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Blick in die Historie: Eine saubere Geschäftsidee in Bad Nauheim

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Hier hat eine Kundin bei Therese Hartmann das volle Sortiment bestellt: Waschmaschine mit Mangelaufsatz und separater Wäscheschleuder. Sohn Günther hilft beim Beladen des Leiterwagens. © Red

Früher war es sehr aufwändig, Wäsche zu waschen. Um den Hausfrauen die Arbeit zu erleichtern, setzte die Bad Nauheimerin Therese Hartmann eine pfiffige Geschäftsidee um.

Große Wäsche! Hausfrauen früherer Generationen stand bei diesen Worten bereits gedanklich der Schweiß auf der Stirn. Bedeutete dies doch stundenlanges Ausharren in der von Dampf vernebelten Waschküche, mühsames Einweichen und Aufkochen von schweren nassen Leinenbündeln in einem holzbefeuerten Kessel. Endlose Meter von Bett- und Tischwäsche waren von Hand über dem Waschbrett zu schrubben, bis auch der letzte Fleck verschwunden war. Es folgte das Mangeln, bei dem die Wäsche mittels mechanischer Handkurbel durch eine Doppelwalze gepresst wurde, um Wasser zu verlieren. Anschließend mussten die Textilien gelockert und in Form gezogen werden, bevor sie zum Antrocknen auf die Leine kamen.

Therese Pircher hatte diese anstrengenden Arbeiten früh kennengelernt, war sie doch als junge Frau dem Ruf des Weltbades gefolgt und hatte sich im Sommer 1938 erstmals in der »Villa Mignon«, Frankfurter Straße 34, bei Frau Aletter als Büglerin und Hausmädchen verdingt. Heerscharen von Hotelpersonal hatten dafür zu sorgen, dass stets genügend frisch gewaschene, blütenweise und tadellos gebügelte Tisch- und Bettwäsche für den zahlenden Kurgast zur Verfügung stand. Normalerweise eine Saisonarbeit während der Kurzeit. Die gebürtige Tirolerin blieb jedoch der Liebe wegen hier und heiratete in die Nauheimer Familie Hartmann ein.

Beliebt auch bei Amerikanern

Die Nachkriegszeit brachte Therese Hartmann auf eine pfiffige Geschäftsidee: Zwar ermöglichten erste technische Fortschritte, wie halbautomatische Waschmaschinen und Schleudern, inzwischen einige Erleichterungen, aber der Erwerb einer solchen Maschine blieb trotz Wirtschaftswunder für die meisten Deutschen zunächst unerreichbar. Was lag da also näher, als sich eine solche Maschine auszuleihen? Die Firma Miele brachte 1956 die erste vollautomatische Waschmaschine auf den Markt. Mit der Geschäftsidee eines Waschmaschinen-Verleihs trat Therese Hartmann ab dem 1. Mai 1956 in Erscheinung und wurde Geschäftspartnerin des Herstellers aus Gütersloh.

Die Geräte konnten von der Kundschaft stunden- oder tageweise angemietet werden. Die Lieferung erfolgte frei Haus. In der Anfangszeit per Leiterwagen, später mit dem eigenen Firmenwagen der Marke Lloyd. Nicht nur in der Altstadt von Bad Nauheim profitierten etliche Hausfrauen von der neuen Möglichkeit der Ausleihe, auch in der damals errichteten amerikanischen Wohnsiedlung (im Volksmund »Klein Texas« genannt) mit etwa 2000 Seelen, sprach sich der gute »Service« von Therese Hartmann bald herum, und die Kunden dort wurden immer mehr.

Die Einwohnerschaft von Bad Nauheim hatte sich Anfang der 60er Jahre auf rund 15 000 eingependelt, einschließlich der Armee-Angehörigen. Dazu kamen in der Saison bis zu 44 000 Kurgäste. Das Bad boomte erneut. Naturgemäß forcierte dies die vermehrte Eröffnung von Wäschereien, Mitwaschküchen und schließlich deren modernster Form: der Waschsalons.

1963 eröffnete sie einen Waschsalon

Auch Therese Hartmann ging mit der Zeit und eröffnete 1963 einen der ersten Automaten-Waschsalons der Stadt. Die Familie war zwischenzeitlich in der Ritterstraße 1/3 ansässig. Im Erdgeschoss des geräumigen Geschäftshauses standen vier Miele-Waschvollautomaten mit Münzeinwurf bereit. Zwei Großraum-Trockner taten in einem rückwärtigen Raum ihre Dienste.

Selbst mit der Schmutzwäsche in den Laden zu kommen und dann längere Zeit dem monotonen Drehen der Waschtrommel zuzusehen, dafür hatte im Deutschland der Vollbeschäftigung niemand mehr Zeit. Die Kunden wollten vielfach den »Rund-um-Service«. Wäsche bringen, waschen, trocknen und bügeln lassen und dann nach Hause oder ins Geschäft geliefert bekommen. Noch immer waren die Amerikaner eine der Haupteinnahmequellen. Der Dollarkurs von 4:1 machte es möglich. Die Bad Nauheimer Geschäftswelt konnte es sich dank spendabler Kurgäste leisten, extern waschen zu lassen. Nobelfriseure schickten ihre Lehrmädchen, um sich von den Wäschebergen der täglich anfallenden Handtücher zu befreien. Dass für diesen Service die ganze Familie eingespannt wurde, war normal, abends musste die Wäsche zusammengelegt werden. Termingerecht brachte Hartmann die Wäsche zur Auslieferung. Der »Waschsalon Hartmann« wurde ab 1977 von der Schwägerin Gretel Winkel weitergeführt. Im Februar 1982 fiel dann die letzte Münze in den Automaten, und die pfiffige Geschäftsidee war zu Ende.

Wäsche bleichen auf der öffentlichen Wiese

In früheren Jahren stellte die Stadt Bad Nauheim der Bevölkerung öffentliche Flächen zur Wäschebleiche zur Verfügung. Zum Beispiel im Bereich des heutigen Kerckhoff-Campus’, am Usaknick, später Teil der Liegewiese des alten Parkbades. Und auch in der »Altstadt« ein Wiesengeviert zwischen Jahn- und Rießstraße, auf dem sich heute der Spielplatz »Bleiche« befindet. Diese Fläche war bis Ende der 60er Jahre eingezäunt und abgeschlossen. Den Schlüssel konnte man sich bei einer städtischen Dienststelle abholen und die Bleiche gegen geringe Gebühr tageweise anmieten. Meist teilten sich mehrere Haushalte die Fläche gleichzeitig. Man half sich aus. Damit es nicht zu Verwechslungen kam, waren Wäschestücke mit eingesticktem Namen, Initialen oder eingenähten Etiketten versehen. Sogar hölzerne Wäscheklammern erhielten ein Brandzeichen, das auf den Anfangsbuchstaben des Familiennamens hinwies. Etwa die Hälfte der Wiesenfläche war mit Eisenpfosten versehen, an denen lange Wäscheleinen befestigt werden konnten. Ein Trampelpfad in der Mitte führte zu zwei runden Wasserbecken, in denen einzelne Wäschestücke nochmals gespült und/oder besprengt werden konnten, um sie für das Bügeln bügelfeucht zu haben. Bei hohem Gras im Sommer bevorzugten es die Hausfrauen, die Wäsche direkt auf dem Gras auszulegen. Der frische Duft war damals bio, heute kommt er von Lenor.

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