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Jens Mühling erzählt noch den Menschen entlang der Schwarzmeerküste

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Von: Sabine Bornemann

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Autor Jens Mühling ist bei seinen Etappen entlang der Schwarzmeerküste vielen Menschen begegnet, wie hier in der Türkei. »Ich habe bei meinen Reisen die Erfahrung gemacht, dass Menschen gerne ihre Lebensgeschichten erzählen, wenn sie merken, dass man ihnen aufmerksam und unvoreingenommen zuhört«, sagt er. © Sabine Bornemann

Autor Jens Mühling war lange in Russland, der Ukraine, auf der Krim oder in Abchasien unterwegs. Für sein Buch »Schwere See« reiste er fast ein Jahr entlang der Schwarzmeerküste. Mit viel Feingefühl und Poesie schreibt er über Menschen und Begegnungen.

Sie sind ein Dreivierteljahr für »Schwere See« ums Schwarze Meer gereist. Sie haben schon ausgezeichnete Reportagen über Osteuropa geschrieben. War diese Reise die »Fortsetzung«?

Ja, kann man so sagen. Ich schreibe als Journalist seit mehr als 20 Jahren über Osteuropa, vor allem über Russland und die Ukraine. Bei meinen Recherchen habe ich mehrfach den ukrainischen und russischen Teil der Schwarzmeerküste bereist und war 2014 auf der Krim, als Russland die Halbinsel annektierte. Irgendwann wurde ich dann neugierig auf den Rest des Schwarzen Meers - ich wollte herausfinden, ob es etwas gibt, das die Meeresanrainer über ihre nationalen Grenzen hinweg miteinander verbindet, ob es so etwas wie eine gemeinsame Schwarzmeer-Identität gibt.

Wann sind Sie gereist?

Von 2018 bis 2019, in mehreren Etappen.

Es sind streng genommen sechseinhalb Länder, wie Sie sagen. Welches ist für Sie am beeindruckendsten?

Die Schwarzmeerküsten sind sehr unterschiedlich und alle auf ihre Art faszinierend. Besonders interessant ist natürlich das »sechseinhalbte Land«, die abtrünnige Republik Abchasien, die sich in den frühen 90er Jahren von Georgien abgespalten hat.

Wieso?

Die Abchasier verstehen sich seitdem als unabhängiges Land, werden aber international nur von sehr wenigen anderen Ländern anerkannt und sind de facto von Russland annektiert. Es ist ein international sehr isolierter Landstrich, den wenige kennen. Unheimlich interessant ist natürlich auch die Krim mit ihrer spannungsreichen Geschichte und politisch schwierigen Gegenwart.

Wo gab es Schwierigkeiten?

Einige Teile der Schwarzmeerküste sind wegen der politischen Lage schwer zu bereisen. Etwa die Krim, die von den Ukrainern nach wie vor als ukrainisch betrachtet wird, während Russland sie als russisches Territorium betrachtet. Reist man von russischer Seite ein, ist das in den Augen der Ukrainer ein illegaler Grenzübertritt. Reist man vom ukrainischen Festland aus ein, braucht man als Ausländer jede Menge Sondergenehmigungen, die nicht ganz leicht zu bekommen sind. Ähnliche Hürden gibt es für Ausländer bei der Einreise nach Abchasien.

Was waren besonders einschneidende Erlebnisse?

Die Begegnungen mit vielen Minderheiten, die im Lauf ihrer Geschichte mehrfach gezwungenermaßen den Küstenabschnitt gewechselt haben, weil sie durch Kriege oder Deportationen ihre Heimat verloren haben - an den Schwarzmeerküsten trifft man überall Menschen mit sehr komplizierten und teils sehr leidvollen Migrationsgeschichten.

Sie erzählen Historisches und Politisches anhand menschlicher Begegnungen. Waren die Schwarzmeer-Bewohner immer offen, mit Ihnen zu reden?

Ja, eigentlich immer. Ich habe bei meinen Reisen die Erfahrung gemacht, dass Menschen gerne ihre Lebensgeschichten erzählen, wenn sie merken, dass man ihnen aufmerksam und unvoreingenommen zuhört.

Gab es gefährliche Situationen?

Sagen wir mal, es gab Situationen, von denen ich meiner Mutter lieber erst mit etwas zeitlichem Abstand erzählt habe, um sie nicht zu beunruhigen. Aber wirklich gefährdet habe ich mich nirgendwo gefühlt.

Gab es unvergessliche Erlebnisse?

Die Gastfreundschaft der Georgier ist wirklich überwältigend. Es ist mir mehrfach passiert, dass ich auf der Straße von wildfremden Menschen zum Trinken und in mehreren Fällen auch zum Übernachten in ihren Häusern eingeladen wurde.

Sie waren auf der Krim, in der Ukraine in Odessa, dem Donbass. Wie fühlt es sich für Sie derzeit an, die aktuellen Geschehnisse dort zu verfolgen?

Bedrückend, zumal ich die aktuellen Geschehnisse nicht aus der Ferne verfolge, sondern seit Kriegsbeginn mehrfach als Reporter in der Ukraine war. Außerdem habe ich viele Freunde in der Ukraine und in Russland, die wegen des Krieges aus ihren Heimatländern geflohen sind - die Ukrainer, weil sie um ihr Leben fürchten, die Russen, weil sie mit dem Krieg nicht einverstanden sind und wegen ihrer Meinung Repressalien fürchten müssen.

Sie haben ein feines Gespür für Sprache und Poesie. Beim Lesen hat man das Gefühl, wie mit einer Kamera dabei zu sein. War das Ihre Intention beim Schreiben des Buches?

Ja, ich sehe mich als Reportageschriftsteller und versuche, meine Leserinnen und Leser hautnah an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen.

Woher rührt der Titel »Schwere See«?

Es ist ein Begriff aus der Seefahrt, der als Buchtitel doppeldeutig ist: Das Schwarze Meer ist im nautischen wie im politischen Sinne eine »Schwere See«.

Durch die aktuelle politische Lage werden Ihre damaligen Buch-Erlebnisse in der Ukraine sicher besonders »kostbar«. Nahezu unwiederbringlich.

Der Krieg hat in der Ukraine vieles verändert, und ich bin froh, dass ich das Land schon vorher gut kannte - das macht es leichter, die Entwicklungen nachzuvollziehen und einzuordnen.

An welchem Buch oder Reisereportage arbeiten Sie aktuell?

Seit Kriegsbeginn habe ich als Reporter des Magazins »Stern« fast ausschließlich über die Ukraine geschrieben. Mein nächstes Ziel ist aber ein ganz anderes: Ich werde für den »Stern« als Korrespondent nach China gehen. Aus diesem neuen Abenteuer wird auch irgendwann ein Buch.

Heute »Neustart« der Lesungen

Nach langer, coronabedingter Wartezeit bietet die Buchhandlung am Park wieder Lesungen an. Den Anfang und sozusagen »Neustart« macht Jens Mühling am heutigen Donnerstag, 21. Juli, um 19.30 Uhr. Er liest aus seinem Buch »Schwere See«, in dem er poetisch und zugleich humorvoll seine Reise um das Schwarze Meer beschreibt, die ihn unter anderem auch in die Ukraine geführt hat. Karten können in der Buchhandlung gekauft oder per Telefon unter 0 60 32/25 25 reserviert werden.

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