1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Bad Nauheim

Bad Nauheim-Steinfurth: Metzgerei Michel-Weitzel plant lange Pause

Erstellt:

Von: Petra Ihm-Fahle

Kommentare

agl_Metzger2_130822_4c
In Steinfurths Dorfmitte ergeben sich Veränderungen. Die Metzgerei Michel-Weitzel schließt ab 2023 für etwa ein Jahr, das Büro Raab und Schmale plant ein dorfbildprägendes Abriss- und Neubauprojekt auf der gegenüberliegenden Straßenseite in der Straße Im Steckgarten. © Petra Ihm-Fahle

Hiobsbotschaften über Geschäftsschließungen machen die Runde in Bad Nauheim. Auch bei der Metzgerei Michel-Weitzel in Steinfurth tut sich etwas, allerdings nur vorübergehend. Und erst 2023.

Die Metzgerei Michel-Weitzel in Steinfurth legt ihren Betrieb vorübergehend still, geplant ist eine Schließung ab Januar 2023 für eine Dauer von bis zu einem Jahr. Anna und Jonas Wortmann sowie Marlene und Markus Kryts, die jungen Inhaber, wollen den Betrieb neu ausrichten. Seit Juni klären sie die Kundschaft durch ein Info-Blatt darüber auf.

Wer etwas genauer hinschaut, erkennt diese Veränderung als Teil eines großen, komplexen Prozesses im Rosendorf. Bislang können sich die Steinfurther in der Dorfmitte fußläufig mit Lebensmitteln voll versorgen: mit Metzger, Hinnerbäcker, Getränke Hoffmann und dem Obst- und Gemüsehof Dogan. Das könnte sich in absehbarer Zeit anders gestalten, weg vom Ortskern hin zur »grünen Wiese«.

Veränderungen

gegenüber

Die Dorfentwicklungspläne bekannter Bad Nauheimer Investoren hängen damit zusammen: Zum einen des Bad Nauheimer Architekturbüros Raab und Schmale, welches im Frühjahr die gesamte Häuserzeile gegenüber der Metzgerei in der Straße Im Steckgarten gekauft hat. Dort befinden sich Hinnerbäcker, Getränke Hoffmann und das ehemalige Grundstück von Rosen Gönewein. Raab und Schmale wollen die Immobilien abreißen und ein nachhaltiges Bebauungskonzept umsetzen. Ab 2025 geht es voraussichtlich damit los (siehe Info).

Parallel ist in Vorbereitung, eine »Markthalle« mit regionalen Vermarktern und einen Getränkehandel am Ortsausgang gegenüber der Rosenunion zu errichten. Jüngst beschloss das Stadtparlament, den Bebauungsplan für die Markthalle aufzustellen, Investor ist das Architekturbüro Möller (Bad Nauheim).

Fünf Gründe

für Entscheidung

Die Betreiber von Michel-Weitzel geben sich im ersten Moment zugeknöpft, als diese Zeitung Näheres wissen will. Wie Anna Wortmann und ihr Vater Otmar Kryts dann aber schildern, tragen fünf Gründe zu ihrer Entscheidung bei: Generationenwechsel, Personalmangel, die entstehende Konkurrenzsituation durch die geplante Markthalle am Ortsausgang sowie das Ernährungsverhalten der Verbraucher, das sich immer stärker ändert. Die Abriss- und Neubaupläne von Raab/Schmale sind ein weiterer Unsicherheitsfaktor für Michel-Weitzel. Sind Hinnerbäcker und Getränkevertrieb erst einmal weg, wirkt sich das nach Ansicht von Otmar Kryts auch auf die Metzgerei aus. Hinnerbäcker wolle möglicherweise zwar zurückkehren, was Schmale bestätigt, aber Kryts meint, das sei abzuwarten. Wegen der hohen Arbeitsbelastung ist es laut dem 66-Jährigen und seiner Tochter Anna (29) notwendig, sich genügend Zeit für die Neuausrichtung zu nehmen und so lange zu schließen.

