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Die Trinkkuranlage in Bad Nauheim und die Mängel in Sachen Barrierefreiheit

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Ulla-Ira Stamm befasst sich schon lange mit Barrierefreiheit. Eine graue Treppe ohne Geländer und Stufenmarkierungen hält sie für gefährlich.
Ulla-Ira Stamm befasst sich schon lange mit Barrierefreiheit. Eine graue Treppe ohne Geländer und Stufenmarkierungen hält sie für gefährlich. © Petra Ihm-Fahle

Ist da eine Stufe? Jetzt wäre ich fast gefallen. Wo ist denn die öffentliche Toilette? Für Menschen, die in der Bad Nauheimer Trinkkuranlage unterwegs sind, ist das Angebot nur begrenzt barrierefrei.

Schon seit zehn Jahren beschäftigt sich Dr. Ulla-Ira Stamm mit der Barrierefreiheit, die sie als Erfordernis für alle Menschen versteht. Am Beispiel der Trinkkuranlage von außen zeigt die Bad Nauheimerin dieser Zeitung, was ihr dort als optimierungswürdig auffällt. Zu ihren Anregungen hat die WZ den Ersten Stadtrat Peter Krank um eine Stellungnahme gebeten (siehe Kurzinterview). Stamm ist Regionalgruppenleiterin von Pro Retina Deutschland und Fachberaterin für Barrierefreiheit. »Für Bad Nauheim als Gesundheitsstadt ist es wichtig, möglichst weitgehend Barrierefreiheit anzubieten«, konstatiert sie. Es sei ein ständiger Optimierungsprozess.

Ein Verbesserungsvorschlag betrifft die Treppe vor dem modernen Foyer, die ohne Geländer ist. »Für Menschen, die geh- oder sehbehindert sind, ist das sturzgefährlich«, sagt sie. Mit denkmalschutzrechtlichen Auflagen lässt sich das Nichtvorhandensein eines Geländers ihrer Meinung nach nicht erklären. Was sie zudem bemängelt, sind die fehlenden Kantenmarkierungen der Stufen. »Wer nicht gut sehen kann, erkennt nicht richtig, wo sie anfangen und wo sie enden.« Ein Eindruck, der sich laut Stamm abends durch die ihrer Ansicht nach schlechte Beleuchtung verstärkt. Der Aufgang auf der anderen Seite ist für Rollstuhlfahrer, Rollatoren und Kinderwagen zwar angeschrägt, zudem gibt es ein Geländer. »Aber auch Treppen sollten möglichst funktional und sicher gestaltet sein«, betont Stamm.

Türstopper als Stolperfallen

Nächster Punkt sind die Stopper vor der Eingangstür, die sie als Stolperfalle wahrnimmt. »Zeitweise steht hier ein Blumentopf, nicht nur zur Zierde, sondern mit einer wichtigen Funktion. Er kann Stürze verhindern.« Die Türen seien je nach Beleuchtungssituation schwer zu sehen, außerdem gehen sie schwer auf: »Kommt jemand mit Krücken, Rollator oder Rollstuhl, so ist er auf fremde Hilfe angewiesen.« Selbstständig etwas tun zu können, sei aber ein zentrales Kriterium für Barrierefreiheit.

Der Weg führt nun in den Innenhof der Trinkkuranlage. Das Gelände wurde im Rahmen der Sanierungsarbeiten aus Denkmal-Gründen auf ein niedrigeres Niveau gebracht, wie Stamm erläutert. Das hat zur Folge, dass Stufen entstanden sind, um zu dem Wandelgang zu kommen. An der einen oder anderen Stelle liegt eine Rampe, was sie begrüßt.

