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Als man noch »Fräulein« sagte: Bad Nauheimer Historikerin blickt zurück

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Von: Hanna von Prosch

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Heide Wunder ist Historikerin und war Professorin in Hamburg und Kassel. Seit 1983 lebt sie mit ihrem Mann in Bad Nauheim. Sie beschäftigt sich bis heute mit der Rolle der Frau aus verschiedenen Blickwinkeln, auch wenn ihre Schwerpunktforschung der Frühen Neuzeit gilt. © Hanna von Prosch

Am 16. Januar 1972 wurde die offizielle Bezeichnung »Fräulein« in Deutschland abgeschafft.Eine Anrede, die für die ältere Generation noch geläufig ist. Die in Bad Nauheim lebende Historikerin Prof. Heide Wunde hat über die Anrede geforscht.

Englisch- und Französischunterricht in St. Lioba in den 60er-Jahren: Fräulein Stoffel, Fräulein Nussbaum. Das waren selbstverständliche Anreden und standen 1968 so in der Abiturzeitung. Heute lächelt man darüber. Die Höflichkeitsform für weibliche Personen ab dem heranwachsenden Alter ist eben »Frau«.

Der Wandel, dass sich Frauen, egal ob verheiratet oder unverheiratet, so nennen durften, begann im nicht behördlichen Alltag schon 1919. Seit 1954 war die Abschaffung des »Fräuleins« Thema im Deutschen Bundestag. Doch erst mit Dietrich Genscher als Innenminister war es 1972 mit der Bezeichnung endgültig vorbei. Ein Rückblick.

»Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?« »Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.« Viele kennen diesen (gekürzten) Dialog aus Goethes Faust. Goethe fragte galant nach den Regeln des Hofes. Gretchen aber stellte zuerst ihren niederen Stand richtig. Bis ins 19. Jahrhundert nämlich galt die Anrede »Fräulein« nur für adelige Töchter. Blättert man in den Aufzeichnungen der Ur-Ur-Großmütter, gerade im Adelsstand, ist zum Beispiel zu lesen: »Sie wurde früh Witwe und lebte danach mit Frl. S. zusammen, mit der sie jeden Sommer in den Harz reiste. Sie häkelten und strickten bis zu ihrem Tode sehr fleißig.«

Die adeligen Fräulein waren Lehrerinnen oder Gouvernanten - geeignet, um den Nachwuchs standesgemäß zu erziehen. Lebten sie nicht in den Familien, zogen oft zwei Fräulein zusammen, weil sie sich in ihrem Beruf austauschen und weiterentwickeln wollten. »In den Schulorden gab es ausgebildete Lehrerinnen. 1609 gründete Mary Ward die Congregatio Jesu, die Englischen Fräulein, die den Begriff im Namen tragen und bis heute bekannt sind«, sagt die Bad Nauheimer Historikerin Heide Wunder. In katholischen Gegenden hätten später Lehrerinnen - natürlich unverheiratet - eine sehr gute Ausbildung in den Bistümern genossen. Heute ist nicht mehr vorstellbar, dass es den Lehrerinnen- oder Beamtinnenzölibat noch bis ins Deutsche Reich gab. Heirateten diese Frauen, verloren sie ihr Ruhegeld.

Nach und nach zog das Fräulein in das allgemeine Berufsleben ein: als das Fräulein vom Amt, als Stenotypistin dem Sekretär zugeordnet und als Kindergärtnerin. Als Kellnerin wurde das Fräulein zum Rufnamen. Dazu erlebte die Autorin noch 2010 eine nette Episode in Bad Nauheim, als ihre Tochter, mit weißer Bluse und Schleife am Rücken, in der Hotellobby mit der Bedienung verwechselt wurde: »Ach, da ist ja das Fräulein, das wird auch gleich zu uns kommen«, äußerten sich die Damen eines Bridgeclubs. Sie waren sehr verdutzt, als sich herausstellte, dass auch das Fräulein Gast war.

Die in Wetzlar lebende Kinderärztin Irmgard Freiin von Lemmers-Danforth legte bis zu ihrem Tod 1984 Wert darauf, mit Fräulein angesprochen zu werden. Anders die promovierte Mediävistin (Historie der Frühen Neuzeit) Heide Wunder: »Mir war es völlig egal, ob ich mit Fräulein oder Frau angesprochen wurde. Ich wollte einen Beruf haben, eigenes Geld verdienen, ob verheiratet oder nicht.« Von einem Professor erhielt sie zur Promotion 1964 eine Karte adressiert an das »Fräulein Dr.«.

Die Abschaffung des Begriffs habe nicht nur etwas mit der von der Frauenbewegung kritisierten Verkleinerung der Frau durch das Anhängsel »lein« zu tun. Es gebe ja auch kein Herrlein, sagt Wunder. »Es wurde damit die Rolle der Ehe zurückgedrängt, in der der Mann über die Frau bestimmen konnte. Nicht mehr der Stand bekam den Status sondern die Person. Ich finde es gut so. Damit hatte die Frau mehr Entwicklungsmöglichkeiten.« Heute heißen die Fräulein von damals »alleinstehende Frauen« und werden immer noch nicht gerne mit Paaren zusammen eingeladen. »Sie könnten ja eine Verführung für den Mann sein«, vermutet Heide Wunder schmunzelnd.

Der Mann musste die Berufstätigkeit erlauben«

Noch 1941 mussten Frauen beim Standesamt die Erlaubnis beantragen, sich »Frau« nennen zu dürfen.

1955 hob der Bundesinnenminister per Runderlass den preußischen und nationalsozialistischen Bezugserlass auf und verfügte, dass in amtlichen Schreiben jede weibliche Person, die das wünsche, mit »Frau« bezeichnet werden müsse.

1958 trat das Gleichberechtigungsgesetz in Kraft. Bis dahin hatte der Mann das Recht, ein Dienstverhältnis seiner Frau fristlos zu kündigen, wenn er auf seinen Antrag von dem Vormundschaftsgericht dazu ermächtigt worden war.

1972 verfügte der Bundesminister des Innern, dass der Gebrauch des Wortes Fräulein in Bundesbehörden zu unterlassen und als Anrede erwachsener weiblicher Personen »Frau« zu verwenden sei.

Bis zum 1. Juli 1977 war generell gesetzlich festgelegt, dass die Ehefrau nur dann berufstätig sein durfte, wenn dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar war. Der Mann musste die Berufstätigkeit erlauben.

Die Frauenbewegung kritisierte ab den 1970ern den Begriff »Fräulein«: Einerseits löse das sächliche Genus unerwünschte Assoziationen aus (als ob weibliche Personen Sachen wären), andererseits werde durch den Gebrauch der Unterscheidung zwischen Fräulein und Frau die Ansicht gefördert, wonach eine Frau erst dann als erwachsen gelten könne, wenn sie heirate, während einem jungen unverheirateten Mann dadurch, dass man ihn »Herr« nenne, signalisiert werde, dass man ihn für einen vollwertigen Mann halte. Die Deutsche UNESCO-Kommission schloss sich 1993 dieser Sichtweise an.

In Frankreich wurde »Mademoiselle« 2012 im amtlichen französischen Sprachgebrauch durch Madame ersetzt.

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