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Glaube als Korrektiv nachmetaphysischen Denkens

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Mutig: Günter Simon konzentriert sich auf die wesentlichen Teile des über 800 Seiten starken Werks. © Gerhard Kollmer

Bad Nauheim (gk). »Die Vernunft würde mit dem Verschwinden jeden Gedankens, der das in der Welt Seiende im Ganzen transzendiert, selbst verkümmern. Die Abwehr dieser Entropie ist ein Punkt der Berührung des nachmetaphysischen Denkens mit dem religiösen Bewusstsein.«

Die Neubewertung des religiösen Glaubens als notwendiges Korrektiv eines immanenten, transzendenzlosen Denkens, wie sie in diesem Zitat aus dem Schlusswort seines Opus magnum mit dem bescheidenen Titel »Auch eine Geschichte der Philosophie« zum Ausdruck kommt, hatte sich bei Jürgen Habermas schon seit vielen Jahren angebahnt.

Im Jahr 2004 traf der ehemalige Vordenker der Neuen Linken mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger zu einem Gespräch über das Verhältnis von Glaube und Wissen bzw. Vernunft zusammen. Blieben die Grundpositionen des Philosophen auf der einen und des konservativen Theologen auf der anderen Seite auch weiterhin verschieden, so zeichnete sich doch eine gewisse Annäherung ab.

Ratzinger hob hervor, dass die Scholastiker des hohen Mittelalters von der grundsätzlichen Vereinbarkeit zwischen Glaube und Vernunft überzeugt waren. Diese Opinio communis brachte Anselm von Canterbury mit seiner Formel »credo ut intelligam« - »Ich glaube, um zu verstehen« - zum Ausdruck. Erst im Spätmittelalter habe der Entfremdungsprozess zwischen Theologie und Philosophie begonnen.

Eine wahre Herkulesaufgabe

An dieser Stelle setzte Günter Simon, ehemaliger Leiter des »Kulturforums« mit seinem Vortrag über den zweiten Band von Habermas’ Spätwerk ein. Schon der Mut, sich dieser Herkulesaufgabe zu stellen, verdient großen Respekt. Sich auf die wesentlichen Teile des über 800-seitigen Werks stützend, explizierte Simon Habermas’ Verständnis des Säkularisierungsprozesses seit dem Zeitalter des Rationalismus beziehungsweise der Aufklärung im 17./18. Jahrhundert.

Der Reformator Martin Luther hatte den (angeblichen) Graben zwischen Glaube und Vernunft, die er nicht nur abwertet, sondern verächtlich macht und als »Hure« tituliert, tief aufgerissen. Der Mensch, so seine Grundthese, könne nicht aus eigener Kraft, durch moralisch-vernünftiges Handeln, sondern nur durch unbedingten Glauben (»sola fide«) an den göttlichen Heilsbringer dereinst von seinen Sünden erlöst werden.

Die Philosophie Immanuel Kants, die Günter Simon als maßgeblichen Schritt auf dem Weg der Säkularisierung (= Verweltlichung) religiösen Gedankenguts vorstellte, postuliert dagegen einen »Gott der reinen Vernunft«, der nur noch als transzendenzlose moralische Instanz fungiert.

Für Ludwig Feuerbach ist »Gott« nichts anderes als menschliche Projektion. All seine religiösen Attribute seien nichts anderes als Anthropomorphismen, d. h. menschliche Idealvorstellungen. Fazit: Nicht Gott hat den Menschen, sondern dieser hat (die Vorstellung von) Gott geschaffen.

Als Nächstes wandte sich Simon mit Charles Sanders Peirce einem Vertreter des angelsächsischen Pragmatismus zu. Ewige Wahrheiten seien, so Peirce, begründungslose Postulate. Nur experimentell wie auch im strengen Kriterien genügenden wissenschaftlichen Diskurs - also intersubjektiv - könnten Wahrheiten immer wieder neu »hergestellt« werden.

In solchen, auch sprachphilosophisch fundierten Ideen wurzelt Habermas’ in den 80er Jahren entwickelte Theorie des kommunikativen Handelns, das durch ein Verfahren des »herrschaftsfreien Diskurses«, in dem der »zwanglose Zwang« des besseren Arguments zur Konsensbildung führen soll, geprägt ist.

Ohne diese Position aufzugeben, vertritt Habermas - wie oben dargelegt - nunmehr die These, dass dieser gesellschaftliche Diskurs ohne Einbezug des religiösen Denkens niemals »herrschaftsfrei« sein kann.

Nach seinem fast anderthalbstündigen Vortrag nimmt Günter Simon lang anhaltenden Beifall entgegen.

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