Den Begriff »barrierefrei« will Ulla-Ira Stamm weiter fassen. »Etwa zehn Prozent der Bevölkerung sind auf Barrierefreiheit zwingend angewiesen, dreißig Prozent benötigen Barrierefreiheit als Hilfe für ihr alltägliches Leben, und für hundert Prozent ist Barrierefreiheit komfortabel.« Sie nennt ein Beispiel: Auch auswärtige Gäste seien aufgrund fehlender Ortskenntnis gehandicapt. »Nirgendwo gibt es ein Schild mit der Aufschrift ›Trinkkuranlage‹«, stellt sie fest. Ein Beschilderungskonzept für die ganze Anlage und ihre Angebote wäre nach Ansicht von Stamm eine gute Lösung. »Wo sind der kleine Saal, der große Saal, der Brunnenausschank, der Kunstverein, die Tanzschule? Wo liegen die Lokale? Das könnte man alles auf einem Plan zeigen.«

Kleiner Zettel verweist auf WCs

Stamm führt zudem die Toiletten an, deren Lage niemand von alleine kennen kann. Im Innenhof gibt es nur einen kleinen Zettel, der an einer Tür darauf aufmerksam macht. »Für viele Menschen ist es ein Kriterium für den Veranstaltungsbesuch, ob es Toiletten gibt.«

Außerhalb der Trinkkuranlage macht sie auf einen Wegweiser aufmerksam, der zu verschiedenen Punkten der Stadt weist. »Aber es fehlen die Entfernungsangaben«, sagt sie. Ältere Menschen und Reha-Patienten wollen ihrer Ansicht nach aber wissen, ob sie das Ziel mit ihren Kräften erreichen können. Stamm: »Sprudelhof, Trinkkuranlage und das ehemalige Kurhaus wurden in der Jugendstilzeit ebenerdig gebaut. Schon vor 110 Jahren gab es hier in Bad Nauheim viele Gäste im Rollstuhl.« Insofern habe Bad Nauheim sehr gute Voraussetzungen für Barrierefreiheit.

Drei Fragen an Peter Krank

Wie beurteilen Sie die Barrierefreiheit in Bad Nauheim?

Wir zeigen an vielen Stellen, dass wir eine inklusive Stadt sind, und bauen dies weiter aus. Daher arbeiten wir stetig daran, die Barrierefreiheit im Stadtgebiet zu verbessern, um allen Menschen in Bad Nauheim die Teilnahme am öffentlichen Leben zu ermöglichen. Es handelt sich dabei allerdings um einen äußerst vielschichtigen Prozess, bei dem wir zumindest zwischenzeitlich immer wieder Kompromisse eingehen müssen.«

Was sagen Sie zur Kritik an der Trinkkuranlage in diesem Zusammenhang?

Im Falle der Trinkkuranlage mussten wir bei der Herstellung der Barrierefreiheit den Anforderungen des Denkmalschutzes gerecht werden und die sich ändernde Nutzung der Räume beachten. Da mittlerweile alle Räume vermietet sind, haben wir nun Planungssicherheit und werden weitere zielgerichtete Verbesserungen bei der Barrierefreiheit vornehmen.

Hat die Stadt Maßnahmen in Arbeit, um die Barrierefreiheit zu verbessern - wenn ja, welche?

In der Trinkkuranlage planen wir konkrete Maßnahmen, um die Barrierefreiheit zu optimieren. So werden wir beispielsweise die Türstopper an der Außentür zum Konzertsaal zeitnah verändern und die Beschilderung innerhalb der Anlage neu konzipieren. Den barrierefreien Zugang zur Trinkkuranlage haben wir durch transportable Rampen verbessert. Seit Kurzem betreibt die Inklusionsfirma proLiLo Gastrowelt gGmbH die Gastronomie in der Trinkkuranlage. Mit dieser stehen wir in engem Austausch. Im Zuge dessen werden sich sicher weitere Verbesserungspotenziale identifizieren lassen, die wir bei der Umsetzung zukünftiger Maßnahmen berücksichtigen werden.

Peter Krank ist Erster Stadtrat und als Dezernent unter anderem für Soziales und Immobilien zuständig.

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