Gegendemonstranten machen deutlich was sie von dem "Montagsspaziergang" in Bad Nauheim halten. Der Ausländerbeirat, das Theater Alte Feuerwache und JUKA e. V. haben die Gegen-Demo organisiert.
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Gegendemonstranten machen deutlich was sie von dem »Montagsspaziergang« in Bad Nauheim halten. Der Ausländerbeirat, das Theater Alte Feuerwache und JUKA e. V. haben die Gegen-Demo organisiert.

Zwei Welten an einem Abend

Bad Nauheim: Corona-Protestler verunglimpfen Lauterbach – Polizei schützt Gegendemo

Corona-Protest und Gegendemo haben am Montagabend wieder das Bild in der Bad Nauheimer Innenstadt geprägt. Auch Bürgermeister Klaus Kreß bezog Stellung.

Bad Nauheim – Viele Menschen haben am Montagabend (10.01.2022) wieder ein Zeichen gegen die Corona-Demo gesetzt, die durch die Bad Nauheimer Innenstadt gezogen ist. Seit Wochen wird - ohne vorherige Anmeldung - gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung protestiert, mittlerweile bekommt die Bewegung Gegenwind. Und der ist stärker geworden, hat es an diesem Montag doch mehrere Reden gegeben, auch von Bürgermeister Klaus Kreß, der den Gegendemonstranten den Rücken stärkte.

Nach Angaben der Polizei protestierten in der Wetterau etwa 1100 Kritiker der Corona-Maßnahmen. Nicht angemeldete Versammlungen habe es - neben Bad Nauheim - auch in Friedberg, Butzbach, Nidda, Karben, Bad Vilbel und Altenstadt gegeben. An den drei angemeldeten Gegenveranstaltungen in Altenstadt, Bad Nauheim und Bad Vilbel nahmen laut Polizei etwa 400 Personen teil.

Corona-Demo in Bad Nauheim: Totenkopf-Aufkleber im Karl-Lauterbach-Stil

Sinan Sert, Vorsitzender des Bad Nauheimer Ausländerbeirats, kam auf schätzungsweise 350 bis 400 Gegendemonstranten allein in Bad Nauheim. Sie versammelten sich zwischen Aliceplatz und der Stele in der Stresemannstraße. Aufseiten der Corona-Demonstranten dürften es laut Sert 200 Menschen gewesen sein. Nach Angaben von Ordnungsdezernent Peter Krank handelte es sich bei den Corona-Demonstranten anfangs um etwa 200, später um circa 300 bis 350 Personen. Bei der Gegendemo seien etwa 200 bis 250 Menschen zusammengekommen.

Die Polizei stellte in Bad Nauheim die Personalien dreier Frauen fest, die Aufkleber verteilten. Darauf war ein Totenkopf mit der Frisur von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach zu sehen. Etwa 50 Personen störten dort die Identitätsfeststellung einer Teilnehmerin, filmten dies und riefen laut. Im Zuge dessen wurden die Personalien von weiteren fünf Leuten festgestellt.

Bei der Gegendemonstration hielten Esra Edel vom Förderverein für Jugendkultur und Jugendarbeit (JUKA e.V.), Viola Tscheuschner für das Theater Alte Feuerwache (TAF), Andreas Balser (Antifaschistische Bildungsinitiative), den wir hier zur Gefahr durch die Wetterauer Corona-Demos interviewt haben, Uschi Knihs (»Omas gegen rechts«) und Bürgermeister Klaus Kreß Reden. Letzterer appellierte »an die große schweigende Mehrheit in unserem Land: Wanken Sie nicht in Ihrem Glauben an unsere freiheitliche Demokratie! Und, wann immer es Ihnen möglich ist: Beziehen Sie Stellung für unsere Demokratie, denn jede und jeder von uns ist ein Teil von ihr!«

Corona-Demo in Bad Nauheim: Instrumentalisierung durch rechte Strömungen

Sinan Sert machte in seiner Rede Folgendes deutlich: »Wer im Zusammenhang mit diesem Land von Diktatur spricht, der hat entweder eine richtige Diktatur nicht erlebt oder weiß nicht, wie es ist, unter einer wahren Diktatur leben zu müssen.«

