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Charme des Vergänglichen

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Von: Christine Fauerbach

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Der erste Eindruck täuscht: Was wirkt wie Eisen oder Stahl, ist tatsächlich gerissenes Paper. Mit einer speziellen Technik und Ölfarbe lässt Künstler Tilmann Zahn seine (Bau-)Werke entstehen. Dieses hat er »Hamburg - Baltimore« genannt. © Christine Fauerbach

Bad Nauheim (cf). »Auf schmalem Steg« lautet der Titel der aktuellen Ausstellung mit Werken des Künstlers Tilmann Zahn. Präsentiert werden die Arbeiten des gebürtigen Osnabrückers vom Kunstverein in der Galerie in der Trinkkuranlage. Zu sehen und entdecken sind in der Galerie 21 Exponate aus Papier und Malerei auf Leinwand sowie zwei Assemblagen (Collagen mit plastischen Objekten) auf Holz.

Wer die Galerie betritt und Arbeiten wie »Ikarus« oder »Hamburg - Baltimore« sieht, der denkt spontan an filigran verarbeitetes Eisen.

Doch der erste Eindruck täuscht. Es handelt sich nicht um stabiles Eisen oder Stahl, sondern um fragiles Papier. Der Künstler beschreibt seine sehr arbeitsaufwendige Technik so: »Ich reiße Papier in sehr filigrane Strukturen. So bleibt eine skelettierte, halbskulpturale Form übrig, die ich dann in einem speziellen Verfahren einfärbe.« Das gerissene Papier, aber auch gerissene Leinwand oder Baumwolle, tränkt Tilmann Zahn in verdünnter Ölfarbe.

Dadurch erhalten seine Objekte und Bilder wie das fünfteilige Werk »Epitaph« eine rostige Patina, Struktur und Tiefe. Verstärkt wird der Eindruck von Vergänglichkeit nicht nur durch die rostig-dunklen Brauntöne, sondern auch durch mit Bleistift, Graphit und Kohle gezeichnete Linien und schattenhafte Flächen, die im Zusammenspiel mit den fransigen Konturen den Eindruck von Alter, Verschleiß und Verfall verstärken. Risskanten und Durchbrüche lassen die zweidimensionalen Werke dreidimensional erscheinen.

Kurator Johannes Lenz freut sich darüber, diese außergewöhnlichen Arbeiten aus Papier, Leinwand oder Baumwolle zeigen zu können, bei denen das Trägermaterial zugleich Bildobjekt ist. Die Silhouetten zeigen meist kurz vor dem Zerfall stehende Objekte, die in Kombination mit der metallisch, rostend wirkenden Farbe eine besondere Ästhetik haben.

Allgegenwärtig sind in den Werken des Künstlers die Themen Abschied, Zerbrechlichkeit, Vergänglichkeit und Transformation. »Meine Arbeiten sind voller Botschaften«, sagt Tilmann Zahn. Seine Bilder und Objekte seinen moderne Versionen des alten »Omnia Vanitas«-Themas. Zahn zeigt, dass Schönheit und Vergänglichkeit keine Gegensätze sind. Durch das intensive Bearbeiten des Materials bringt er dessen Schönheit hervor und macht zugleich die Verletzlichkeit sichtbar. »Die Bauwerke der Menschheit, die komplexen, manchmal aberwitzigen Konstruktionen der industriellen Welt, die urbanen Landschaften rund um den Globus, die kühnsten Schöpfungen ganzer Generationen von Ingenieuren und Architekten, sie alle in ihrer brachialen Schönheit, teilen doch ein und dasselbe unausweichliche Schicksal: Bereits mit ihrem Entstehen beginnen sie, zunächst unmerklich zwar, jedoch unaufhörlich und unerbittlich, zu Staub zu zerfallen«, skizziert der Künstler den Kreislauf von Entstehen und Vergehen.

Die Magie des Zerfalls zeigen auch seine »Trümmerstück« betitelten Werke. Zahn faszinieren schmutzige, verlassene Orte, denn »die wahren Schönheiten finden sich im Dreck, nicht in den Auslagen unserer Konsum-Paläste«. Seine dort gesammelten Souvenirs erhalten eine neue Bestimmung als Teile seiner »Treibgut«-Assemblagen auf Holz.

Zahn wurde 1966 in Osnabrück geboren und wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Musikhochschule Freiburg im Breisgau. Seit 1992 lebt und arbeitet Tilmann Zahn in Basel als freischaffender Künstler und Solo-Oboist beim dortigen Sinfonieorchester. Die Werke des vielseitigen Künstler kann das Publikum jetzt in der Galerie der Trinkkuranlage entdecken.

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Durch das intensive Bearbeiten des Papiers bringt er dessen Schönheit hervor und macht zugleich die Verletzlichkeit sichtbar. Wie bei »Ortung«. © Christine Fauerbach
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»Auf schmalem Steg« heißt die Ausstellung, in der 23 Werke auf Einladung des Kunstvereins gezeigt werden. © Christine Fauerbach

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