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Das Wunder von Bad Nauheim: Wie die Jüdische Gemeinde wieder erstarkte

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Manfred de Vries freut sich darüber, dass auch 77 Jahre nach dem Ende des Nazi-Terrors jüdisches Leben in Bad Nauheim weiter blüht. © Petra Ihm-Fahle

Es ist ein »Wunder von Bad Nauheim«, dass das jüdische Leben in der Synagoge nach den Nazi-Verbrechen wieder erstarkte und bis heute blüht. Nun feierte die Gemeinde ein Jubiläum.

Ralph, leben deine Eltern noch und wo?«, rief Lina Wagner in den Gebetsraum der Bad Nauheimer Synagoge herunter. Ralph Baum, er war gerade zur Thora aufgerufen, schaute vermutlich hoch zur Empore. Dort sitzen während des Gottesdienstes stets die Frauen. Überliefert ist die Szene vom Freitag, 27. April 1945, durch »Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden« von Stephan Kolb.

Auch eine Tafel im Foyer der Synagoge geht aktuell darauf ein. Anlass ist ein Jahrestag, den die Jüdische Gemeinde kürzlich begangen hat: Die Rede ist vom Tag des ersten Gottesdienstes nach dem Holocaust vor 77 Jahren.

Als 20-Jähriger kam er zurück

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebte Ralph in der Kurstadt, 1945 war er amerikanischer Soldat, da die Familie 1937 ausgewandert war. In Bad Nauheim war es Ralph und seiner Schwester nach der Machtergreifung der Nazis nicht gut ergangen. Lore behandelten die Kinder in der Schule wie Luft, Ralph quälten sie und banden ihn an einen Baum. Nun war er 20 Jahre alt, in Gießen stationiert und Teilnehmer des ersten jüdischen Gottesdienstes nach der Shoa, zehn Tage vor Kriegsende. Er dürfte Lina Wagner zugenickt oder mit »Ja, in New York« auf ihre Frage geantwortet haben, ob die Eltern noch leben. Der genaue Ablauf des kurzen Wortwechsels ist nicht überliefert.

Unlängst beging die Jüdische Gemeinde festlich den Gedenktag in Erinnerung an den Gottesdienst. Die Jubiläumszahl 77 kam zustande, weil das Fest zum 75. Jahrestag pandemiebedingt ausfallen musste.

Fast alle Teilnehmer sind junge GIs

Vorsteher Manfred de Vries spricht vom »Wunder von Bad Nauheim«, weil die Synagoge das Dritte Reich überdauert hat und nach wie vor voller Leben ist. De Vries zieht eine Parallele zu Chanukka, als die Juden vor 2186 Jahren Jerusalem zurückeroberten und nur ein Fläschchen Öl im Tempel fanden, um das Menora-Licht zu entzünden. »Diese Menge hätte normalerweise nur eine Nacht gereicht, die Flamme brannte aber acht Tage. Das war genau die Dauer, die es brauchte, um weiteres geweihtes Öl zu produzieren«, erläutert de Vries.

An der Tür zum Gebetsraum hängen Fotos von dem Gottesdienst 1945, fast alle Teilnehmer sind junge GIs. Auf einem der Bilder sitzen die Soldaten in den Bänken und schauen in die Kamera. Welcher von ihnen ist Ralph? In der Literatur zum Judentum in Bad Nauheim existiert kein Bild von ihm. Nur die Abbildung der Annonce für das Geschäft von Ralphs Vater Eduard Baum ist zu finden. In der Fürstenstraße 22, heute Stresemannstraße, führte Eduard das »Spezialhaus für Garn-, Kurz-, Weiß-, Woll- und Modewaren«. Durch einen Brief seiner Frau Irma ist überliefert, dass ihn die Verfolgung stark mitnahm. 1953 starb er an einem Schlaganfall.

Außer Ralph Baum und Lina Wagner waren weitere Bad Nauheimer im Gottesdienst dabei, Markus Wachtel etwa. 1945 war er 59 Jahre alt. Er war Kaufmann, wohnte vor dem Krieg unter anderem in der Otto-Weiß-Straße 6 oder 8, den Holocaust überlebte er in einem Versteck. Seine Frau, eine Christin, verbarg ihn mithilfe eines Bad Nauheimer Gastronomen. Wachtels Grab liegt auf dem Jüdischen Friedhof auf dem Kernstadtfriedhof. Steine auf dem Grabmal künden von Besuch, der auch heute noch die Stätte aufsucht. Lina Wagner war im April 1945 68 Jahre alt, sie überlebte Theresienstadt und starb 1958 in Gießen. Möglicherweise war sie Krankenschwester, diese Information ist allerdings nicht gesichert. Ihr Grab soll sich ebenfalls auf dem Jüdischen Friedhof in Bad Nauheim befinden. Der junge Ralph wurde später Professor in New York und hatte vier Söhne.

Viele jüdische Kurgäste

Wie ging es nach 1945 mit der Synagoge weiter? »Ein Neubeginn des Gemeindelebens hat stattgefunden«, sagt Vorsteher de Vries. Jahrzehntelang kamen einige Hundert jüdische Emigranten aus Israel, den Niederlanden und England nach Bad Nauheim zur Kur. Im Sommer waren in der Synagoge bis Ende der 90er Jahre tägliche Gottesdienste terminiert. »Im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts dagegen kamen viele Juden aus den GUS-Staaten. Durch diese Menschen hat die Jüdische Gemeinde eine Zukunft.«

Gemeinde feiert Gedenken

Zum Andenken an den ersten Gottesdienst nach der Shoa, der noch vor der Kapitulation des Dritten Reichs zelebriert wurde, organisierte die Jüdische Gemeinde Bad Nauheim jüngst eine Veranstaltung. Bürgermeister Klaus Kreß und Daniel Neumann, Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, würdigten den Tag mit Grußworten. Chasan Rose, am Klavier begleitet von Adi Bar, setzte mit seiner kantoralen Darbietung den würdigen Rahmen.

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