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Das Geheimnis um die Toten aus der Vorratsgrube

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Im Bad Nauheimer Stadtteil Rödgen im Neubaugebiet »Auf dem Holzberg« sind archäologische Funde aus der Römerzeit zutage getreten. Was hat es mit den mysteriösen Skeletten auf sich?

Bad Nauheim – Die Sonne brennt auf das Grabungsfeld, im Hintergrund teeren Arbeiter die Straßen für das Neubaugebiet »Auf dem Holzberg«. Seitlich blüht der Raps, auf der anderen Seite liegt die Wettertalschule. Es war 1960, als der archäologisch interessierte Praktische Arzt Dr. Hubert Martin aus Bad Nauheim nach Rödgen fuhr. Gespannt schaute er sich die Aushubarbeiten für die Schule an, mit geschultem Blick entdeckte er eine Sensation: zwei Spitzgräben aus der Römerzeit. Sein Sohn Michael, bekannt als »Country Mike«, erinnert sich: »Archäologie war sein großes Hobby, im Grunde war es mehr als das. Er arbeitete ehrenamtlich eng mit Behörden und den beiden Grabungsleitern Dr. Hans-Günther Simon und Dr. Hans Schöneberger zusammen.«

Bei den Ausgrabungen stellte sich heraus, dass Rödgen ein bedeutender Fundort ist. Dort stand einst ein römisches Militärlager, ins Jahr 9-11 vor Christus datiert. »Die Bedeutung des Rödgener Lagers ist wichtig. Nicht nur für Hessen, sondern deutschlandweit für die augusteischen Feldzüge«, erklärt Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal.

Jeder Archäologe, der sich mit römischer Geschichte in Deutschland beschäftigt, weiß seinen Worten zufolge, wo Rödgen liegt. Da der Fundort so prominent ist, war im Vorfeld der Erschließungsarbeiten für das Neubaugebiet klar, dass die Archäologen dabei sein werden. An der Stelle, wo Lindenthal steht, ist die Nahwärmeversorgung geplant. Dort sollen Erdwärmekollektoren hin. Im Moment sind viele dunkle Verfärbungen im Boden zu sehen, die Lagergräben und Pfosten nachweisen. Es ist der Randbereich des römischen Lagers, zum Teil sind es auch prähistorische Spuren.

Ausgrabungen in Bad Nauheim: Jüdische Besitzer wurden vertrieben

Die Geschichte des Gebiets in Rödgen ist auch neuzeitlich bedeutsam. Das Neubaugebiet »Auf dem Holzberg« gehörte früher der jüdischen Familie Lesse. Die Familie wurde vertrieben und war nach der Reichspogromnacht gezwungen, unter Wert zu verkaufen. Später erkämpfte sich Martha Lesse eine Entschädigung über 12 500 Mark. Ortsvorsteherin Gisela Babitz-Koch (CDU) setzte sich erfolgreich dafür ein, eine Straße nach Martha Lesse zu benennen. Die Einweihung ist duf Donnerstag, 1. September, terminiert.

Ausgrabungen im Neubaugebiet in Bad Nauheim-Rödgen.
Ausgrabungen im Neubaugebiet in Bad Nauheim-Rödgen. © Petra Ihm-Fahle

Anfang des Jahres meldete sich ein Leser bei der Autorin dieses Artikels, um ihr etwas mitzuteilen: Im Neubaugebiet seien zwei Leichen gefunden worden. »Könnte das vielleicht im Kontext zur Judenverfolgung in Rödgen stehen?«, fragte der Mann. Wie sich herausstellte, waren es keltische Bestattungen - und zwar besondere.

Laut Grabungsleiterin Dr. Regina Müller machten die Archäologen dort hauptsächlich Siedlungsbefunde mit ein paar typischen Vorratsgruben aus der Eisenzeit. »In einer dieser Gruben wurde eine Doppelbestattung gefunden.« Die Toten lagen zusammengekauert am Grund der Grube, was untypisch für die damalige Bestattungsart war.

Bad Nauheim: Überreste römischer Hausfundamente zu sehen

Lindenthal hat einen Aufsatz über das Thema geschrieben. »Das Phänomen ist im Wetteraukreis wiederholt belegt, auch über die Wetterau hinaus.« Über die Gründe gebe es unterschiedliche Ansichten: »Waren es Kranke, die man nicht regulär bestattete, waren es Opfer eine Seuche? Oder war es ein kriegerisches Ereignis? Waren es Leute, die keinen gesellschaftlichen Status hatten?« Auf jeden Fall seien es Sonderbestattungen gewesen. »Meine Meinung ist, dass es keinen monokausalen Grund gibt.«

Ein Stück weit entfernt sind die steinernen Überreste römischer Hausfundamente zu sehen. Im Bereich zwischen den Mauern säubern die Archäologinnen Franziska Domen, Christina Kessler-Balser und Svenja Pohl die Erdoberfläche, das sogenannte Planum. »Es sind Speicherbauten. Daran sehen wir, dass hier sehr viel gelagert wurde für die Feldzüge, die landesweit bis ins Innere Germaniens führten«, schildert Bezirksarchäologe Hardy Prison aus Wiesbaden.

Grabungsleiterin Dr. Regina Müller (3.v.l.) und ihre Stellvertreterin Katrin Schreiner zeigen Bezirksarchäologe Henry Prison (l.) und Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal die Befunde.
Grabungsleiterin Dr. Regina Müller (3.v.l.) und ihre Stellvertreterin Katrin Schreiner zeigen Bezirksarchäologe Henry Prison (l.) und Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal die Befunde. © Red

Ortsvorsteherin Babitz-Koch freut sich über die reiche Geschichte ihres Dorfs. »Wir haben zum Römerlager Info-Tafeln auf dem Schulgelände. Da der Pausenhof mittags abgeschlossen wird, fände ich es wichtig, auch außerhalb der Schule Tafeln zu errichten«, regt sie an. Es sei angemessen, dass interessierte Bürger und Gäste solche Informationen zur Geschichte vorfinden, wenn sie Rödgen besichtigen.

Bedeutender archäölogischer Fund in Bad Nauheim

Das Römerlager aus Bad Nauheim-Rödgen gehört zum sogenannten Oberaden-Rödgen-Horizont und datiert in die Jahre 11 bis 9 vor Christus. Im Jahr 9 vor Christi Geburt hatte Drusus, der Oberkommandierende der römischen Feldzüge, einen tödlichen Reitunfall in Germanien. Die Zeit des Lagers aufs Jahr datieren zu können, gelang anhand der Münzfunde. Mit dem Tod von Drusus hört die Phase der frühen augustinischen Feldzüge auf, später ging es mit den Germanien-Feldzügen weiter.

Da es für frühe römische Lager wie den Rödgener Fundort wenige Nachweise gibt, ist der Platz laut Kreisarchäologe Dr. Jörg Lindenthal so bedeutend. 1960 bis 1966 gruben der Bad Nauheimer Prähistoriker Dr. Hans-Günther Simon und der damalige Leiter des Saalburgmuseums Hans Schöneberger das Lager aus. Auf erste Hinweise war der archäologiebegeisterte Arzt Dr. Hubert Martin gestoßen; er war der Sohn des Badearztes und Historikers Dr. Alfred Martin, nach dem in der Kernstadt eine Straße benannt ist. (Petra Ihm-Fahle)

Nahe Bad Nauheim werden Hunderte Gräber entdeckt. Archäologen sprechen von „einmaligem Fund“

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