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»Also muss auf Kant zurückgegangen werden«

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Von: Gerhard Kollmer

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Dr. Martin Hoffmann © Gerhard Kollmer

Bad Nauheim (gk). Otto Liebmann, einer der Vorläufer des Neukantianismus, lässt sein 1865 erschienenes Werk »Kant und die Epigonen« mit dem ceterum censeo »Also muss auf Kant zurückgegangen werden« ausklingen.

Das Buch enthält eine Darstellung und Kritik der verschiedenen Strömungen der nachhegelianischen deutschen Philosophie seit 1830 - vornehmlich des Links- und Rechtshegelianismus (Karl Marx, Bruno Bauer vs. Karl Rosenkranz und Kuno Fischer, etc.) sowie des (Vulgär-)Materialismus eines Carl Vogt und Ludwig Büchner, dessen populärwissenschaftliches Werk »Kraft und Stoff« sich seit den 1860er Jahren großer Beliebtheit erfreute. In diesem Wildwuchs (so sah es Liebmann) völlig untergegangen sei die Philosophie Immanuel Kants, an die es wieder anzuknüpfen gelte.

Privatdozent Dr. Martin Hoffmann von der Universität Münster war in die Trinkkuranlage gekommen, um im Rahmen der philosophischen Reihe zentrale Themen des Neukantianismus, der seine Blütezeit in dem halben Jahrhundert zwischen 1870 und 1914 erlebte, unter dem Motto »Werte - Wissenschaft - Individualität« vorzustellen.

»Den« Neukantianismus gibt es, so Hoffmann gleich zu Beginn seines gut einstündigen Referats, freilich nicht. Dessen beide Hauptrichtungen - die »Marburger Schule« mit ihren Hauptvertretern Herrmann Cohen und Paul Natorp sowie die »Südwestdeutsche Schule« mit ihren Repräsentanten Wilhelm Windelband und Heinrich Rickert - verträten häufig divergente bis konträre Positionen und bezögen sich bei vielen Themen nur partiell auf ihr Vorbild Kant. Während die »Marburger« sich primär einer naturwissenschaftlichen Fundierung der Kantischen Transzendentalphilosophie widmen, startet die Südwestdeutsche Schule ein geistes- bzw. kulturwissenschaftlich orientiertes Projekt von Philosophie als »Wertwissenschaft«. Während der Marburger Neukantianismus (vor allem Natorp) auch eine Philosophie der Praxis unter dem Etikett »ethischer Sozialismus« - als Gegenentwurf zum Marxismus - ins Visier nimmt, verbleibt die Südwestdeutsche Schule im universitär-akademischen Bereich. Dass der Referent sich ausschließlich auf letztere bezog, war - das sei kritisch angemerkt - kein glücklicher Einfall. Statt der zeitaufwendigen Projektion vieler langer Kant-Zitate zu Beginn des Vortrags wäre die Konzentration auf eine vergleichende Betrachtung der beiden Schulen unter dem zentralen Gesichtspunkt natur- vs. kulturwissenschaftliche Ausrichtung wohl ergiebiger gewesen.

Über Werte in der Philosophie

Windelband und sein Schüler Rickert stellen den Begriff des Wertes ins Zentrum ihrer Philosophie und stehen damit vor dem Problem einer objektiven Begründung dessen, was sie unter Wert bzw. Werten verstehen. Den beiden Denkern geht es primär um die Aufwertung der Geistes- bzw. Kulturwissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften, die seit Mitte des Jahrhunderts ihren unaufhaltsamen Siegeszug angetreten haben.

Aber worin besteht nun der grundsätzliche Unterschied zwischen natur- und kulturwissenschaftlicher Forschungsmethodologie? Während es hier primär um das Aufdecken allgemeiner Gesetzmäßigkeiten gehe und der/die/das Einzelne nur als Beispiel ohne »Eigenwert« gelten, seien die Kulturwissenschaften, so Windelband, primär an der Erforschung (und wertenden Würdigung) des Besonderen, Einmaligen interessiert - zum Beispiel in der Geschichtswissenschaft.

Für seine gut verständliche Darstellung der Thesen Windelbands und Rickerts erhielt Hoffmann den dankbaren Applaus des Auditoriums. FOTO: GK

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