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Religiöse Wurzeln des neuzeitlichen Denkens

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Von: Gerhard Kollmer

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Günter Simon erklärt die religiösen Entwicklungen aus der Sicht des Philosophen Jürgen Habermas anschaulich. © Gerhard Kollmer

Bad Nauheim (gk). Günter Simon, ehemaliger Leiter des Kulturforums Bad Nauheim, beeindruckte am Donnerstagabend im Erika-Pitzer-Begegnungszentrum vor großem Auditorium mit einem informativen Vortrag über religiöse Entwicklungen aus der Sicht des Philosophen Jürgen Habermas.

Anlässlich seines 90. Geburtstages im Jahr 2019 veröffentlichte Habermas, Deutschlands bedeutendster Nachkriegsphilosoph, zwei schwergewichtige Bände im Umfang von 1750 Seiten. Unter dem bescheidenen Titel »Auch eine Geschichte der Philosophie« handelt der erste Teil dieses monumentalen Alterswerks von der »okzidentalen Konstellation von Glauben und Wissen«. Dessen Eingangskapitel trägt die Überschrift »Zur Frage einer Genealogie nachmetaphysischen Denkens«.

Gemäß seiner Hypothese, dass auch die moderne »säkulare«, das heißt, areligiöse Philosophie seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts vielfältige religiöse Wurzeln hat, untersucht Habermas im zweiten und dritten Kapitel neben dem Mythos und der vorsokratischen griechischen Naturphilosophie vier »achsenzeitliche« Religionen bzw. Weltanschauungen - die Entstehung des Monotheismus im alten Israel, die Lehre und Praxis Buddhas in Indien sowie Konfuzianismus und Daoismus im alten China.

Anspruchsvolle Kapitel

Für die erfolgreiche Herausarbeitung des wesentlichen Gehalts dieser beiden rund 300 Seiten langen anspruchsvollen Kapitel erhielt Günter Simon nach neunzig Minuten lang anhaltenden Beifall des Publikums.

»Achsenzeit«: Dieser Schlüsselbegriff geht auf den Philosophen Karl Jaspers zurück, der in seiner 1949 erschienenen Studie »Vom Ursprung und Ziel der Geschichte« die These aufstellte, dass zwischen etwa 800 und 200 vor der Zeitenwende ein soziokultureller Prozess stattfand, der die geistige Welt bis in unsere Moderne hinein nachhaltig prägte.

Jürgen Habermas macht sich Karl Jaspers’ »Achsenzeit«-These zu eigen, obwohl ihm, so Günter Simon, bewusst ist, dass sie einer strengen historischen Überprüfung nicht standhält. Der Begriff ist für Habermas Ausdruck eines »kosmopolitischen Humanismus«, der auch nicht europäische Kulturkreise wie Indien, China oder das alte Persien in den Blick nimmt.

Allen vier achsenzeitlichen Kulturkreisen gemeinsam ist ihre Abkehr vom Mythos. Am eindrucksvollsten geschah dies in der vorsokratischen griechischen Philosophie und im Platonismus, der laut Habermas auch religiöse Elemente enthält. An die Stelle der bunten amoralisch-anthropomorphen Götterwelt des Mythos tritt schließlich der »logos«, das logisch-begriffliche Denken, welches den Menschen als autonomes, moralbegabtes, für seine Taten selbst verantwortliches Vernunftwesen betrachtet. Platons Ideentrias des »Wahren, Schönen und Guten« bringt dies in quasi religiöser Form auf den Begriff.

Heil im Nichthandeln

Die Umformung des altisraelitischen Mythos von Jahwe als einem Stammesgott in einen strengen Monotheismus stelle, so Habermas weiter, »einen gewaltigen Abstraktionsschritt« dar. An die Stelle der mythischen Gestalten von Heil und Unheil tritt ein transzendenter, d. h. rein jenseitiger Gott, dessen Botschaften allerdings vernehmbar sind und von Priestern verkündet werden.

Die Lehren Buddhas dagegen verneinen die Idee der »vernünftigen Freiheit« (Habermas) des Menschen als eines singulären unverwechselbaren Individuums als puren Schein bzw. Wahn (»Schleier der Maja«). »Ta twam asi« - Der andere, das bist auch du. Die buddhistische Mitleidsethik gründet in dieser Vorstellung von der Einheit alles Lebendigen.

Im Konfuzianismus sieht Habermas, so Günter Simon, eine primär innerweltliche »Bildungsreligion«, deren Lehren überwiegend moralisch-politischer Natur sind. Der zeitgleiche mystische Daoismus dagegen propagiert die völlige Abkehr von der Welt, ja vom Leben als Ganzem. Er sieht das Heil im schicksalsergebenen Nichthandeln.

Dieter Heßler wird am Donnerstag, 10. März, den nächsten Vortrag des Kulturforums halten. Er spricht über das Thema »(Anti-)Rassismus - Aktuell und doch immer schon da!?«. Beginn ist um 19.30 Uhr im Erika-Pitzer-Begegnungszentrum in der Blücherstraße 23. Die Veranstaltung unterliegt der 3G-Regel und der Maskenpflicht.

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