1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Bad Nauheim

Film erlaubt lebendige Geschichtsbewältigung

Erstellt:

Von: Hanna von Prosch

Kommentare

agl_Filmfestival_2_Foto__4c_1
Nach dem Film diskutieren in der Bad Nauheimer »FilmBühne« mit dem Publikum (v. l.) Simo EL Khalfi, Liv Wagner, Alena Rohn-Nemudrowa und Susann Barczikowski. © Hanna von Prosch

Beim Europäischen Filmfestival der Generationen in Bad Nauheim wurde ein Film über eine Brennpunktklasse und die Auseinandersetzung mit der Shoa gezeigt. Ein schwerer Stoff.

Mit zwei Filmen und anschließenden Diskussionen haben das Mehrgenerationenhaus und das Familienbüro der Stadt Bad Nauheim am Europäischen Filmfestival der Generationen teilgenommen. In der »FilmBühne« liefen »Die Schüler der Madame Anne«, ein Film über eine Brennpunkt-Klasse, die durch ein berührendes Projekt über ein Konzentrationslager zusammenwächst, und »Monsieur Pierre geht online« mit dem Thema Einsamkeit im Alter.

Der französische Film »Die Schüler der Madame Anne«, von dem hier die Rede sein soll, ist schwerer Stoff. Nicht nur, weil er ein Thema aufgreift, das in der älteren Generation Deutschlands immer noch nicht ganz bewältigt und andererseits den Jugendlichen sehr fern ist: Kinder und Jugendliche in Konzentrationslagern. Schwer auch deshalb, weil in Brennpunktschulen mit vielen Nationalitäten Ausgrenzung, Rassismus und Orientierungslosigkeit keine Seltenheit sind. Der Lehrerin Anne Gueguen gelingt es aber, durch einen Wettbewerb die Klasse zusammenzuschweißen und reifen zu lassen.

Der Film beginnt mit einem Kopftuchtstreit, dokumentiert Machtgehabe und Unreife, Perspektivlosigkeit und mangelnden Respekt sowohl von Schülern gegenüber Lehrern, als auch umgekehrt und untereinander. Das Geheimnis der engagierten Pädagogin ist, dass sie auf die Fähigkeiten ihrer ansonsten schlechten Schüler setzt und sie gleich behandelt. Sie gewinnt das Vertrauen der Klasse, denn sie leitet und fordert sie, ermutigt sie, ihre eigenen Standpunkte zu vertreten. Was thematisch den jungen Leuten langweilig scheint, wird durch einen Besuch in einem KZ-Dokumentationszentrum plötzlich lebendig: Die Kinder bekommen Gesichter, die eingebrannten Nummern Identität. Damit wächst ihr Gefühl für den Wert des eigenen Lebens.

Die Erzählungen eines Shoah-Überlebenden berühren die Klasse sichtbar. Die Jugendlichen erkennen, dass es notwendig ist, für das eigene Leben und seine Würde zu kämpfen. Sie werden aufmerksam. Erst in kleinen Gruppen, dann immer konzentrierter entwickeln sie die Wettbewerbsarbeit. Am Ende steht der Erfolg. Der erste Platz. Ihrer Rolle bewusst, trägt eine zuvor ablehnende Schülerin bei der Preisverleihung den Schwur der Buchenwald-Überlebenden vor.

Die Chaoten-Szenen in dieser wahren Geschichte werden Lehrerinnen und Lehrern bekannt vorkommen. Vielleicht nicht in Bad Nauheim, denn hier sei man diesbezüglich »eher auf rosa Wolken gebettet«, bestätigte der Vorsitzende des Ausländerbeirats Sinan Sert in der Diskussion. Diese lief in unterschiedliche Richtungen. Es ging um Integration und Vergangenheitsbewältigung und um die Frage, was heute in den Schulen dazu getan werden sollte. Der Film sei ein guter Zweitzeuge gewesen, sagte Ute Latzel vom Müfaz.

Für Integration mehr Zeit nötig

Liv Wagner (19) beschäftigt sich im Leistungskurs Geschichte am Friedberger Burggymnasium mit diesem Thema. Sie sagte: »Wir reden über ein Ereignis, das wir uns nicht mehr vorstellen können. Wir brauchen den Bezug, zum Beispiel einen Besuch in den Gedenkstätten.« Und zum Thema rassistische Äußerungen: »Viele sagen: Das ist doch nur Spaß. Aber das müssten die Lehrer mehr beachten und darüber sprechen.« Aus einem Schulprojekt weiß sie auch, dass es zwischen den Reden der Nazi-Zeit und der AfD Parallelen gebe. Die jungen Nazis heute seien aus Überzeugung mitgegangen, damals sei man indoktriniert worden.

Von Moderatorin Susann Barczikowski auf das Thema Integration angesprochen, gab die russischstämmige Alena Rohn-Nemudrowa zu, sie habe es wegen ihres deutschen Mannes nicht schwer gehabt. Sie sehe aber an unkrainischen Freunden, dass man neben der Sprache die Kultur und die Gepflogenheiten des Landes immer wieder kommunizieren müsse. Da gebe es viele Missverständnisse.

Simo EL Khalfi kam vor 27 Jahren als Student aus Marokko in die neuen Bundesländer. Ihn ärgert, wenn man Menschen mit Migrationshintergrund in einen Topf wirft und bei ihm, weil man ihn kennt, beschwichtigt: »Du bist aber anders.«

Die Meinung beim überschaubaren, überwiegend älteren Publikum war, dass man in Kita und Schule mehr Zeit für Kommunikation und Integration haben müsse. Aber in diesem Bildungssystem sei zu wenig Raum dafür. Man müsse es upgraden.

Auch interessant

Kommentare