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Hier geben sich die Sportler die Klinke in die Hand. Doch die Forschungsergebnisse, die das Institut für Sporternährung in Bad Nauheim verlassen, sorgen wieder einmal für Erstaunen.

Zweifelhaften Auftragsstudie

Macht Schokomilch intelligent?

Seit Jahren streiten Ernährungsexperten, Ärzte, Lebensmittelindustrie und Verbraucherschützer darüber, wie sich Zuckerkonsum auf unsere Gesundheit auswirkt. Die Frage, warum es immer mehr dicke Kinder gibt, spielt dabei eine entscheidende Rolle. In die Schusslinie geraten, ist nun erneut das Deutsche Institut für Sporternährung in Bad Nauheim.

Vor Jahren war das Institut für Sporternährung wegen einer Auftragsstudie für die Lebensmittelindustrie angegriffen worden. Es ging um die „Milchschnitte“ von Ferrero, die 2011 von der Verbraucherorganisation Foodwatch die Negativauszeichnung „Goldener Windbeutel“ für den „frechsten Werbeschwindel des Jahres“ erhielt. Basis der Reklame war nicht zuletzt die Untersuchung der Bad Nauheimer Ernährungswissenschaftler, die das Produkt trotz eines Zucker- und Fettgehalts von rund 60 Prozent als geeignet für Zwischenmahlzeiten empfahlen.

Etwa zur gleichen Zeit wurde der Verein, der heute Deutsches Institut für Sporternährung (DISE) heißt, für die Firma Tetra Pak tätig. Wieder ging es um ein gezuckertes Produkt, das Kinder anspricht: „Joe-Clever“-Schoko-Schulmilch. Durch einen „Spiegel“-Bericht gerät diese Studie jetzt in den Fokus.Die Untersuchung reicht ins Jahr 2010 zurück. Ergebnis: Der Schokomilchkonsum hebe den Intelligenzquotient (IQ) um sieben Punkte an.

„Diese Aussage stammt von mir, dazu stehe ich“, sagt Ernährungswissenschaftler und DISE-Vorstandsmitglied Günter Wagner. Was der Laie unter IQ versteht, eine ständig vorhandene mentale Leistungsfähigkeit, ist allerdings nicht gemeint. Vielmehr geht es um „fluide Intelligenz“, eine kurzzeitige Leistungssteigerung. Botschaft: Schüler können den Unterricht hellwach verfolgen.

„Die Untersuchung und das Fazit sind geradezu lachhaft. Natürlich hat man eine bessere Konzentrationsfähigkeit, wenn man etwas im Magen hat – diesen banalen Effekt könnte man mit praktisch allen Lebensmitteln nachweisen“, kommentiert Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. Der mit dem Produktnamen „Joe Clever“ sowie in Werbetexten suggerierte Eindruck, die Schulmilch mache schlauer, sei aufgeblasener Unsinn.

Das sieht Günter Wagner anders. Sein Verein hatte damals aus zehn Studenten eine homogene Probandengruppe gebildet. Wie Wagners Kollege Uwe Schröder erläutert, sei diesen Personen im Wechsel 50 Gramm Traubenzuckerlösung und 50 Gramm Zucker in Kakaoform verabreicht worden. Regelmäßige Blutanalysen zeigten, wie sich der „Glykämische Index“ (GI) verändert. Er gibt an, wie und wie lange der aufgenommene Zucker den Blutzuckerspiegel beeinflusst. Wagner: „Nur wenn der GI für eine länger andauernde gleichmäßige Leistungssteigerung spricht, empfehlen wir Testphase zwei.“

Bei der Schokomilch sei das der Fall gewesen. Die Probanden absolvierten deshalb in gewissen Zeitabständen einen Intelligenztest. Sie hatten zuvor 200 Milliliter Kakao getrunken – oder eben nicht. „Es handelt sich um ein weltweit anerkanntes Standardverfahren“, sagt Schröder. Wagner zufolge hätten sich die Verarbeitungsgeschwindigkeit von Informationen oder die Merkfähigkeit dank Schokomilch-Genuss verbessert. Deshalb werde das Produkt vom Institut auch empfohlen.

Kritik des Bad Nauheimer Wirtschaftswissenschaftlers Walter Simon, eine wirkliche Studie existiere nicht oder werde geheim gehalten, weist Wagner zurück. „Wer die Genehmigung von Tetra Pak hat, kann die Studie einsehen.“ Die Ergebnisse gingen ins Eigentum des Auftraggebers über. Seien sie für Werbung nicht geeignet, landeten sie oft in der Schublade.

Der „Spiegel“ schrieb am 24. August unter der Überschrift „Schmu mit Schokomilch“ von zweifelhaften Belegen für die Wirkung von „Joe Clever“ und von einem Beispiel für „fragwürdigen Umgang einer scheinbar seriösen Firma mit der Wissenschaft“. Im April hatte das Magazin die Titelstory „Süßes Gift – Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt“ veröffentlicht. Auch darin fanden „Joe Clever“ und das Institut Erwähnung. In die gleiche Kerbe haut Foodwatch.

Laut Geschäftsführer Rücker ist der Zusammenhang von Zuckerkonsum und Übergewicht nachgewiesen. Verwerflich sei es, wenn gesüßte Schulmilch mit Steuergeld subventioniert werde, wie es in Hessen geschehe. Vermutlich nicht mehr lange, denn Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) kündigt den Ausstieg an. Aus Sicht Wagners ist das nicht nachvollziehbar: „Kinder trinken keine Vollmilch. Deshalb ist mir Kakao mit wenig Zucker lieber als Limonade mit viel Zucker.“

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