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Erinnern an unvorstellbare Gräuel

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Von: red Redaktion

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Die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung tragen Koffer, auf denen Namen von jüdischen Mitbürgern stehen, die vor 80 Jahren deportiert und ermordet worden sind. © pv

Bad Nauheim/Friedberg (pm). Viele Menschen aus der Wetterau haben sich am Donnerstag in Bad Nauheim getroffen, um an ein einschneidendes Ereignis zu erinnern, das nun 80 Jahre zurückliegt: 103 jüdische Bürgerinnen und Bürger wurden am Nachmittag des 15. September 1942 vor dem jüdischen Altersheim in der Frankfurter Straße 63 von der Gestapo zusammengeholt und dann in die Augustinerschule nach Friedberg gebracht.

Dabei hatten sie jeweils einen Koffer, in dem nur das Wenige sein durfte, was sie in einem Verwaltungsschreiben mitgeteilt bekommen hatten: »Auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei - Staatspolizei Darmstadt - benachrichtigen wir Sie, dass Sie zur Umsiedlung vorgesehen sind. Der Tag Ihrer Abwanderung wird Ihnen noch bekanntgegeben. Sie haben folgende Gegenstände mitzunehmen:…« zitierte Britta Weber, Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GcjZ) Wetterau, aus diesem Schreiben.

Verschleierung der wahren Absichten

Bürgermeister Klaus Kreß, der zusammen mit Erstem Stadtrat Peter Krank und Stadtverordnetenvorsteher Oliver von Massow gekommen war, erinnerte an die unvorstellbaren Gräuel dieser Zeit: »Niemand der Deportierten aus Bad Nauheim hat die an diesem Tag vor 80 Jahren begonnene Reise überlebt, sondern sie alle wurden in Konzentrationslagern ermordet.« Das Verlesen der Namen, das Beschriften der mitgebrachten Koffer mit den Namen der Opfer und der Gang nach Friedberg machten das Ereignis nachvollziehbar. Auf dem Synagogenplatz in Friedberg traf die Gruppe auf eine große Zahl dort schon versammelter Menschen, um der aus Friedberg deportierten 61 jüdischen Männer, Frauen und Kinder zu gedenken.

Dort standen bereits zahlreiche Koffer bereit, die ebenfalls mit den Namen von Deportierten beschriftet waren. Alle Anwesenden bekamen ein Blatt mit dem Namen einer deportierten Person übergeben. Einige brachten eigene Koffer mit, die sie noch mit einem Namen versahen.

Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender begrüßte die Versammelten, darunter auch Bürgermeister Dirk Antkowiak und Erste Stadträtin Marion Götz. Hollender hob die Bedeutung des Erinnerns an das, was damals jüdischen Bürgerinnen und Bürgern angetan worden war, hervor.

Nach einleitenden Worten der Friedberger Organisatoren Lukas Hölzinger und Johannes Kögler las Hölzinger aus einem Schreiben, wie es Anfang September 1942 an die Jüdinnen und Juden in der Wetterau verschickt wurde, um ihre unmittelbar bevorstehende »Umsiedlung« anzukündigen, wie es verharmlosend und in Verschleierung der wahren Absichten formuliert wurde. Die bürokratischen Verhaltensanweisungen können nur als perfide und zynisch empfunden werden. Anschließend verlasen die Teilnehmenden die Namen aller damaligen Opfer, um an jeden einzelnen Menschen zu erinnern.

Vom Synagogenplatz aus machten sich die etwa 120 Teilnehmer der Gedenkveranstaltung auf den Weg durch die Judengasse bis zur Augustinerschule - auf den Weg, den vor genau 80 Jahren die Jüdinnen und Juden auch gehen mussten. In der Turnhalle, wo die Menschen damals die beiden letzten Nächte in Friedberg verbrachten, wurden die Koffer abgestellt und die Namen von aus 17 weiteren Orten im damaligen Landkreis Friedberg deportierten Männern, Frauen und Kindern verlesen.

Ergriffen und mit offenen Fragen

Noch einmal 110 Namen, mit den Namen aus Friedberg und Bad Nauheim insgesamt 274 Menschen, 274 Schicksale, derer gedacht wurde. Nach einem abschließenden Wort von Dr. Peter Noss (GcjZ) und dem Dank an die Kooperationspartner und alle, die gekommen waren, endete der erste von drei Tagen des Gedenkens.

Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Augustinerschule hatten für den zweiten Tag die Biografien von einigen der Deportierten erarbeitet und zeigten dem interessierten Publikum die Ergebnisse ihrer Recherchen in Form von Briefzitaten, Bildern und Nacherzählungen. Dabei wurde sehr deutlich, wie besonders das Leben jedes Einzelnen gewesen war, der dem Nazi-Regime zum Opfer gefallen war.

Zurück blieb ein Publikum: betroffen, ergriffen und mit offenen Fragen: Wer waren die Täter und was trieb sie um? Wie konnte so ein grausames Verbrechen so lange im Verborgenen bleiben? Was können wir tun, dass so etwas nie wieder passiert? Mit einem Dank für das Engagement der Schülerinnen und Schüler ging der zweite Teil des Gedenkens zu Ende.

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