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Außergewöhnliche Beweismittel

Erstellt: Aktualisiert:

Von: red Redaktion

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Augenscheinkarte: ein Kunstwerk und Beweismittel. FOTO PM © pv

Bad Nauheim (pm). Ein ganz neues Forschungsgebiet, wie es den Besuchern der Vortragsreihe des Kulturforums Bad Nauheim nicht jeden Donnerstagabend vorgestellt wird. Prof. Dr. Anette Baumann, Leiterin der Forschungsstelle des Reichskammergerichtes in Wetzlar, präsentierte kürzlich mit profundem Wissen und großem Engagement Ergebnisse ihrer neuesten Forschungen.

An Hand von Abbildungen zahlreicher Augenscheinkarten entführte sie die Besucher in die Zeit des Heiligen Römischen Reiches und zeigte die außergewöhnlichen Möglichkeiten der Wahrheitsfindung vor dem Reichskammergericht auf.

Wo findet man die Augenscheinkarten? Nicht in Museen, obwohl sie neben Karten und Landschaftsgemälden eine eigene Bildgattung darstellen, sondern in den Archiven der Behörden und Verwaltungen. Sie sind, zusammen mit einem Protokoll, Teil einer Gerichtsakte und dienen der Beweisführung bei Prozessen vor dem höchsten Zivilgericht des Heiligen Römischen Reiches, dem Reichskammergericht - dem institutionellen Vorläufer des Bundesverfassungsgerichts. In der Regel handelt es sich um Grenzstreitigkeiten, Jagdrechte, allgemeinen territorialen Eigentums- und Besitzschutz, Landfriedensbruch und besonders Uferschutz und Wasserrechte, die eine solche Augenscheinkarte erfordern.

Künstler nicht frei bei der Darstellung

Prof. Baumann präsentierte zahlreiche dieser Karten, und das Publikum konnte sich davon überzeugen, dass diese überhaupt nichts gemein haben mit dem, was man heute unter einer Karte versteht. Es fehlt der Maßstab, die Himmelsrichtungen werden nicht angezeigt, der Horizont erstreckt sich in alle Richtungen. Man sieht eine Landschaft, je nach dem Standort der Augenscheinnahme, mit Hügeln, Wäldern, Feldern, Straßen, Ortschaften, Städten oder Flussläufen, aber auch Ernteszenen. Die Gleichförmigkeit, die man bei der Ausfertigung für eine Behörde erwarten würde, fehlt gänzlich.

Die Erzeuger dieser Karten sind zahlreich, sie werden ganz nach Geschmack oder Geldbeutel der Prozessparteien ausgewählt. Auch die Formate sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von Blattgröße (A4) bis zu einem auf zwölf Meter. Jedoch sind die Zeichner oder Maler - oft werden sie auch Geometer, Ingenieur oder Leutnant genannt - nicht frei bei der Darstellung der strittigen Situation. Vielmehr unterliegen sie als gewähltes Mitglied einer sogenannten Beweiskommission, die nach einem besonderen Verfahren, dem Artikelverfahren, vom Reichskammergericht bestimmt wird, besonderen Regeln. Dann zeigte die Referentin die unterschiedlichen Darstellungspraktiken der Zeichner, Maler und Geometer auf. Allerdings hatten sie sich dabei streng an die Anweisung des Kommissars zu halten. So ließ zum Beispiel ein Maler die Kommission durch das Bild »wandern«, in dem er die Inaugenscheinnahme an den entscheidenden Stationen abbildete, samt der dazu gereichten Mahlzeit in Form eines Picknicks. Andere hoben die strittigen Orte anhand von römischen Ziffern hervor oder betonten Marksteine, Grenzsteine, Wappen.

Doch reichte das Bild alleine nicht zur Beweisführung aus, vielmehr fanden alle Wahrnehmungen und Beobachtungen an den jeweiligen Punkten Aufnahme in einem akribisch geführten Protokoll. Somit wurden der Betrachter und später auch der Richter während des Prozesses sozusagen durch das Bild navigiert. Es zeigte sich, dass ein Bild ohne Protokoll oder Legende keine Beweiskraft haben konnte. Augenscheinkarte und Protokoll oder Legende bildeten eine Einheit.

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