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Schaulaufen auf der Kurpromenade

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Von: Hanna von Prosch

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Auch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts änderte sich die Mode schnell. Zum Forschungszeitpunkt 1910 von Isabelle Berens waren Details schon wieder anders, als hier in der Garderobe von 1900 zu sehen. Die drei Damen gehören zur Modegruppe des Jugendstilvereins Bad Nauheim. Heike Häuser (l.) und Anke Mondoloni (r.) tragen Flanierkleider, Petra Erling (M.) zeigt eine Abendrobe. Die Kleider stammen aus der Sammlung Mörler/Dierschke. © Red

Mode ist zu allen Zeiten ein unerschöpfliches Thema. Eine Bekleidungshistorikerin hat sich des Themas angenommen und berichtet über die Kleidung Bad Nauheimer Kurgäste in den 1910er Jahren.

Anlassgerechte Frauenkleidung in Modebädern der 1910er Jahre«, lautet der Titel der Dissertation von Isabelle Berens. Für ihre Forschungszwecke hat die angehende Bekleidungshistorikerin Bad Nauheim, Bad Homburg und Wiesbaden ausgewählt, eine einmalige Dichte an Kurorten um eine Großstadt, wie sie sagt. Die Idee entstand aus einer Projektarbeit, in der sie den Ersten Weltkrieg im Spiegel hessischer Regionalzeitungen untersuchte. Dabei faszinierten sie die illustrierten Werbeanzeigen von Bekleidungsfirmen.

Im Neuen Wiener Journal vom 2. Mai 1915 hieß es beispielsweise unter »Toiletten für den Kurort - Morgenkostüme, Nachmittagskleider, breite Hüte«: »Langsam kommt die Zeit der Brunnenkuren, und man muss daran denken, seinen Toilettenbedarf für den Badeort zu decken. Viel wird heuer nicht angeschafft werden. Ein dunkles Kostüm für kühle Tage, ein Leinen- oder Rohseidekostüm, ein paar Nachmittagskleider aus Seide oder Lingerie, und man ist hinlänglich versorgt.« Aus der Recherche weiß Isabelle Berens, dass diese Zeitungsbeilagen von Frauen aller Schichten mit Neugier gelesen wurden: »Man wollte natürlich wissen, was die Damen der gehobenen Gesellschaft tragen. Und eine Zeitung für ein paar Pfennige konnten sich alle leisten, aber eine Modezeitschrift nicht.«

Kurstadt-Geschäfte profitieren

Sie ist noch dabei auszuwerten, welche Auswirkungen der Krieg auf Frauenkleidung und die weibliche Kleidungspraxis des frühen 20. Jahrhunderts in Kurorten hatte. Sicher ist aber, dass Modegeschäfte, wie das Bad Nauheimer Modehaus Pfeffer, und das Bekleidungshandwerk von der Extravaganz der Kurdamen profitierten. »Die Geschäfte lagen in direkter Nähe zum Kurbezirk, so dass man die in großen Koffern mitgebrachte Garderobe aktuell ergänzen konnte.«

Dabei gab es gesellschaftliche Normen, an die man sich halten musste. In den Bestimmungen über die Erhebung von Kurabgaben in Bad Nauheim vom April 1912 ist zu lesen, es sei »das Betreten der Kurhausterrasse, des Badegebiets, der Trinkquellen, des Inhalatoriums und der Parkanlagen […] nur reinlich, unauffällig und anständig gekleideten Personen gestattet.« (Quelle: Stadtarchiv Homburg v.d.H,).

»Zur Kurtoilette gehörten natürlich Kleider zu verschiedenen Anlässen. Frauen zogen sich oft um«, sagt Berens. Beim Kurbrunnen vormittags war das eher schlichte, züchtige Brunnenkostüm angesagt. Auf der Promenade und beim Kurkonzert fand nachmittags ein regelrechtes Schaulaufen statt. 1915 zum Beispiel in Nachmittagskleidern aus fußfreien Röcken, Spitzenvolants, Tüllärmeln und reicher Pierrotrüsche. Zehn Jahre zuvor war die Schleppe noch modisch gewesen, wenn auch nicht unumstritten, wie es im Nauheimer Fremdenführer von 1904 hieß: »Auf Grund von Klagen leidender Kurgäste werden die geehrten Damen höflichst ersucht, in den Kuranlagen bei trockenem Wetter die Kleider nicht schleppen zu lassen, da Staub für die Gesundheit und Reinlichkeit nicht förderlich ist.«

In den 1910er Jahren durfte abends beim luxuriösen, effektvollen und reich verzierten Ballkleid aus Seide die Schleppe nicht fehlen. So zwingend Hüte tagsüber waren, so deutlich wurden sie am Abend verboten. Das war sogar auf den Theatertickets vermerkt.

»Ich bin erstaunt, wenn ich mir Kleidung in Museen anschaue, wie farbenfroh es auf der Promenade zugegangen ist. Gedeckte Farben waren eher etwas für die älteren Damen, die jungen liebten leuchtende zartrosa oder lila Töne«, sagt Berens. Sie betrachtet Garderobe aus dem Blickwinkel der Veränderung und des gesellschaftlichen Einflusses ihrer Zeit. »Die normalen Bürgerinnen Bad Nauheims konnten sich solche Mode nicht leisten. Aber sie lebten natürlich von dem Image, das die prominenten Gäste ihrer Stadt gaben.« So wird sie in ihrer Forschung noch viel Neues in den Archiven entdecken, das auch für Bad Nauheim zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufschlussreich sein wird.

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