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Bad Nauheimer Medizinpädagogin: »Man muss egoistischer werden«

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Von: Jürgen Wagner

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Stress, sagt man, lasse einem graue Haare wachsen. Die Medizinpädagogin Felicitas Quiskamp rät in solchen Fällen, einfach dazu zu stehen. Und das eigene Selbstbild zu hinterfragen.
Stress, sagt man, lasse einem graue Haare wachsen. Die Medizinpädagogin Felicitas Quiskamp rät in solchen Fällen, einfach dazu zu stehen. Und das eigene Selbstbild zu hinterfragen. © Nicole Merz

Stress? Ist doch ganz normal. Oder nicht? Stress kann sich unversehens in einen Burnout verwandeln, sagt die Medizinpädagogin Felicitas Quiskamp. Dann helfe, mit anderen Menschen zu reden.

Bad Nauheim - Auf ihrer Internetseite hat Felicitas Quiskamp ein aussagekräftiges Bild gewählt, um die Arbeit mit ihren Klienten zu beschreiben: Sie verstehe sich als »Stützräder an deinem Fahrrad«: »Die Richtung und die Geschwindigkeit bestimmst du. Auch musst du selbst in die Pedale treten. Ich gebe dir Starthilfe und lehre dich, allein zu fahren.«

»Selbst(Wert)« hat die 33-jährige Bad Nauheimerin die Seite überschrieben. Genau darum geht es: Prasselt zuviel Stress auf uns ein, verlieren wir das innere Gleichgewicht und das Gefühl für den eigenen Wert, sagt Quiskamp. »Irgendwann hat man keine Kontrolle mehr über das, was man sich aufgeladen hat. Wie bei einer Schubkarre, die so voll ist, dass sie umkippt.« Dann hilft Reden. Als Freiberuflerin bietet Quiskamp Einzelgespräche, Workshops und bald auch eine Selbsthilfegruppe für Burnout-Betroffene an.

Medizinpädagogik ist ein relativ neuer Studiengang, der an sechs Hochschulen in Deutschland angeboten wird. Die Absolventinnen unterrichten etwa angehende Krankenpfleger oder arbeiten im Management von Gesundheitseinrichtungen. Quiskamp absolvierte nach dem Abitur eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin, arbeitete auch einige Jahre in diesem Beruf. Dann ergab sich die Chance, an einer Rettungsdienstschule zu arbeiten. Quiskamp schloss nebenher das Studium ab und unterrichtete.

Bad Nauheimer Medizinpädagogin: „Jeder kann seine Verhaltensweisen ändern“

Dann erkrankte ihre Mutter an Krebs. Quiskamp begleitete sie ein Jahr lang bis zum Tod, neben ihren anderen Verpflichtungen. Das war zu viel, ein Burnout stellte sich ein, Quiskamp fiel in ein tiefes Loch. Und begriff: Ich muss etwas ändern. Seither ist sie freiberuflich tätig. Nach dem eigenen Stress hilft sie nun, den Stress anderer Menschen in den Griff zu kriegen.

Quiskamp ist keine Psychotherapeutin. »Ich arbeite pädagogisch.« Jeder könne seine Verhaltensweisen ändern. Nur: Meist realisierten Betroffene nicht, dass bereits eine Veränderung eingetreten ist. Dass sie sich zurückziehen, kein Interesse am engsten Umfeld, der Familie oder an Hobbys haben. Dass soziale Kontakte abgebrochen werden. »Das ist eine totale Erschöpfung. Man kann nicht mehr aus dem Bett aufstehen, als würde man von unsichtbaren Gurten gehalten.« Die Lage scheint aussichtlos, »Erste Hilfe« durch Aufmunterung ist nötig.

Quiskamp beobachtet, dass sich immer mehr Menschen in mentalen Krisen Hilfe holen. Noch immer sind psychische Erkrankungen mit Scham behaftet. »Der hat wohl einen an der Klatsche«, heißt es. Über ein gebrochenes Bein würde niemand hämische Bemerkungen machen. Bei Stress, Burnout oder Depressionen schon. Aber das ändere sich, sagt Quiskamp. Ihre Klienten spürten, wie wichtig es ist, sich zu hinterfragen und auf eigene Bedürfnisse zu achten.

Ein Tipp von Quiskamp zur Stressvermeidung lautet: »Man muss egoistischer werden.« Die Kinder dazu bringen, dass sie auch mal eine Maschine Wäsche waschen. Sich Auszeiten gönnen. Einen Stundenplan für eigene Unternehmungen machen. Oder eine Belohung einbauen: ein Wellness-Wochenende zu zweit, ein Spieleabend mit der Familie.

Bad Nauheim: Corona verschärft die Lage für Burnout, Depression und Stress

Eine Klientin ist im Außendienst tätig, klagt darüber, dass sie tagsüber nicht dazu komme, genügend zu trinken. »Ich habe ihr empfohlen, einen Kasten Wasser ins Auto zu stellen. Das funktioniert.«

Corona verschärfe die Situation. Viele Menschen kämen mit der Einsamkeit nicht zurecht. »Andere machen sich Vorwürfe, dass sie ihre Verwandten im Altenheim nicht bis zum Tod begleiten konnten.« Das Gesundheitssystem in Deutschland sei überlastet, das gelte auch für Reha-Kliniken oder für Termine bei Psychotheraupeuten. Wichtig seien in solchen Situationen zum einen andere Menschen, die Hilfe nicht aufdrängen, aber anbieten. Und dann die eigene Bereitschaft, Probleme anzugehen und Veränderungen anzustreben.

Mit dem Wetteraukreis hat Quiskamp vereinbart, demnächst eine Selbsthilfegruppe für Burnout zu gründen. Noch wird ein Raum gesucht, eine Facebook-Abfrage habe gezeigt, dass es Interessenten in der Wetterau gebe.

Weitere Informationen gibt’s auf der Internetseite selbstwert-badnauheim.com.

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