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Eine Weltklasseinterpretin

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Von: Hanna von Prosch

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Bratschen-Virtuosin Hwayoon Lee und Kantor Frank Scheffler haben das Benefizkonzert gemeinsam gestaltet. © Hanna von Prosch

Bad Nauheim (hms). Es ist der satte farbenreiche Ton, den Hwayoon Lee aus ihrer Viola von Gasparo da Saló von 1590 zaubert, kombiniert mit der großartigen Akustik in der Bad Nauheimer Dankeskirche, sodass man durch und durch berührt ist. Anne Sophie Mutter hatte ihre Stipendiatin 2020 zum ersten Mal nach Bad Nauheim geschickt. Jetzt war es ihr eigener Wunsch, wieder in die Kurstadt zu kommen.

Und erneut eroberte sie die Ohren und Herzen mit ihrer Musik.

Kantor Frank Scheffler stellte sie vor als eine der führenden Bratschistinnen ihrer Generation, die mit ihren 25 Jahren eine erstaunliche Karriere mit bedeutenden Orchestern weltweit hinlegt. So war der Auftritt am vierten Advent eine Station zwischen der Tournee mit Mutters Virtuosi und einem Streichquartett-Auftritt im Mozarteum. In Bad Nauheim schätzt sie die Verbindung von Viola und Orgel, die Zusammenarbeit mit Frank Scheffler sowie die gute Akustik und Konzertatmosphäre.

Ein Geschenk im besten Sinn

»Direkt nach dem Konzert im Februar 2020 habe ich über ein neues Programm nachgedacht, das passend für die Dankeskirche ist«, erzählt sie lächelnd. Deswegen habe sie Arvo Pärt »Fratres« ausgesucht, das wie ein Gebet anmute und die Geigensonate Nr. 2 von Bach, weil Bach und Orgel zusammengehörten. So war das ganze Konzert ein Geschenk im besten und umfassenden Sinn. Mystisch mit Viola Solo beginnt das erste Stück, ehe die Orgel feierlich einsteigt in Fratres von Arvo Pärt. Hwayoon Lee sorgt mit ihrem Bratschenton und einer sensiblen Dynamik vom Furioso bis zum Aushauchen für Gänsehaut. Bei den virtuosen Doppelgriffen bleibt einem der Atem weg. Die Register des Fernwerks fügen sich mit ihrem geheimnisvollen Klang ein: auch das ein Geschenk angesichts des Gesamtzustands der Orgel. Ausdrucksstark und innig zugleich vollzieht sich so ein Gebet in Tönen.

Es folgt Bach virtuos. In der feierlichen Orgelfantasie G-Dur lässt Scheffler viele tiefe Pfeifen erklingen, die noch immer berühren und im neuen Instrument erhalten werden sollen. In Kaskaden stürzen die Akkorde und bauen sich dem Himmel zustrebend wieder auf. Im Schlussteil kann er mit überzeugender Fingerfertigkeit glänzen.

Und dann die viersätzige Geigensonate, bearbeitet für Viola: Hwayoon spielt sie auswendig im Altarraum, sodass man in nur wenigen Metern Entfernung spüren kann, wie sehr sie mit ihrem kostbaren Instrument verbunden ist. Je älter das Instrument sei, desto schwerer sei es, es zu verinnerlichen, erzählt sie später. In genialen Doppelgriffen zaubert sie einen ganzen Orchesterklang hervor, mal energisch wie einst der Thomaskantor selbst, mal lieblich oder tänzelnd. Einen Monat habe sie gebraucht, um dieses extrem schwere Stück einzustudieren. Auch das zeugt von ihrem großartigen Können. Zwei Choralbearbeitungen für Orgel aus den Leipziger Chorälen schließen den Bach-Teil ab.

Mit ihrer Vielseitigkeit überrascht die Künstlerin in »The 3 G’s« des zeitgenössischen Komponisten Kenji Bunch. Das habe nichts mit Corona-Maßnahmen zu tun, meint die sympathische Koreanerin, die jetzt in Berlin lebt, sondern mit den drei Gs, die die Bratsche brauche.

Traumhafte Romanze

Bunch ist selbst Bratschist und Gitarrist. Dieses folkloristisch angehauchte Stück ist von der Gitarre inspiriert, stark rhythmisch, gezupft, gerissen, gestrichen und mit riesigen Intervallsprüngen gerade richtig für Könner.

Den Abschluss bildet eine traumhafte Romanze von Max Bruch für Viola und Orgel. Wieder schwebt ihr zarter, dem Nichts entsteigender Ton durch den Raum und der volle Klang dringt tief in die Seele ein. Was ist nach diesem Programm noch alles möglich, wenn einmal die neue Orgel nicht nur Krücke, sondern vollwertige Partnerin eines solchen Instruments und seiner Beherrscherin ist! Den stehenden langen Applaus belohnten Scheffler und Lee mit einer Zugabe: »Wachet auf, ruft uns die Stimme« im bekannten Bach-Satz. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Virtuosin wieder nach Bad Nauheim kommen wird, denn die Förderung des Orgelprojekts ist ihr ein Herzensanliegen.

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