Esra Edel ging auf die unter der Pandemie leidende Kulturbranche ein, sagte:, es sei nun die Aufgabe, solidarisch mit allen die nötigen Sicherheitsvorkehrungen einzuhalten, damit im Sommer wieder ein vielfältiges Kulturangebot möglich sei. Zudem wies Edel darauf hin, dass AfD, NPD und der »Dritte Weg« zur Teilnahme an Montagsdemos aufgerufen hätten. Auch Viola Tscheuschner ging auf die Instrumentalisierung der Pandemie durch rechte Strömungen ein: »Der Unmut und die Müdigkeit derer, die Pandemiebekämpfung nicht verstehen und aus diversen Gründen nicht unterstützen wollen, wird genutzt. Und es werden Erlebnisse geboten. Mit viel Zusammenhaltsgefühl, Schulterklopfen und Verständnis. Und dahinter wartet die eigentliche Agenda von AfD, NPD, Reichsbürger, Identitäre, Freie Sachsen und Co.«

Bad Nauheimer Corona-Demo zieht an Holocaust-Mahnmal vorbei

Wie Sert am Dienstag berichtete, hätten sich ein paar der Corona-Protestler ohne Maske zur Gegendemo begeben, einer habe dort die Redner gefilmt. Gegendemonstranten hätten auf die Maskenpflicht hingewiesen. »Da war kein Durchdringen«, sagte Sert. Die Polizei habe eingegriffen, die Menschen seien weggegangen.

Sert sprach darüber, dass die Corona-Demo auch am Holocaust-Mahnmal in der Parkstraße vorbeigezogen sei: »Da dreht sich mir der Magen um, dass solche Kräfte am Mahnmal vorbei marschieren und Diktatur und Freiheit rufen.«

Für den nächsten Montag sei erneut eine Gegendemo geplant, kündigte Sert an. Bürgermeister Kreß ermunterte die Gegendemonstranten: »Als Bürgermeister dieser Stadt bin ich stolz darauf, dass Sie alle sich entschlossen haben, der perfiden Einrichtung der ›Montagsspaziergänge‹ Ihren Standpunkt entgegenzusetzen! Machen Sie weiter so!«

So fällt das Fazit des Ordnungsdezernenten zur Corona-Demo in Bad Nauheim aus

Die Demonstranten, die am Montag in Bad Nauheim gegen Corona-Maßnahmen der Regierung protestierten, legten folgende Strecke zurück: Parkstraße, Ludwigstraße, Bahnhofsallee, Frankfurter Straße, Lessingstraße, Ludwigstraße, Zanderstraße, Ernst-Ludwig-Ring, Mittelstraße, Hauptstraße, Friedrichstraße und wieder in die Parkstraße bis zur Zanderstraße. »Der Aufzug hat sich an die Vorgaben der polizeilichen bzw. ordnungsbehördlichen Ansprache vor Ort gehalten«, lautete am Dienstag das Fazit des Ersten Stadtrats und Ordnungsdezernenten Peter Krank. D

ie »Spaziergänger« hätten zweimal den Aliceplatz passiert - beim ersten Mal, als sich die Teilnehmer der angemeldeten Gegendemonstration noch an der Wasserstele in der Stresemannstraße befunden hätten. »Beim zweiten Passieren der Kiespromenade waren Sprechchöre von den ›Spaziergängern‹ zu vernehmen, u.a. Parolen wie ›Schließt euch an!‹. Es kam aber zu keinen aggressiven Verlautbarungen oder Anfeindungen. Von den Gegendemonstranten waren keine Sprechchöre und auch keinerlei Aggressionen wahrzunehmen.« Die Stimmung sei insgesamt friedlich gewesen. Bei der Gruppe der »Spaziergänger« habe die Polizei in fünf Fällen die Personalien festgestellt, »unter anderem wegen der Anbringung von Aufklebern auf öffentlichem Eigentum und dem beabsichtigten Verteilen von Handzetteln. Dies konnte durch den Eingriff der Polizei verhindert werden.«

Wird eine Allgemeinverfügung in Betracht gezogen, um den Corona-Protest zu verbieten? Dezernent Krank: »Aufgrund der bislang ausbleibenden Zwischenfälle und des insgesamt ruhigen Verlaufes wird mangels Grundlage derzeit auch weiterhin keine Allgemeinverfügung in Betracht gezogen.«

Dieser Artikel stammt aus der Wetterauer Zeitung.

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