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Wetterau: Beratung und Traumjob inklusive - Jobs für Menschen mit Handicaps

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»Dort arbeiten, wo andere auch arbeiten«: Mit der Tätigkeit im Seniorenzentrum erfüllt sich für Julia dieser Wunsch. © Elfriede Maresch

Die Inklusive Arbeit Wetterau (InkA) mit Sitz in Bad Nauheim hat sich darauf spezialisiert, Menschen mit Handicaps für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Julia (20) und Moritz (22) erzählen.

I ch will da arbeiten, wo andere auch arbeiten. Ich will ausprobieren, was ich gut kann und wo es mir am besten gefällt!« Das sagen Jugendliche häufig in der Beratungsstelle der Inklusiven Arbeit Wetterau (InkA) in Bad Nauheim. Die jungen Menschen, die sich dort beraten lassen, haben Behinderungen oder ausgeprägte Lernschwierigkeiten, wurden inklusiv beschult oder besuchten eine Förderschule. Jahrzehntelang schien für sie der Lebensweg vorgezeichnet: Arbeiten in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung, Leben in der Wohnstätte eines Trägers der Behindertenhilfe.

Ist das ein Leben in der Mitte der Gesellschaft, wie es sich Menschen mit und ohne Handicaps wünschen? Mit gutem Grund formuliert die UN-Behindertenrechtskonvention die Teilhabe in den Bereichen Arbeit, Wohnen, Freizeit, Mobilität nach den individuellen Bedürfnissen als ein Ziel und Grundrecht. InkA hilft dabei.

Wetterau: Bewusste Entscheidung statt Zufallslösung

Julia wurde mit einem Down-Syndrom geboren. Die 20-Jährige arbeitet in einem Seniorenzentrum in der Hauswirtschaft und nimmt dort an einer alternativen beruflichen Bildungsmaßnahme (abBi) teil. Das ist keine Zufallslösung, sondern eine bewusste Entscheidung: Schon während der Schulzeit in der inklusiven Sophie-Scholl-Schule in Bad Nauheim nutzte Julia die Chance, verschiedene Arbeitsfelder kennenzulernen - besonders während der Schulbesuchsjahre 11 und 12 im Zuge des »Projekts Startbahn«.

Praktika in der Kindertagesstätte, im Garten- und Landschaftsbau, in der Gastronomie und in einer Senioreneinrichtung: Es zeigte sich, dass Julia einen besonderen Förderbedarf bei der Eingliederung ins Berufsleben hat, aber auch berufsrelevante Talente und Interessen.

Wetterau: Inklusiver Dialog zwischen Arbeitnehmern und InkA-Team

»Eine so freundliche Praktikantin hatten wir schon lange nicht mehr. Julia verfügt absolut über Schlüsselqualifikationen wie Pünktlichkeit, Genauigkeit und Hilfsbereitschaft« - das stand in der Bewertung ihres Praktikums in einem Bad Nauheimer Hotel.

Auch in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung hat sie ein mehrtägiges Orientierungspraktikum gemacht. »Dort möchte ich nicht arbeiten«, entschied sie dann aber. Vor einem Jahr begann sie, sich in der Hauswirtschaft einer großen Altenpflegeinrichtung mit rund 140 Bewohnern einzuarbeiten. Anfangs war Julia schüchtern, sie fühlte sich noch nicht so recht als Teil des Teams.

Im fortlaufenden inklusiven Dialog zwischen der jungen Frau, dem Team der Einrichtung, der Betreuerin aus dem Internationalen Bund Südwest als Jobcoach und den InkA-Fachkräften wurden der organisatorische Rahmen sowie der Dienstablauf im Alltag, gelegentliche Unklarheiten oder Schwierigkeiten, aber auch eine Erweiterung des Aufgabenfeldes geklärt.

Wetterau: Tätigkeit ist auch ein Gewinn für Arbeitgeber

Julia übernimmt jetzt Arbeiten, die sie vor einem Jahr noch nicht alleine geschafft hätte. Zu ihren Kernaufgaben in der Hauswirtschaft gehören inzwischen das Beziehen von Betten, das Vorbereiten des Frühstücks, das Servieren von Speisen und Getränken in den Zimmern sowie das Sortieren, Legen und Einräumen der Wäsche. Gelegentlich wird sie auch in der Betreuung eingesetzt. Ihre freundliche und hilfsbereite Art kommt bei den Senioren gut an, sie arbeitet ordentlich und genau.

Julia ist flexibler geworden, kann auch kurzfristig auf anderen Stockwerken eingesetzt werden. Ihre Teamkolleginnen achten darauf, dass sie bei Dienstbeginn klare Aufgaben und Abläufe vor sich sieht. Sie wissen, dass sie gelegentlich noch Hilfe bei der Zeiteinteilung braucht. Die 20-Jährige fühlt sich als Teil des Teams, fährt von ihrem Wohnort aus mit dem ÖPNV zur Arbeit und hat sich unheimlich gefreut, als sie zum ersten Mal selbst verdientes Geld auf ihrem Konto hatte.

Hauswirtschaft und Pflege in Seniorenzentren sind in eine Branche mit großem Personalmangel - Julias Tätigkeit ist auch ein Gewinn für den Arbeitgeber. Es ist denkbar, dass die 20-Jährige nach ihrer abBi-Zeit in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit wechseln könnte. Dabei wird das sogenannte »Budget für Arbeit« genutzt, das zur Förderung von Arbeitsverhältnissen behinderter Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt geschaffen wurde. Der Betrieb wird durch einen vom Landeswohlfahrtsverband gewährten Minderleistungszuschuss unterstützt.

Ist Julia, eine junge Vorzeigefrau, nicht vergleichbar mit anderen behinderten Menschen? »Inklusion gelingt dann, wenn die individuellen Interessen, Möglichkeiten und Grenzen der jungen Menschen gesehen, wenn sie partnerschaftlich begleitet werden«, betont InkA-Geschäftsführer Jochen Rolle. Das InkA-Team stimmt aus seinen konkreten Erfahrungen heraus zu.

Wetterau: Das Hobby zum Beruf gemacht

Fahrrad fahren, es zu reinigen und zu warten, war schon als Kind das liebste Hobby des lernbehinderten Moritz. Sein Berufswunsch war nahe liegend: »Ich möchte immer was mit Fahrrädern machen.« Dank der Begleitung von InkA konnte er bei mehreren Zweiradhändlern Praktika machen, er zeigte beim Reifenwechsel und beim Zusammenbauen neuer Räder eindeutig handwerkliches Geschick. Es ergab sich ein langfristiges Berufspraktikum.

Moritz arbeitet zunehmend selbstständiger, er kommt im Betrieb gut zurecht, ist stolz über die Anerkennung seines Chefs. Inzwischen ist er 22 Jahre alt und wird eine Fachpraktikerausbildung im Bereich Zweiradmechaniker im Berufsbildungszentrum Karben machen - ein anerkanntes Berufsbild mit Abschlussprüfung.

Derzeit befindet er sich dort in einem Berufsvorbereitungsjahr. Das ist wieder eine neue Herausforderung für Moritz, aber er wird dabei fachlich begleitet - und seine bisherigen guten Arbeitserfahrungen haben ihn selbstbewusster gemacht: »Ich habe ein Händchen für Fahrräder.«

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Leidenschaft für Fahrräder: Als Fachpraktiker im Bereich Zweiradmechanik macht Moritz (r.) sein Hobby zum Beruf. © Elfriede Maresch

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