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Noch hat unsere Autorin Anna-Luisa Hortien gut Lachen: Jonglieren üben macht schließlich Spaß. Da ahnt sie aber noch nicht, was sie beim Training der Varieté-Artisten noch erleben wird.

Selbstversuch

FNP-Autorin besucht Training der Neujahrs-Varieté-Artisten in Bad Nauheim

Wenn ein Brasilianer mit seinem Motorrad in einer Drahtkugel Loopings dreht, horizontale Passagen hinlegt und immer schneller wird, ist mir das eigentlich schon aufregend genug. In dieser Kugel stehen, während der Fahrer waghalsige Tricks macht? Nie im Leben! Das dachte ich zumindest bis zum gestrigen Pressetraining des Neujahrs-Varietés. Dabei fing alles ganz harmlos an.

Bad Nauheim - Es ist eine Mischung aus witzigen, waghalsigen und faszinierenden Vorführungen berühmter Artisten und mehr oder weniger amateurhaften Nachahmungsversuchen: das Pressetraining des 17. Internationalen Neujahrs-Varietés im "Dolce" Bad Nauheim.

Moderator Topas weist die Vertreter der Ovag, der Stadt Bad Nauheim und der Medienhäuser zunächst in die Kunst des Kartenmischens ein. Beim anschließenden Kartentrick werden die ersten Freiwilligen gesucht. Bad Nauheims Bürgermeister Klaus Kreß und zwei Redakteure dürfen gleich ran.

Die Anwesenden verfolgen das Geschehen aus nächster Nähe. Unter ihren aufmerksamen Blicken zaubert der Magier die gesuchten Karten vom Stapel in seiner Hand gekonnt in die Jackentasche. Alle staunen über den Trick, doch keiner kann den Magier entlarven.

"Jetzt wird es tierisch", kündigt Andreas Matlé von der Ovag die nächste Nummer an. Was erwartet uns? Hunde, Pferde oder sogar Raubtiere? Nein. Der Italiener Alessio Fochesato betritt die Bühne. Mit dabei hat er einen seiner Papageien, der sich brav von allen streicheln lässt. In den Händen von Ovag-Vorstand Rainer Schwarz legt er sogar ein kleines Nickerchen ein – natürlich nur gespielt.

Das ist bisher alles noch ziemlich harmlos, niemand hat sich blamiert, keine akrobatischen Fähigkeiten sind gefragt. Das sieht bei der nächsten Nummer aber schon anders aus: Die afghanische Artistin Rabia Ahmadi jongliert gekonnt mit sieben Bällen auf einmal – Schwarz und ich schaffen es gerade mal mit zwei. Ballsport war noch nie meine Stärke, und deshalb dauert es auch nicht lange, bis die ersten Bälle statt in meiner Hand auf dem Boden landen. Durch die Luft gewirbelt

Das Rollschuh-Duo sucht nach einem Freiwilligen, der sich von Carlo Triberti durch die Luft wirbeln lässt. Klein und leicht soll er sein. "Da bin ich leider raus" – Stadtrat Christian Weiße ist erleichtert. Michel Kaufmann vom "Kreis-Anzeiger" macht es schließlich – und ihm ist danach ganz schön schwindelig. "Das ist normal", winkt die Artistin ab. So fühle sich jeder beim ersten Mal. Für diese mutige Leistung gibt es Applaus.

Auch "The Jasters" suchen nach einem mutigen Freiwilligen. Zuerst zeigen sie aber, wie es richtig geht: Sie steht vor einem Holzbrett, er bewirft sie mit Messern. Haarscharf fliegen die Klingen an ihrem Körper vorbei. Das verdient Applaus, doch die Beteiligten wissen schon, was auf sie zukommt. "Wer möchte es probieren?", fragt der weibliche Part des Duos, Elena Busnelli. Verhaltene Blicke, dann Erleichterung – Kreß macht es.

"Bloß nicht bewegen", das ist jetzt das Wichtigste. Jedes Mal, wenn das Messer an ihm vorbeifliegt, zuckt Kreß. Doch alles geht gut, dank dem souveränen Werfer Jacomo Sterza. "Man sieht, wie die Messer auf einen zufliegen, und hofft einfach nur, dass sie nicht den Körper treffen", sagt Kreß im Anschluss. Kollege Weiße traut sich ebenfalls "unters Messer" – und verzieht dabei keine Miene.

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. In diesem Fall ist es "The Splitting Globe of Death", eine vier Tonnen schwere Drahtkugel. Zu ihr gehören vier Brasilianer und ihre Motorräder. In "Diorios Splitglobe" geht es gefährlich zu, wenn die Fahrer mit ihren Maschinen die Wände hochfahren und Loopings schlagen. 30 Sekunden durchhalten

Und genau dort soll sich jemand hineinstellen. Wen wird es wohl treffen? Mich. Ehe ich Zeit habe, genauer darüber nachzudenken, werde ich an einer Hand die Rampe hinauf in die Drahtkugel geführt. "Ich hoffe, er weiß, was er da tut", ist das Letzte, was mir durch den Kopf geht, bevor der Brasilianer die Maschine aufheulen lässt und losfährt. Auf Höhe meines Kopfes dreht er seine Runden, gibt mir sogar ein High-Five.

Es sind die längsten 30 Sekunden meines Lebens, aber ich schaffe es noch, zu lächeln. Ist ja schließlich für die Zeitung. Danach bin ich erleichtert. Normalerweise bleibe ich immer dort, wo es sicher ist. Ich glaube, mich in die Drahtkugel zu begeben, war das Gefährlichste, was ich je gemacht habe. Doch es hat sich gelohnt.

von Anna-Louisa Hortien

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