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Die Sucht nach Essen: Bad Nauheimerin schildert ihr Leid und sucht Verbündete

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Von: Christoph Agel

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Frau greift nach Essen im Kühlschrank.
Der selbstverständliche Griff in den Kühlschrank bekommt beim „Binge Eating“ eine andere Bedeutung. Wer an dieser Essstörung leidet, bedient sich heimlich und isst mehr als andere Menschen. (Symbolfoto) © Imago

Süchtig nach Essen, bis sie sich übergibt. Eine Frau aus Bad Nauheim leidet unter Esszwang – jetzt hat sie der Krankheit den Kampf angesagt.

Bad Nauheim – Mit elf Jahren hat sie angefangen, heimlich zu essen. Ohne Hunger zu haben. „Binge Eating“ nennt sich die Essstörung, unter der die Bad Nauheimerin gelitten hat. Hier erzählt sie von ihrem Leiden.

„Ich habe gemerkt: Je mehr ich mein Essen kontrollieren möchte, desto schlimmer wird es“, sagt Maria, die eigentlich anders heißt und in diesem Artikel anonym bleiben will. Kein Wunder, ist ihr Thema doch mit Scham behaftet. Scham, die die heute 30-Jährige begleitet, seitdem sie elf ist.

Maria hat unter „Binge Eating“ gelitten, einer Essstörung, bei der Betroffene heimlich innerhalb von kurzer Zeit mehr essen als es andere Menschen in ähnlichen Situationen tun würden – unabhängig vom Hungergefühl, dafür aber verknüpft mit schlechtem Gewissen. Nun möchte Maria eine Selbsthilfegruppe gründen, in der sich Frauen mit bestimmten Essstörungen treffen.

Schneller Trost: Frau aus Bad Nauheim betäubt ihre Gefühle mit Essen

Als Mädchen begann sie damit, heimlich zu essen. Sie durchsuchte Schränke, kaufte Sachen nach, damit es nicht auffiel. „Bei mir wurde es schlimmer aufgrund von Mobbing in der Schule. Da habe ich angefangen, Gefühle mit Essen zu kompensieren“, sagt Maria. Es sei ihre Art gewesen, sich zu trösten, zu flüchten. „Wenn ich gegessen habe, habe ich die Gefühle nicht gespürt.“ Was sie aß, war ihr relativ egal. „Sachen, die schnell gehen, wo man nicht erst noch kochen muss. Es ging um schnellen Trost.“

Mobbing hat dem Mädchen zugesetzt, das übermäßige Essen sollte helfen, doch es brachte Probleme. Auch mit den Eltern, die teilweise hilflos der Essstörung gegenüber gewesen seien, sagt Maria. Essen war das Symptom. Eines mit gravierenden Folgen: Maria wurde es nach großen Mengen schlecht, ab und zu übergab sie sich, wobei sie das nicht bewusst herbeiführte. Das „Binge Eating“ hat eine Reflux-Erkrankung zur Folge gehabt. Marias Speiseröhre schließt nicht mehr richtig, Magensäure kann hineingelangen.

Depressive Schübe und Schlankheitswahn: Essstörung führt zu krankhaftem Verhalten

Zu den schlimmsten Zeiten habe sie um jeden Preis schlank sein wollen, die Gesundheit sei ihr dabei egal gewesen, weshalb sie auch Abführmittel genommen habe, erinnert sich die Bad Nauheimerin. Beim Laufen versuchte sie, ein– und möglichst nicht auszuatmen. „Ich hatte Angst, dass die Leute mir wegen meines Gewichts sagen, du schnaufst ja.“ Das ständige flache Atmen hatte Panikanfälle zur Folge. Maria litt unter depressiven Schüben. „Man hasst seinen eigenen Körper.“

All diese Auswirkungen wurden vom Teufelskreis aus Druck, Stress, übermäßig viel essen und schlechtem Gewissen begleitet. Um aus dem Kreis herauszukommen, probierte Maria Diäten aus, wog hinterher mehr als vorher. Kuren, Klinikaufenthalte und Ernährungsberatungen säumen ihren Lebensweg, Erfolg stellte sich nicht dauerhaft ein. „Ganz oft wurde nur das Essen angeguckt, aber das Essen war ja quasi mein Rettungsring und nur das Symptom“, sagt Maria. Sobald sie wieder zurück im Alltag gewesen sei, habe alles von vorne begonnen. „Es waren alles kompetente Leute, aber ich habe mich nie verstanden gefühlt.“

Betroffene aus Bad Nauheim mahnt: „Übergewichtige Menschen werden diskriminiert“

Das viele Essen wirkte sich auf Gewicht, Selbstwertgefühl und Figur aus. Übergewichtige Menschen würden diskriminiert, beklagt die Bad Nauheimerin. Sie würden mitunter als faul, unhygienisch, ungesund angesehen. „Ich finde es ziemlich krass, dass man nur daran, wie jemand aussieht, beurteilen will, wie jemand drauf ist.“

Vor zwei Jahren kam für Maria die Wende. Seitdem kann sie mit dem Thema Essen und Körper entspannter umgehen. Geholfen hat ihr eine Autorin, die selbst jahrelang an einer Essstörung gelitten hatte: Nadine Pulver mit ihrem Buch „Ja-Ja-Effekt: Vom Esszwang zu Frieden mit Körper und Essen“. „Ich habe mich zum ersten Mal richtig verstanden gefühlt“, sagt Maria. Ihr Selbstwertgefühl sei gestiegen, sie habe gelernt, auf sich zu schauen, ihren Körper zu akzeptieren.

30-Jährige aus Bad Nauheim sieht Essen nicht mehr als Last

„Das Problem beim Essen ist: Man muss ja essen, um zu überleben“, sagt Maria. Rauchen beispielsweise muss man zum Überleben nicht. Man muss die Zigaretten weglassen, wobei das schwer genug sein kann. Früher habe sie das Essen als Last empfunden, sagt Maria. Mittlerweile freue sie sich darauf, sich selbst etwas zuzubereiten. „Ich merke: Wenn ich mir Dinge erlaube, auf die ich wirklich Lust habe, dann esse ich nicht mehr so viel davon.“

Die Bad Nauheimerin möchte anderen Menschen dabei helfen, den Weg aus dem Teufelskreis zu finden. Deshalb soll demnächst eine Selbsthilfegruppe für Frauen starten, die unter einer Essstörung leiden. Maria greift bei diesem Anliegen auf ein Zitat von Autorin Pulver zurück und sagt: „Ich habe gelernt: Teilen ist heilen.“

Selbsthilfegruppe bei Essstörung: Frau aus Bad Nauheim sucht weitere Betroffene

An jedem zweiten Donnerstag im Monat jeweils um 18 Uhr wird sich in Bad Nauheim eine neue Selbsthilfegruppe für Frauen treffen, die unter Esssucht, emotionalem Essen, Adipositas oder periodischen Heißhunger-Anfällen leiden. Pandemiebedingt kann es eventuell auch Online-Treffen geben. Der Start ist für den 28. April geplant. Interessenten, die sich vorher anmelden, bekommen mitgeteilt, wo die Treffen stattfinden. Wichtig: Die Zusammenkünfte werden nicht therapeutisch geleitet und sind kein Therapie-Ersatz. Es wird als sinnvoll erachtet, dass man langfristig dabeibleibt. Kontakt per E-Mail an die Adresse IW-future22@gmx.de. (Christoph Agel)

Essstörungen sind vielfältig und besonders junge Frauen leiden darunter. Wie sie mit Magersucht und Bulimie leben, erzählen zwei Frauen.

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