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Protest mit Vuvuzela- und Trommellärm in der Altstadt

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Mit Luftballons, Getrommel und Transparenten mit teils kryptischen Parolen machen die Querdenker am Samstagmittag in Bad Nauheim auf sich aufmerksam. FOTO: KLAUS NISSEN © Karl Heinrich Imig

Man solle den Protestzug der Querdenker ignorieren, empfahl die Stadt Bad Nauheim vorab. Aber das geht nicht. Laut und aufdringlich ziehen knapp 250 Menschen am Samstag durch die Stadt.

Was machen Querdenker, wenn sie sich vor der Demo auf dem Wellenbad-Parkplatz in Bad Nauheim treffen? Sie umarmen ihre Freunde, die sie von anderen Umzügen in Büdingen, Gelnhausen oder Ortenberg kennen. Dann laufen sie über den Parkplatz und zerreißen all die »Nazis raus«-Schilder, die die Antifa zuvor an den Lampenmasten befestigt hat. »Hier gibt es keine Rechten, keine Radikalen!«, ruft ein älterer Herr später beim Umzug durch sein Megafon. Ein paar Meter vor ihm spaziert der NPD-Landesvorsitzende Daniel Lachman durch Bad Nauheim. Der plaudert dabei entspannt mit seinen Freunden. Vor ihm tragen junge Männer ein schwarzes Transparent, auf dem in Frakturschrift groß »Preußen gegen Nazis« prangt.

Nicht nur diese Botschaft hinterlässt beim Betrachter Fragezeichen. »Kinder ohne Maßnahmen - wer schweigt, stimmt zu« lautet eine weitere Parole. Oder: »Werdet endlich wach - informiert Euch!« Das ist aber nicht so einfach. Der ältere Herr mit dem Megafon hält einem Zaungast an der Parkstraße ein dickes Buch vors Gesicht. Das müsse er lesen, fordert er. Es heißt »Impfen - das Geschäft mit der Angst.«

Ein ganz anderes Thema treibt eine Frau im selben Protestzug um. Seit 2003 seien alle Deutschen nicht mehr Eigentümer ihrer eigenen Autos, ruft sie durchs Megafon. »Warum soll ich dann Steuern zahlen für ein Auto, das ich nur fahre, aber nicht besitze?« Sie findet keinen Widerspruch. Wer zahlt schon gerne Steuern? Eingängig auch die immer wieder skandierte Forderung »Für die Kinder für die Liebe, für den Frieden auf die Straße!«

Wenn Putin den Donbass »befreit«

Zu Beginn des Umzugs hat Jochen Amann (ein auf der AfD-Liste gewählter Stadtverordneter aus Büdingen) weitere Losungen ausgegeben: »Wir müssen von dieser Testerei wegkommen - sonst werden wir die Pandemie nie mehr los.« Man sei auch gegen die Digitalisierung. Sie diene ja dazu, jeden Menschen zu kontrollieren. Außerdem solle Deutschland keine Waffen mehr an die Ukraine liefern, so Amann. In der Menge erläutert ein Mann mit Rauschebart: Putin habe die Ukraine ja nur angegriffen, um den seit acht Jahren währenden Krieg im Donbass zu beenden.

Der Strauß der Forderungen hat sehr unterschiedlich aussehende Leute nach Bad Nauheim gelockt. Einige Hippies sind dabei, andere wirken wie rüstige Rentner oder Handwerker. In der Menge ziehen auch Familien mit Kinderwagen durch die Stadt. Neun Männer und Frauen bearbeiten die Trommeln und Tambourine vor ihren Bäuchen. Sechs Schlaginstrumente hat das Ordnungsamt genehmigt. Zusätzlich erzeugen ein Kochtopf, eine Kuhglocke und zwei Vuvuzelas beträchtlichem Lärm, der sich besonders in den Altstadtgassen der Schmerzgrenze nähert.

Wer dort verwundert stehenbleibt oder aus dem Fenster guckt, bekommt von den Demonstranten einen roten Luftballon oder ein Papier-Herzchen am Stock in die Hand gedrückt. Da hellen sich die Gesichter auf, und vor allem die Kinder winken fröhlich dem Umzug zu. An der Mittelstraße hat ein Junge ebenfalls ein Winke-Herz bekommen. Der Vater nimmt es ihm ab und bricht das Stöckchen in kleine Teile.

Um 14 Uhr erreicht der Protestzug wieder den Parkplatz vor dem Usa-Wellenbad. Versammlungsleiter Amann lächelt zufrieden. Der Umzug wirkte durch seine Länge, den Lärm, die Ballons und Transparente mächtiger, als er wiorklich war. Eine Zählung ergibt knapp 250 Protestler. Rund 600 waren erwartet worden.

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