Otmar Kryts und seine Frau Ulrike wollen in den Ruhestand gehen, ebenso wie Kryts’ Schwager Stefan Weitzel. Dies nach einem jahrzehntelangen Berufsleben mit 60-Stunden-Wochen und wenigen freien Tagen.

Bedauern beim Ortsvorsteher

Ein tragender Mitarbeiter starb im vergangenen Jahr überraschend, andere gehen in Rente. Neue Angestellte und Aushilfen im Fleischereiwesen zu finden, ist offenbar mehr als schwierig. Das verbleibende Personal wird laut Wortmann und Kryts nicht entlassen, sondern anderweitig eingesetzt. Neben Produktion, Verkauf und Partyservice ist das Hotel von Löw in Steinfurth ein weiteres Standbein der Familie.

Ortsvorsteher Markus Philippi (FW) bedauert die Pläne der Metzgerei. »Ein bisschen hängt die Grundversorgung eines 3000-Seelen-Dorfs dran und da hätte ich mir gewünscht, dass das Unternehmen auch Verantwortung zeigt und seine Neuausrichtung während des laufenden Betriebs macht«, sagt er. Positiv sieht er dagegen das Abriss- und Neubau-Vorhaben im Steckgarten durch Schmale und dessen Geschäftspartner Thomas Raab. »Sie wollen eine ›innerörtliche Heilung der Architektur‹ vornehmen«, schildert der Ortsvorsteher, dessen Fraktionskollege Schmale seit April 2021 im Stadtparlament ist.

Die Metzgerei Michel-Weitzel denkt darüber nach, ob sie ihren Standort eventuell in die neue Markthalle am Bad Nauheimer Weg verlegt. So etwas kann sich Ortsvorsteher Philippi gut vorstellen, Steinfur-ther Unternehmen müssten den »ersten Zugriff« haben.

Einst gab es 16 inhabergeführte Metzgereien in Bad Nauheim. Michel-Weitzel und Tuppi (Kernstadt) sind die letzten beiden - abgesehen von Supermarkt-Theken. Gerüchte, wonach Tuppi zumacht, dementiert Inhaberin Heike Tuppi.

»Leben im Steckgarten«

Anfang Juni veranstalteten Architekt Thomas Raab und Bauingenieur Michael Schmale einen Workshop in Steinfurth, um ihre Pläne unter dem Arbeitstitel »Leben im Steckgarten« vorzustellen. Eine Einladung mit Bitte um Weiterverteilung erhielten Vereine und Vertreter von Kirche und Grundschule, versendet durch Ortsvorsteher Markus Philippi (FW). Bei der Veranstaltung klopften Raab und Schmale ab, welche Wünsche die Steinfurther für die neue Bebauung haben. Wie Schmale im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert, ist ein nachhaltiges Konzept für junge Familien und Senioren geplant: Energetisch modern, Holzbauweise, modular nutzbar (sprich verkleiner- und vergrößerbar), teilweise barrierefrei, mit Gewerbe durchmischt, viel Grün, einer Tiefgarage, E-Ladesäulen und Carsharing. Zu den Vorschlägen der Bürgerinnen und Bürger gehörten etwa eine Apotheke, Gesundheitsversorgung, Co-Working-Spaces und Gastronomie. Die Frage unserer Reporterin, ob und inwieweit der Einzelhandel aus der Dorfmitte »vertrieben« wird, bezeichnete Schmale als Diskussion, die sehr schwierig sei. Die Lage des Getränkehandels beschrieb er als logistisch problematisch. Im Ort gab es laut Schmale kleine Einzelhandels- und Gemischtwarengeschäfte, die aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben mussten - nicht weil sie so gern schließen wollten. Im September wollen Raab und er die Ergebnisse des Juni-Workshops öffentlich vorstellen, im Jahr 2025 möchten sie beginnen und bis dahin die Aufstellung des Bebauungsplans vorbereiten.

Auch interessant

Kommentare