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Bad Nauheimer Speed-Dating gegen die Einsamkeit

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Von: Michael Humboldt

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Traugott Arens (vorne) im Gespräch mit seiner Tochter und Mental-Coach Alisha Wiegand, während die Senioren beim »Speed Dating« Kontakte und Neuigkeiten aus ihrem Leben austauschen. © Nicole Merz

»Speed-Dating für Senioren« entpuppt sich im Erika-Pitzer Begegnungszentrum bei der Nachbarschaftshilfe Bad Nauheim als Riesenerfolg.

Altersglühen - Speed Dating für Senioren« war mal ein Kino-Hit im Jahr 2014 des Regisseurs Jan Georg Schütte. Sieben Damen und sechs Herren zwischen 60 und 80 fanden sich in diesem Film im Herrenhaus Höltigbaum in Hamburg-Rahlstedt ein. Gegen eine Teilnahmegebühr von 50 Euro erhielten sie die Möglichkeit, in jeweils sieben Minuten nicht nur ihre wechselnden Gegenüber, sondern auch deren unterschiedliche Beweggründe für ihre Teilnahme kennenzulernen.

»Klar kenne ich diesen Film, aber was wir hier machen, ist dennoch exklusiv und neu erfunden«, betont Traugott Arens, der im Jahr 2015 zur Nachbarschaftshilfe nach Bad Nauheim gestoßen ist und seit 2020 ihr Vorstandsvorsitzender ist. So hat er mit der Mental-Trainerin Alisha Wiegand aus Dietzenbach auch hierzulande eine Variante des »Speed-Datings« entwickelt, mit der Senioren neue Bekanntschaften knüpfen und gemeinsame Interessen schnell entdecken können. »Während die Jüngeren in den Sozialen Netzwerken Kontakte knüpfen, fällt diese Möglichkeit für Senioren oft weg«, weiß Traugott Arens. Und die Resonanz im Erika-Pitzer-Begegnungszentrum in der Blücherstraße 23 war bei der ersten Auflage auch deshalb gewaltig. Drei Tische mussten kurzfristig im Veranstaltungs-Raum dazu gestellt werden, damit die 26 Teilnehmer noch Platz fanden in der Runde.

Einsamkeit großes Problem

»Freundschaften prägen ein ganzes Leben und sind unverzichtbar. Mit zunehmendem Alter verliert man jedoch Freunde und Partner, die einen Teil des Weges mitgegangen sind. Oft ziehen sich Menschen dann zurück und finden nicht mehr den richtigen Anschluss«, weiß Traugott Arens. Im Sommer 2020 habe der Anteil einsamer Menschen im Alter von 46 bis 90 Jahren bei knapp 14 Prozent und damit eineinhalbmal höher als in den Befragungsjahren 2014 und 2017 gelegen. Die Tendenz sei steigend, erläutert er. »Als Nachbarschaftshilfe können wir diesen Trend nur bestätigen. Wir erhalten zunehmend Anrufe von Menschen, die unter Einsamkeit leiden und Anschluss und Freundschaften suchen. Im Rahmen unserer Alltagsbetreuung stellen wir ebenso vermehrt die Sehnsucht der Senioren nach Menschen mit gleichen Interessen und den Wunsch nach gemeinsamen Aktivitäten fest. Doch die Schwelle, neue Kontakte zu knüpfen und herausfinden, welche gemeinsamen Interessen man hat, ist hoch.«

So hielt Alisha Wiegand, die übrigens die Tochter von Traugott Arens ist, zunächst die Begrüßungsrede, bevor sie den vielen Gästen die Spielregeln für diese inspirierenden Stunden erklärte. Für Fünf-Minuten-Gespräche saßen sich jeweils zwei Senioren gegenüber, bevor die Tische gewechselt wurden. Die Sparten Musik, Reisen, Wünsche oder Bedürfnisse wurden als Themen vorgegeben. Doch letztlich konnte man sich natürlich auch über das Wetter oder die Frankfurter Eintracht unterhalten.

Schon beim Auftakt sprangen die Motoren sofort an. An allen Tischen wurde rege geplaudert und diskutiert. »13 Mal haben an diesem Nachmittag insgesamt die Konstellationen gewechselt«, berichtet Traugott Arens, der beobachtet hat, dass auch viele Adressen und Telefonnummern ausgetauscht wurden.

Nächster Termin steht schon fest

»Wir wollen hier kein Seniorencafé, aber auch keine Partnervermittlung anbieten. Es geht einfach darum, dass die Gäste hier mal auf einer anderen Ebene im Gespräch sind«, sagt Alisha Wiegand, die als Mental-Coach auch für Burn-out-Prävention in ihrer Heimatstadt Dietzenbach tätig ist.

Es sei die tollste Veranstaltung gewesen, die er je erlebt habe, strahlte ein Besucher hinterher. Zwei andere, die schon lange in der gleichen Straße leben, haben sich erst an diesem Nachmittag beim »Speed-Dating für Senioren« kennengelernt.

Neben der Einsamkeit hat Traugott Arens gleichfalls auch schon Burn-out-Symptome bei Senioren beobachtet. »Manche verzweifeln an ihrem Handy oder an der Fernsteuerung und sind dann dementsprechend deprimiert. Wenn soziale Kontakte als Ressource fehlen, kann das ebenso zu einem Stressgefühl und einer Herausforderung in der Bewältigung des Alltags führen.«

Vielen Menschen, vor allem den Älteren, fehle die Energie, den Alltag alleine zu bewältigen, und damit auch die Energie, sich Neuem zu stellen, weiß Alisha Wiegand, die mit großem Einsatz in Bad Nauheim neue Freundschaften in Gang gebracht hat.

Das nächste »Speed-Dating für Senioren« im Rahmen der Aktion »Miteinander - Füreinander - Kontakt und Gemeinschaft im Alter« des Malteser-Hilfsdienstes soll nach dem Auftakt-Erfolg am 11. Oktober an gleicher Stelle steigen.

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