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»Mächtig unfair«: Weltladen-Inhaberin kritisiert Lieferkettengesetz

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Der Weltladen um die Vorsitzende Agnes Römer will mit einem Aktionstag am Samstag auf den Nachbesserungsbedarf beim Lieferkettengesetz aufmerksam machen. © Petra Ihm-Fahle

Um die Situation im Globalen Süden zu verbessern, setzt sich der Bad Nauheimer Weltladen für fairen Handel und bessere Lebensbedingungen ein, aktuell mit einem Aktionstag »Mächtig unfair - für gerechte Lieferketten weltweit« am Samstag.

Agnes Römer, sie sind die Vorsitzende des Vereins »Bad Nauheim - fair wandeln«, der den Weltladen betreibt. »Mächtig unfair« - was bedeutet das?

Mächtig unfair ist in erster Linie das Verhältnis zwischen Produzenten aus dem globalen Süden und den Einkäufern in Deutschland und Europa. Die starken westlichen Unternehmen können mit ihrer Marktmacht und dem entsprechenden Druck, den sie ausüben, dafür sorgen, dass sie keine fairen Preise zahlen müssen. Dumpingpreise helfen den Erzeugern aber gar nicht.

Was ist im fairen Handel anders?

Da gibt es partnerschaftliche Gespräche über die Preise und Preisverhandlungen. Auf jeden Fall werden die Produktions- und Lohnkosten gedeckt. Außerdem legt der faire Handel Wert darauf, dass die Arbeitsbedingungen menschenwürdig sind und es keine Kinderarbeit gibt. Wenn Kinder im Familienbetrieb helfen, muss sichergestellt sein, dass sie zur Schule gehen können. Es gibt keine Niedriglöhne und es wird unterstützt, dass sich Gewerkschaften gründen.

Was halten Sie von dem neuen Lieferkettengesetz?

Es ist gut, dass ab 2023 ein Lieferkettengesetz in Deutschland in Kraft tritt. Gleichzeitig ist es mit ein Grund für die Aktion am Weltladentag. Im Gespräch mit den Bundestagsabgeordneten Natalie Pawlik und Peter Heidt möchten wir unterstreichen, wie wichtig eine Nachbesserung des Gesetzes ist. Es gilt zunächst nur für Unternehmen mit mehr als 3000 Beschäftigten und ab 2025 für Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten. An diesem Punkt muss dringend nachgebessert werden, denn es ist wichtig, dass die Bestimmungen für alle Betriebe gelten. Wir halten es auch für erforderlich, das Gesetz gegen unfaire Handelspraktiken zu verändern, damit keine Dumpingpreise mehr zulässig sind.

Was ist neben dem Lohn noch wichtig?

Ganz wichtig sind auch die Produktionsbedingungen: Sie müssen umweltschonend sein. Das ist im fairen Handel der Fall. Bei den Lebensmitteln gibt es viel Bioanbau, der zusätzlich vergütet wird. Zudem sollten die Länder des globalen Südens nicht länger überwiegend nur die Rohstofflieferanten für den reichen Westen sein und damit vom Profit an den Endprodukten ausgeschlossen werden.

Im April hatten Sie einen Film über die erste Bioschokoladenfabrik in Afrika gezeigt...

Genau. Erstmalig werden hier nicht mehr nur die Kakaobohnen zu uns geliefert und die Schokolade hier produziert, sondern die gesamte Wertschöpfungskette verbleibt in Afrika - von der Kakaobohne bis zur fertigen Schokoladentafel. Eine ganz besonders hochwertige Schokolade übrigens. Während aber sonst vom Preis pro Schokoladentafel etwa 9 Cent in Afrika bleiben, sind es hier 90 Cent pro Tafel, also deutlich mehr für alle an der Produktion Beteiligten, außerdem entstehen Arbeitsplätze und insofern bessere Lebensbedingungen für die Menschen dort.

Was ist das Ziel Ihres Weltladentags am Samstag?

Dass wir zu einem EU-weiten Lieferkettengesetz kommen, welches die Wirtschaft zu mehr sozialer Verantwortung im weltweiten Handel verpflichtet.

Wie motivieren Sie Konsumenten angesichts steigender Lebensmittelpreise, trotzdem etwas mehr Geld im Weltladen auszugeben?

Wir haben immer neue Produkte. Auch sehr kreative, originelle Dinge bieten wir an, die oft aus Materialien bestehen, die vorher schon mal verwendet wurden: Upcycling-Produkte im Kunsthandwerk. Und wir haben sehr viele Lebensmittel, die ökologisch-biologisch angebaut sind. Aber das Wichtigste ist, dass die Kunden mit jedem Kauf dazu beitragen, dass die Menschen im globalen Süden besser leben können. Wir möchten den Herstellern eine Wertschätzung und einen entsprechenden Lohn für ihre Arbeit geben. Darüber hinaus wird in den Gemeinden dafür gesorgt, dass es Schulen gibt, medizinische Versorgung und eine funktionierende Infrastruktur. Das ist das, wofür wir einen Weltladen betreiben.

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