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Fünf Mitarbeiter des Harvey-Gefäßzentrums auf dem Kerckhoff-Campus sind Opfer eines Giftanschlags mit Medikamenten geworden, ein Opfer hat in Lebensgefahr geschwebt. Die mutmaßliche Täterin, eine Krankenschwester, sitzt in Untersuchungshaft.

Krankenschwester angeklagt

Mordversuch mit Schlafmittel: Krankenschwester in Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim angeklagt

Eine Krankenschwester der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim sitzt in Untersuchungshaft. Sie soll fünf Kollegen mit Schlafmitteln vergiftet haben. Die Anklage lautet unter anderem auf versuchten Mord.

Bad Nauheim - Seit September 2017 waren einige Mitarbeiter des Harvey-Gefäßzentrums der Kerckhoff-Klinik verunsichert und besorgt. Die Staatsanwaltschaft Gießen bestätigt Informationen, wonach damals plötzlich zwei Mitarbeiter unter Schwindel litten und bewusstlos wurden. Im selben Monat ein zweiter Vorfall: Wieder fielen zwei Beschäftigte in Ohnmacht. "Eine Person geriet vorübergehend in Lebensgefahr", sagt Rouven Spieler, stellvertretender Pressesprecher der Ermittlungsbehörde.

Wie Untersuchungen zeigten, war eine Überdosis an benzodiazepinhaltigen Schlafmitteln Ursache der extremen gesundheitlichen Probleme. Strafanzeigen wurden erstattet, die Kriminalpolizei nahm Ermittlungen auf. Ergebnis: Eine große Menge des Medikaments war Plätzchen und Kaffee beigemischt. Die Opfer hatten diese Lebensmittel zu sich genommen.

Bad Nauheim: Schlafmittel-Vorfall in Kerckhoff-Klinik beschäftigt Polizei

Trotz aller Bemühungen gelang es der Kripo im Herbst 2017 nicht, den Täter zu überführen. Klar war wohl nur, dass der Verdächtige Mitarbeiter der betroffenen Station des Gefäßzentrums sein muss. Nach dem vorläufigen Abschluss der Polizeiaktion kehrte in der Klinik für etwa eineinhalb Jahre Ruhe ein, es kam zu keinen ähnlichen Vorkommnissen. Erst Mitte März 2019 trat der nächste Fall vom Medikamenten-Vergiftung auf, erneut waren Kaffee und Plätzchen mit Schlafmittel versetzt. Nur durch einen glücklichen Zufall geriet die betroffene Person nicht in Lebensgefahr. Nach Aussage von Spieler gingen die Polizisten in allen drei Fälle vom selben Täter aus. "Dadurch verengte sich der Kreis möglicher Täter, es ergab sich ein Anfangsverdacht gegen die Angeschuldigte", erklärt der stellvertretende Pressesprecher. Zuvor waren die Dienstpläne der Station genau analysiert worden. Wie sich dabei zeigte, hatte die verdächtige Krankenschwester zum Zeitpunkt der Anschläge jeweils Dienst.

Nächster Schritt war eine Wohnungsdurchsuchung. Spieler zufolge lag im Hausmüll die Verpackung eines benzodiazepinhaltigen Schlafmittels, das aus der Klinik stammte. Zudem fanden Mitarbeiter der Spurensicherung in einem Mixer Rückstände des Medikaments. In dem Küchengerät könnte dem Plätzchenteig das Schlafmittel beigemischt worden sein. Allerdings hat die Staatsanwaltschaft keine gesicherten Erkenntnisse darüber, wie das Schlafmittel Kaffee und Gebäck beigefügt worden ist. Nicht eindeutig geklärt ist auch, wo das Schlafmittel beigemischt wurde - in der Wohnung oder am Arbeitsplatz.

Bad Nauheim: Keine Hinweise auf Tatmotiv in Kerckhoff-Klinik

Ende September wurde die Frau verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. "Die Staatsanwaltschaft Gießen hat Ende Oktober Anklage wegen dreier Fälle von gefährlicher Körperverletzung erhoben, in einem Fall in Tateinheit mit versuchtem Mord", sagt Spieler. Der Vorwurf des versuchten Mords bezieht sich auf die Tat im März dieses Jahres. Weil 2017 eines der Opfer in Lebensgefahr geschwebt hatte, sei der Beschuldigten bewusst gewesen, "wie gefährlich ihr Treiben ist".

Die Krankenschwester ist seit etwa zwei Monaten inhaftiert, streitet aber nach wie vor alle Vorwürfe ab. Laut Spieler gibt es keine belastbaren Hinweise auf ein bestimmtes Tatmotiv. Trotzdem glaubt die Ermittlungsbehörde genügend Indizien gesammelt zu haben, um Anklage erheben zu können. Zu Informationen, wonach die Frau psychische Probleme hat und sich deshalb in Behandlung befand, wollte sich weder Staatsanwaltschaft noch Klinikleitung äußern. Spieler: "Wie grundsätzlich in jedem Strafverfahren wegen des Verdachts eines vorsätzlichen Tötungsdelikts wird die Angeschuldigte psychiatrisch begutachtet."

Die Leitung der Kerckhoff-Klinik arbeitet nach Angaben von Pressesprecherin Christiane Brandt eng mit der Gießener Ermittlungsbehörde zusammen, damit die Vorfälle rasch aufgeklärt werden. Wegen des laufenden Verfahrens und aus Datenschutzgründen macht die Klinik keine näheren Angaben. Die von dem Giftanschlag betroffenen Mitarbeiter sind nach Aussage von Brandt alle wieder vollständig genesen. Die inhaftierte Krankenschwester ist seit den 80er Jahren ununterbrochen in der William-Harvey-Klinik tätig, die seit 2014 zur Kerckhoff-Klinik gehört.

Info: Immer wieder Tötungsdelikte

In Kliniken und Altenheimen kommt es immer wieder zu Übergriffen von Pflegepersonal, bei denen Menschen ums Leben kommen oder in Lebensgefahr geraten. Meist sind Patienten die Opfer, im Fall der Kerckhoff-Klinik handelt es sich um Mitarbeiter. Bekanntester Fall ist die Mordserie von Niels H., der etliche Jahre in zwei Krankenhäusern in Norddeutschland tätig war und dort 85 Personen ermordet hat. Ermittler sprechen von der größten Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte. Ein anderer Pfleger soll in einer Klinik in Völklingen fünf Patienten mit Medikamenten getötet haben.

In einem Altenheim in der Pfalz haben drei Pfleger zwei Bewohnerinnen ermordet, andere über lange Zeit gequält und bestohlen. Das Urteil für das Trio: lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.

bk

Kurze Liegezeiten, gnadenloser Arbeitsdruck für Ärzt*innen und Pfleger*innen - wie die Krankenhausfinanzierung die Medizin zerstört. Ein Kommentar auf fr-de.*

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