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Von Telemann bis Hindemith

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Von: Gerhard Kollmer

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Bratschistin Andrea Oehme (l.) hat zusammen mit Organistin Eva Maria Anton ein Konzert mit neun besonderen Werken gegeben. © Gerhard Kollmer

Bad Nauheim (gk). Die Bratsche beziehungsweise Viola steht - sowohl in der Kammer- wie sinfonischen Musik - häufig im Schatten ihrer »Schwestern« Violine und Violoncello. Kompositionen, in denen sie angemessen zur Geltung kommt oder gar dominiert, sind rar. Zu Unrecht!

Dies demonstrierte am Sonntagnachmittag aufs Schönste die Pianistin und mehrfach ausgezeichnete Bratschistin Andrea Oehme aus Bad Neustadt an der Saale. Sie war in die mit 80 Besucherinnen und Besuchern ausgebuchte Bonifatiuskirche gekommen, um mit Regionalkantorin Eva-Maria Anton neun Werke für Viola und Orgel von Georg Philipp Telemann bis zu Joseph Rheinbergers innigem »Abendfrieden« zu Gehör zu bringen.

»Superstar« des Baraock

Georg Philipp Telemann, kompositorisches Allroundgenie und europaweit musizierender »Superstar« des Barock, bildete mit seinem Konzert G-Dur für Bratsche und Streicher (bearbeitet für Orgel) den Auftakt des gut einstündigen Musikereignisses in der Bonifatiuskirche. Da es zu seiner Zeit nur wenig ausgebildete Bratschisten gab, lernte er kurzerhand selbst Viola. Das noch junge Instrument muss ihn offenbar sehr fasziniert haben.

Nach einer tänzerischen Polacca als kurzem Auftakt setzt die Bratsche im ersten Satz (largo) ganz melancholisch-getragen ein. Es dauert nur wenige Minuten, bis sich Andrea Oehme mit dem sonoren »Gesang« ihres Instruments (der Bratschenton gleicht der menschlichen Altstimmlage) in die Herzen der fasziniert lauschenden Zuhörer spielt. Telemanns Konzert klingt mit einem ebenfalls tänzerisch-heiteren vierten Satz (presto) aus.

Der 1870 in Poitiers geborene Louis Victor Vierne zählt neben Charles Marie Widor, Olivier Messiaen u. a. zu den großen französischen Orgelkomponisten. Fast 40 Jahre lang bekleidete er das Amt des Organisten in Notre-Dame zu Paris. Die auf Telemann folgende »Légende« für Viola und Orgel des Tonsetzers, der während eines Konzerts in Notre-Dame im Juli 1937 einen tödlichen Hirnschlag erlitt, bezauberte ebenfalls durch ihren warmen, sonoren Bratschenton. Viola und Orgel begegneten sich nicht nur in dieser preziösen Miniatur ganz »auf Augenhöhe«. Mehrmals schienen beide so verschiedenen Instrumente völlig ineinander zu verschmelzen.

Aus dem Konzert c-moll für Bratsche und Orchester des aus einer französischen Musikerfamilie stammenden, 1879 in Paris geborenen Henri-Gustave Casadesus erklang das Adagio »molto espressivo« - ein weiterer Glanzpunkt des Nachmittags in St. Bonifatius. Dieser »traumverlorene« langsame Satz atmet den barocken Geist von Händel und Bach.

Mit der folgenden »Marcietta« für Orgel solo von Théodore Dubois (1837 bis 1924) durfte Eva-Maria Anton ihr souveränes Können unter Beweis stellen. Im Unterschied zu Louis Vierne, der sich mit einem im Ersten Weltkrieg völlig heruntergekommenen Instrument (das er später auf eigene Kosten restaurieren ließ) begnügen musste, stand der Regionalkantorin die frisch renovierte Link-Orgel der Bonifatiuskirche zur Verfügung.

Auf Richard Rudolf Kleins (er lehrte fast 40 Jahre lang an der Frankfurter Musikhochschule und am Hoch’schen Konservatorium ebd.) Choral-Triptychon folgte der letzte Glanzpunkt des Konzerts »Orgel meets Bratsche« - Paul Hindemiths nur neunminütige »Trauermusik« in vier Sätzen.

Die mit einer altenglischen Pavane beginnende und einem bewegenden Choral ausklingende »Trauermusik« entstand während einer Konzertreise Hindemiths in wenigen Stunden anlässlich des plötzlichen Todes von König Georg V. am 20. Januar 1936 und wurde noch am selben Abend von der BBC London gesendet.

Nach lang anhaltendem Applaus verabschiedete sich das perfekt harmonierende Duo mit dem Vortrag der Bearbeitung eines »tango nuevo« von Astor Piazzolla.

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