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Der Schock und die Anteilnahme sind Tage nach der Tat in der Frankfurter Straße in Bad Nauheim groß. Seit Dienstag muss sich ein heute 25-jähriger Mann vor Gericht verantworten. Zum Auftakt haben acht Zeugen ausgesagt. (Archivfoto: Nici Merz)

Schwangere erstochen

Schwangere Ehefrau getötet: Angeklagter "Gefahr für die Allgemeinheit"?

In der Nacht auf den 8. April war in Bad Nauheim die Leiche einer 25-jährigen schwangeren Frau in einem Hochhaus in der Frankfurter Straße gefunden worden. Nun steht der Ehemann vor Gericht.

Bad Nauheim - Die Wohnungstür ist verschlossen, sie wird aufgebrochen. Innen herrscht Unordnung. Ob sie auf einen Kampf hindeuten oder ob es das "übliche Chaos" ist, weiß der Polizist nicht. In der ganzen Wohnung sind Blutspuren verteilt, auf dem Sofa liegen zwei Küchenmesser "mit roten Anhaftungen", Verbandmaterial befindet sich - ebenfalls rot gefärbt - auf Sofa, Tisch und Fernseher. Die Badezimmertür ist herausgebrochen. Eine 25-jährige Frau liegt in der Badewanne. Tot - und schwanger in der 16. Woche. Insgesamt zwölf Stiche mit drei Küchenmessern in den Oberkörper haben ihr Leben beendet. An der Vitrine hängen Ultraschall-Fotos von dem werdenden Kind, das nie das Licht der Welt erblicken durfte.

Bluttat in Bad Nauheim: Akute Psychose

So schildern es Zeugen ein knappes halbes Jahr nach der fürchterlichen Tat, die die Menschen in Bad Nauheim schockiert hat. Der Täter war zunächst flüchtig. Die Polizei warnte über Medien die Bevölkerung davor, Anhalter mitzunehmen. Die Fahndung nach dem Ehemann der Toten lief unter Hochdruck, ein Hubschrauber kreiste über der Kurstadt, eine Hundestaffel nahm die Verfolgung auf. Die Polizei nahm den damals 24-Jährigen im Toom-Baumarkt in Bad Nauheim fest. Laut Staatsanwalt Thomas Hauburger hat der Angeklagte eine akute Psychose gehabt, die jederzeit wieder auftreten könne. Der Mann sei eine Gefahr für die Allgemeinheit.

Jener Mann wirkt optisch wie ein Jugendlicher. Weiche Gesichtszüge, schmächtig, schwarze Haare, Jeans, zugeknöpftes schwarz-blau kariertes Hemd. Sein Blick geht während des ersten Verhandlungstages oft ins Leere. Während die Zeugen aussagen, sind seine Wangen gerötet.

Bluttat in Bad Nauheim: Hellseherin und rätselhafte Zettel

Neun Zeugen sind für diesen Dienstag am Gießener Landgericht geladen, acht kommen. Darunter Polizisten, die vom Tatort und der Festnahme berichten, ein Arbeitskollege, der Schwager und die Schwester des Opfers. Ihre Aussagen zeichnen ein Bild von einem freundlichen jungen Mann, der sich auf das gemeinsame Baby gefreut hat. Aber es wird auch ein Mensch beschrieben, der sich in den letzten zwei Wochen vor der Tat verändert hat. Gemeinsam mit seiner Ehefrau fuhr er spontan mit dem Auto Richtung alte Heimat Bulgarien. In Ungarn dann der Unfall. Eine Baustelle, Steine unterm Auto, das spätere Opfer wird am Kopf verletzt.

Das Ehepaar wird vom Schwippschwager abgeholt. Während der Rückfahrt kurbelt der Angeklagte das Fenster herunter, lehnt sich weit heraus, der Schwippschwager zieht ihn zurück ins Auto. In Friedberg steuern die drei eine Psychiatrie an. Dort sei ihnen die Tür nicht geöffnet worden, sagt der Zeuge.

Was sollte die Aktion mit dem Fenster? Diese Frage kann man auch stellen, wenn man hört, dass der junge Mann von einer Hellseherin gesprochen haben, die Geburt Jesu gesehen und sich mit seiner eigenen Wiedergeburt beschäftigt haben soll. Er habe Zettel aus der Jacke geholt und - warum auch immer - Worte wie Wasser, Feuer, Luft darauf geschrieben.

Bluttat in Bad Nauheim: Das Kiffen und die abstrusen Gedanken

Der Inhaber einer Tankstelle berichtet, der Angeklagte habe täglich bei ihm eingekauft. Vermutlich kurz nach der Tat sei er ebenfalls aufgetaucht, mit Verband um die Hand, Verletzung am Hals und in ziemlich wirrem Zustand. Mehrere Zeugen sprechen über den Marihuana-Konsum des Angeklagten, der das Kiffen für seine abstrusen Gedanken verantwortlich gemacht habe. Nach der Tat soll er nach Angaben eines Polizisten gesagt haben, dass entweder der Angeklagte selbst oder seine Frau hätten sterben müssen. Er habe sich aus dem Fenster stürzen wollen, seine Frau habe ihn davon abgehalten. Der Kollege, der den Angeklagten im Baumarkt festgenommen hat, schildert seinen Eindruck von ihm: "Er kam mir so vor, als wäre er auf einem anderen Planeten gewesen."

Bluttat in Bad Nauheim: Die Festnahme

Der Polizist, der am 8. April 2019 den mutmaßlichen Täter im Baumarkt festgenommen hatte, schilderte am Dienstag den Zugriff. Eine Verkäuferin in einem Geschäft habe der Polizei mitgeteilt dass sich der Gesuchte in dem Laden aufgehalten habe. Letztendlich wurde er im Baumarkt festgenommen, der Polizist umklammerte ihn von hinten. Der Beschuldigte hielt eine Säge in der Hand, hatte zudem unter anderem Vlies und rund 1700 Euro dabei.

agl

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