im Harvey-Gefäßzentrum im September 2017 begonnen. Damals litten plötzlich zwei Kollegen unter Schwindel und wurden bewusstlos. Noch im selben Monat gab es einen weiteren Vorfall: Erneut fielen zwei Beschäftigte in Ohnmacht, eine Person geriet in Lebensgefahr. Der Kripo gelang es nicht, einen Täter zu überführen. Oder eine Täterin. Anderthalb Jahre lang herrschte auf der Station Ruhe - eine trügerische Ruhe, denn Mitte März waren erneut Kaffee und Plätzchen vergiftet. Nur durch einen glücklichen Zufall bestand bei dem Opfer keine Lebensgefahr.

Wie Staatsanwalt Spieler damals informierte, gingen die Ermittler damals von einem und demselben Täter aus. Durch die Analyse der Dienstpläne geriet die Krankenschwester verstärkt in den Fokus der Polizei. Die Frau hatte immer Dienst gehabt, wenn sich die Vorfälle ereignet hatten. Bei einer Hausdurchsuchung in den privaten Räumen der Beschuldigten wurde im Müll die Verpackung eines benzodiazepinhaltigen Schlafmittels gefunden, das aus der Klinik stammte. Außerdem entdeckten die Ermittler in einem Mixer Rückstände des Medikaments. Die Staatsanwaltschaft hatte jedoch keine sichere Erkenntnis darüber, wie das Mittel in Kaffee und Plätzchen gekommen waren. Und ob dies bei der Krankenschwester zu Hause oder auf Station geschehen war, stand ebenfalls nicht fest.

Die Angeklagte stritt die Taten ab. Ob sie vor Gericht bei dieser Version bleibt, wird sich ab dem 9. März am Gießener Landgericht zeigen.

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