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Gouvernante klagt gegen Prinzessin

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Professorin Anette Baumann aus Friedberg hat auf Einladung des »Kulturforums« gesprochen. © PV

Bad Nauheim (pm). Der Fall der Gouvernante Caroline von Massenbach gegen die Prinzessinnen von Nassau-Weilburg war kürzlich Kern eines Vortrages mit dem Titel »Frauen vor Gericht in der Vormoderne«, zu dem das Kulturforum eingeladen hatte. Referentin Professorin Dr. Anette Baumann verblüffte zunächst mit einem kurzen Exkurs in die englische Literatur und den amerikanischen Kino-Film bezüglich der Bedeutung und Stellung der Gouvernante im 18.

und 19. Jahrhundert.

Doch dann leitete sie zum eigentlichen Thema über, der Gerichtsbarkeit im Alten Reich und die Möglichkeiten der Justiznutzung durch Frauen in dieser Zeit. Die Referentin berichtete, dass das Thema Frauen vor dem Reichskammergericht in der Forschung bisher kaum oder gar nicht diskutiert wurde, da man glaubte, dass Frauen nur mithilfe eines männlichen Vormundes klagen konnten.

Jedoch konnte kürzlich festgestellt werden, dass im 17. und 18. Jahrhundert 9,3 Prozent der Kläger vor dem Reichskammergericht Frauen waren. Witwen waren am häufigsten vertreten. Sie klagten zur Eintreibung von Honoraren und Gehältern ihrer Männer, um so ihren Lebensunterhalt zu sichern. Es klagten aber auch Ehefrauen und Töchter, um ihr Heiratsgut oder ein von Vätern oder Brüdern vorenthaltenes Erbe. Die Handlungsfähigkeit der Klägerinnen hing jedoch stark von der Rechten der jeweiligen Territorien ab, in denen sie lebten. Für adlige Frauen galt das nicht, hier war allein der Stand von Bedeutung.

Einkommen, Pension, Mitgift

Ein Schwerpunkt weiblicher Tätigkeit lag zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Erziehungswesen. Baumann führte aus, dass vor allem ledige adlige Frauen als Gouvernanten an königlichen und fürstlichen Höfen arbeiteten.

Im 18. Jahrhundert stammten die Erzieherinnen meist aus verarmten niederadeligen Familien, die oft zahlreiche Töchter zu versorgen hatten. So hatten diese die Möglichkeit, mit einem eigenen Einkommen und einer lebenslangen Pension sowohl ihren Lebensunterhalt als auch ihre Mitgift selbst zu erarbeiten.

In einem Prozess zwischen Caroline von Massenbach gegen die Prinzessinnen von Nassau-Weilburg war die Versorgung der Gouvernante strittig. Nachdem der Fürst von Nassau-Usingen vor den französischen Truppen nach Bayreuth flüchten musste, suchte er dort für seine Mündel Amalie und Henriette von Nassau-Weilburg eine neue Gouvernante. Bald fiel die Wahl auf Caroline von Seckendorff.

Mit ihrem Vater verständigte man sich auf ein jährliches Gehalt von 700 Gulden und eine lebenslange Pension von 400 Gulden sowie Kost und Logis, standesgemäße Kleidung und den Status einer Hofdame. Caroline trat ihre Stelle 1792 an.

Doch bereits im Januar 1797 heirateten die beiden Prinzessinnen und Caroline zog sich in ein Fräuleinstift zurück. Im Mai 1797 heiratete sie den wenig vermögenden Ferdinand von Massenbach. Doch nun blieben die für das junge Ehepaar so wichtigen Pensionszahlungen ohne eine Begründung aus. Deshalb reichte Caroline 1804 Klage beim Reichskammergericht ein. Heute meist bekannt als die Praktikantenstelle Johann Wolfgang Goethes, tatsächlich aber eines der bedeutendsten Gerichte des Alten Reiches, in dem heute noch das Bundesverfassungsgericht seinen Vorläufer sieht.

Die Referentin schilderte sehr anschaulich die Formalitäten eines solchen Prozesses. Die gegnerische Partei spielte jedoch von Anfang an auf Zeit, letztlich mit Erfolg. Denn 1806 endete die Existenz des Heiligen Römischen Reiches und somit auch die des Reichskammergerichtes. Die Bemühungen Carolines waren vollständig ins Leere gelaufen.

Rückblickend bemerkte die Referentin, dass sich Caroline von Massenbach ganz selbstverständlich in den Regeln und Realitäten der adligen Gesellschaft in ihrer Zeit bewegte. Diese galt auch für das Reichskammergericht. Für die Richter war alleine ihr adliger Stand von Bedeutung. Erst in zweiter Linie spielte ihr Geschlecht eine Rolle.

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