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Die Ästhetik des Farbspiels

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Von: Hanna von Prosch

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Mit Hand und Augenmaß: Dieter Balzer hält sein Werk »Horizontale« an die Stelle der Wand, wo es in der Ausstellung hängen soll. © Hanna von Prosch

Bad Nauheim (hms). »Die Farben sind Taten des Lichts«, hat Goethe behauptet. Licht und Sonne und mit ihnen viel Farbe ist in die Räume des Kunstvereins in der Trinkkuranlage eingezogen. Der Berliner Künstler Dieter Balzer hat sie mitgebracht in Form von Konstruktionen und Architekturen. Am Freitag, 18. März, wird die Ausstellung um 19 Uhr eröffnet.

In der Rotunde steht mittendrin ein sich nach oben verjüngender Turm aus Zylindern und Scheiben. Balzer hat ihn extra für diesen Raum geschaffen. Er nennt ihn, angelehnt an die Ionische Säule »Ironische Säule«. Ein Wortspiel mit Farbspiel als erster Blickfang also. Noch lehnen an den Wänden große bunte Scheiben. Beim näheren Hinsehen sind es mehrschichtig zusammengesetzte Konstruktionen, feinst ausgearbeitet in jeder kleinsten Farbfläche.

Dieter Balzer, Jahrgang 1958, gehöre, wie die stellvertretende Vorsitzende des Kunstvereins Karin Merchel sagt, zur neueren Künstlergeneration in der Tradition von Kasimir Malewitsch, dem Begründer des Suprematismus um 1915. Er arbeitet konstruktiv-konkret, technisch perfekt und betörend in seinen Farbkompositionen.

Stadien der Unordnung

Nach strengen Konzepten entwirft er mit Architekturprogrammen im Computer geometrische Formen, spielt mit ihnen, dreht und wendet sie, verschiebt sie, setzt sie neu zusammen. Dabei entstehen Brüche in der Regelmäßigkeit. »Es geht um Ordnung und unterschiedliche Stadien von Unordnung« erklärt er beim Rundgang. Die Struktur löse sich manchmal weitgehend auf, aber nie zum Chaos hin.

30 Werke hängen in den drei Räumen und verbreiten in 30 sich widerstrebenden Farben eine unglaubliche Strahlkraft. Farbe ist für Balzer Bedingung und Qualität. Sie verhält sich aufbegehrend zur Form. Farbkombinationen wiederholen sich modular, Schwarz-Weiß-Kombinationen geben den Ebenen Struktur. »Konkrete Kunst muss man mögen. Sie wird nie langweilig, denn gerade im Wohnbereich macht sie im Vorbeigehen neue Entdeckungen möglich«, sagt Balzer und zeigt auf die mit glänzender Industriefolie sauber verklebten Kanten mit den Farbsprüngen. In der Gesamtbetrachtung fügen sie sich zu einer einheitlichen Ästhetik, die man mit keinem Farbauftrag so hinbekäme.

Diese Art zu arbeiten verfolgt er seit rund 30 Jahren. Der Weg dorthin war ein Prozess. Nie fehlte ihm die Motivation, weiterzumachen. Im Gegenteil, jede neue Form bietet eine neue Herausforderung für immer neue Varianten und Farbkombinationen. »Auch meine Lieblingsfarben ändern sich«, erzählt er. Dabei ist ihm bewusst, dass manchen Menschen das Farbspiel zu viel sein wird und es andere geradezu begeistert.

Wenn die Ausstellungsgäste von Werk zu Werk wandern, sollten sie genau hinschauen, denn jedes winzige Schachbrettfeld und jeder schmale Farbstreifen ist nicht nur exakt beklebt, sondern es steckt viel mehr Arbeit darin. Balzer zeigt die Rückseite, die wie ein eigenes Kunststück aussieht: Mitteldichte Faserplatten sind sorgfältig aneinandergesetzt, geschliffen, beklebt und das in mehreren Schichtungen. Zusammengesetzt können sie etliche Zentimeter in den Raum hinein- ragen. »Man muss Perfektion erreichen, denn bei der kleinsten Abweichung ist die Aufmerksamkeit abgelenkt. Wenn ein Werk bei einer Ausstel-lung an einer Ecke beschädigt würde, kann ich das Ganze wegwerfen«, sagt er. Daher ist auch um die »Ironische Säule« in der Rotunde weiträu- mig ein roter Streifen ge- klebt: Bis hierher und nicht weiter!

Kuratorin Helga Eiffler-Tillmann hatte Balzer bei der Art Karlsruhe entdeckt und war sofort fasziniert von seinen Arbeiten. »Sie erwärmten mir das Herz«, bekennt sie und war sehr glücklich, als die Zusage kam. Immerhin hat sich Blazer mit seiner Kunst eine Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Es gibt weltweit niemanden, der genauso arbeitet. Kein Wunder also, dass Balzer in Amerika einen großen Markt hat und in Korea, Kanada oder Südkorea vertreten ist - und bis zum 1. Mai in Bad Nauheim ausstellt.

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»Pop Up«: Hier lassen sich Elemente horizontal, zirkular und vertikal anordnen. © Hanna von Prosch

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