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Fichte zwischen Himmel und Erde

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Von: Hanna von Prosch

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hed_Freisteller_Baum_1_0_4c © Hanna von Prosch

Bad Nauheim (hms). In einer spektakulären Aktion wurde am Samstagvormittag im Höhenweg eine elf Meter hohe Fichte von einem Hanggrundstück geborgen. Sie war am Sturmabend des 18. Februar auf das davorstehende Mehrfamilienhaus gestürzt. Verletzt wurde niemand, aber die Bergung des Baumes bereitete Hausverwaltung und Bewohnern Kopfzerbrechen.

Was ein komplizierter Baum-Fall zu sein schien, lösten die Profis der Firma Götz Baumpflege aus Dorheim schnell und souverän mit einem gewaltigen Kran der Firma Burghard aus Butzbach. »Das kann Wochen dauern, alle Betriebe sind ausgelastet«, hatte Hausverwalter Alexander Fett noch am Donnerstag prophezeit.

Erschwerend kam hinzu, dass der Eigentümer des dahinterliegenden Grundstücks auf dessen Boden die Fichte stand, sich der Hausverwaltung gegenüber nicht besonders kooperativ zeigte. Zunächst dachte man nämlich, dass der Baum mit zwei Seilwinden auf sein Grundstück zurückbefördert und von dort wegen der Hanglage mühsam abtransportiert werden müsse.

Die gute Zusammenarbeit von Kran- und Baumpflegefirma bescherte den Bewohner jedoch Aufatmen, denn sie waren wegen des Astgewirrs auf ihren Balkonen und vor den Fenstern beunruhigt. Schließlich verfolgten sie das Spektakel mit großem Respekt.

8.45 Uhr : Der Höhenweg ist teilweise für die Durchfahrt gesperrt. Ein 50 Tonnen-Kranfahrzeug rollt an und wird gesichert. Schon nach zehn Minuten fährt der Kran hoch und der 45 Meter lange Ausleger schwenkt bei strahlend blauem Winterhimmel über das fünfstöckige Wohnhaus.

9 Uhr : Fachagrarwirt Martin Götz sägt die ca. 3,50 Meter lange Krone ab, die über das Glasgeländer des Penthouses gefallen ist. Den Baum Stück für Stück zu zersägen, wäre nicht möglich gewesen, da durch den kippenden Stamm Hauswand und Fenster beschädigt worden wären.

9.15 Uhr: Der restliche Baumstamm, gut sieben Meter lang, wird mit Seilen am Kran befestigt. Das Geräusch der Motorsäge zeigt an, dass der Stamm nun unten am Boden abgetrennt wird. Sehen kann man von der Straße aus nichts. Doch dann taucht der Stamm am Kran hängend zwischen den zwei Häusern auf. Der Ausleger schwenkt vorsichtig über das Gebäude, hinüber zur Wiese auf der anderen Straßenseite. Wie ein kostbares Gut legt er Punkt halb zehn den Fichtenstamm ab.

9.30 Uhr : Während die Baumpfleger die Äste ab- und den Stamm zersägen, holt der Chef den Baumstumpf und anschließend die beim Sturz bereits abgebrochene Spitze heraus. Wie eine Trophäe bringt sie Götz, samt einem großen Bündel Äste, am Kran schwebend nach unten. Jetzt können die Reste auf den schon bereitstehenden Lkw verladen werden. Kranführer Jonas Petek fährt sein schweres Gerät wieder ein: »Das war ganz normaler Alltag«, sagt er.

9.40 Uhr : Martin Götz schlüpft zufrieden aus dem Tragegurt: »Es ist alles so gelaufen, wie ich es erwartet habe. Insgesamt haben wir 1200 Kilo Holz herausgeholt.« Seit 1997 ist er im Geschäft und hat mit seinem Profiteam schon viele Sturmschäden behoben. Das hier sei noch nicht das Schlimmste gewesen. Im Hochwald habe es eine dicke Eiche getroffen und bei einem anderen Einsatz sei das Hausdach beschädigt worden.

Er hat sich auf Wunsch der Hausbewohner den Baumstamm noch einmal genauer angeschaut und meint: »Das war höhere Gewalt, bei Windstärke acht bis neun passiert so etwas immer wieder. Ich kann keine Vorschädigungen am Stamm erkennen. Trotzdem muss ich zur Vorsicht raten, denn gerade Fichten und Tannen sind durch die letzten trockenen Sommer sehr gefährdet.« Er kann die besorgten Bewohner auch dahin gehend beruhigen, dass die auf dem Nachbargrundstück etwa vier Meter entfernt stehen gebliebene zweite Blaufichte jetzt nicht zusätzlich beeinträchtigt sei. Aber: »An Bäume gehören nur Profis, das Handwerk ist zu gefährlich«, appelliert Götz. Auch Gutachten hätten Ermessensspielraum. Die Situation sei nicht immer eindeutig. »Das beste Diagnosegerät ist die Säge, leider muss man dazu den Patienten töten«, schmunzelt er und räumt die Sperrschilder weg.

10 Uhr : Auch der Rettungsweg ist wieder frei. Es gibt eine Menge, an das Martin Götz denken muss, wenn es zum Einsatz geht: zum Beispiel, dass er Ordnungsamt, Rettungsleitstelle und Anwohner informieren muss.

Für die Bewohner im Höhenweg ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Jetzt geht es um die Frage der Kostenübernahme. Wahrscheinlich zahle die Versicherung, sagt Hausverwalter Fett und hofft, dass die zweite Fichte beim nächsten Sturm nicht auch umstürzt und dann mehr noch passiert.

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hed_Hoehenweg_Fenster_Fot_4c © Hanna von Prosch
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heD_Baum_Hoehenweg_1_Foto_4c © Hanna von Prosch

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