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Impfgegner hängen „Infoblatt“ aus - und schüren Ängste

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Der Inhalt des »Infoblatts« dreht sich um angebliche Impfschäden richtet sich an die »Ladies«. Mittlerweile sind die Plakate entfernt worden - aus gutem Grund.
Der Inhalt des »Infoblatts« dreht sich um angebliche Impfschäden richtet sich an die »Ladies«. Mittlerweile sind die Plakate entfernt worden - aus gutem Grund. © Petra Ihm-Fahle

Wer durch Steinfurth oder Nieder-Mörlen spaziert, erfreut sich an der dörflichen Idylle. Illegale Aushänge, die geimpften Frauen schwere gesundheitliche Schäden voraussagen, passen nicht dazu.

Bad Nauheim - Nanu, was ist das? Überrascht entdeckten Fußgänger in Steinfurth vergangene Woche Aushänge aus der Impfgegner-Szene an verschiedenen Stellen im Ort. Auch aus dem Neubaugebiet Am Hempler in Nieder-Mörlen ist mindestens ein Fall bekannt. Mittlerweile sind die Plakate entfernt. Sie enthielten angebliche Erkenntnisse bezüglich der beiden Corona-Impfstoffe Biontech und Moderna, die die »gleichgeschaltete Mainstream Presse« verschweige. Adressaten waren die »Ladies«, wie sich der unbekannte Urheber oder die Urheberin ausdrückte. Denn laut dem Text sollen die Impfstoffe vor allem für Frauen besonders gefährlich seien. Nach der Impfkampagne beim US-Militär sei es zu »dramatischen Folgen« gekommen.

Die Rede ist von einer massiven Zunahme von Krebserkrankungen, abnormalen Regelblutungen, Unfruchtbarkeit und Fehlbildungen gekommen. Als Quellen werden das »U. S. Millitär« [sic] und »Daten aus dem Pentagon« genannt. Die Behauptungen sind nicht belegbar. Wie das Recherchezentrum Correctiv in einem Faktencheck schreibt, beruht der vermeintliche Anstieg der Impfschäden beim US-Militär auf unvollständigen Daten. »Es habe eine fehlerhafte Übertragung der Zahlen für die Vorjahre in die Datenbank gegeben, weshalb der falsche Eindruck entstehe, seit 2021 hätten medizinische Probleme bei Soldatinnen und Soldaten stark zugenommen.«

Bad Nauheim: Impfgegner-Aushang als Umweltverschmutzung?

Tatsächlich habe sich gezeigt, dass die medizinischen Diagnosen, die für diese Jahre gelistet seien, »nur einen Bruchteil aller tatsächlichen Diagnosen widerspiegelten«, die ursprünglich erfasst worden seien. Die Online-Datenbank ist nicht öffentlich einsehbar, sondern nur für vom Militär autorisierte Personen.

Ein Röschen zierte das Plakat links unten, was womöglich den Anschein erwecken sollte, das Schreiben stamme aus der Mitte des Rosendorfs. Steinfurths Ortsvorsteher Markus Philippi (FW) sieht das anders, einen besonderen Bezug könne er nicht herstellen. Den Inhalt des Aushangs möchte Philippi nicht weiter kommentieren, auf allen Gebieten sei es schwierig, wenn Behauptungen beleglos sind. »Die Schwarzen Bretter der Geschäfte stellen eine freiwillige Plattform der Geschäftsinhaber dar. Sie dienen als Marktplatz und Infoportal für Veranstaltungen und sollten nicht missbräuchlich benutzt werden«, betont er. In solchen Aushängen im öffentlichen Raum an Bänken oder Bäumen sieht er insofern den Charakter der Umweltverschmutzung erfüllt. »Ich werde Bauhof und Ordnungsamt entsprechend informieren.«

Bad Nauheim: Impfgegnern droht wegen „Infoblättern“ Bußgeld

Der Ortsvorsteher von Nieder-Mörlen, Matthias Lüder-Weckler (FW), hat das genauso gehalten. »Ich bin der letzte, der etwas gegen Meinungsfreiheit einzuwenden hat. Aber nicht belegte krude Theorien und Aussagen auf Plakate aufzuschreiben und diese aufzuhängen, stößt bei mir auf kein Verständnis«, unterstrich er. Dies gelte besonders für die Grünstreifen am Hempler, die von Kindern und Jugendlichen genutzt würden und wo ein Plakat gefunden wurde.

Der Standpunkt des städtischen Ordnungsdezernenten Peter Krank (parteilos) ist eindeutig: »Die Verbreitung von nicht belegten Tatsachen lehne ich klar ab. Uns ist bekannt, dass es diese Flugblätter gibt, welche die Ordnungsbehörde umgehend entfernen lässt und zu ermittlungstechnischen Zwecken an die Polizei weiterleitet.«

Diese Zeitung fragte auch bei der Polizei Wetterau nach. Laut Sprecher Tobias Kremp stammen die Aushänge mit hoher Wahrscheinlichkeit von Personen aus dem impfkritischen Spektrum. Verbunden sei die Aktion vermutlich mit dem Ziel, »die eigene oft äußerst abstruse Meinung zu verbreiten, die häufig jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehrt«. In den Sozialen Medien, unter anderem in einschlägigen Messenger-Diensten finden sich laut dem Pressesprecher zudem diverse Gruppen, in denen derartige Behauptungen als vermeintliche Fakten dargestellt würden. »Regelmäßig befasst sich der polizeiliche Staatsschutz mit derartigen Meldungen und bewertet diese inhaltlich. Aufgrund verschiedenster Ausgestaltungen lässt sich hier pauschal keine Aussage hinsichtlich der etwaigen Strafbarkeit des Handelns tätigen«, erläuterte Kremp die Frage, ob solche Aushänge strafbar seien.

Unabhängig vom jeweiligen Inhalt wäre unter anderem der Straftatbestand der Sachbeschädigung denkbar, sollte sich der Aushang nicht mit einfachen Mitteln wieder vollständig entfernen lassen. »Zur Plakatierung im öffentlichen Raum ist zudem grundsätzlich eine Sondernutzungserlaubnis über die zuständige Ordnungsbehörde einzuholen. Wer dies nicht tut, kann mit einem Bußgeld belegt werden.«

Wetteraukreis rät: Seriöse Quellen für Impfinformationen bemühen

Wie bewertet das Gesundheitsamt des Wetteraukreises die Inhalte des Plakats? Pressesprecher Michael Elsaß erklärt: »Wer sich über Risiken und Nebenwirkungen der Impfstoffe informieren will, kann dies bei der zuständigen Bundesoberbehörde tun, hier das Paul Ehrlich Institut.« Derzeit sei über die aufgeführten Problemfelder nichts bekannt. »US-amerikanische Gesundheitsdaten würde auch eher nicht das für Verteidigung zuständige Ministerium veröffentlichen«, fügt er hinzu. Im Übrigen könne und werde der Wetteraukreis nicht jeden Zettel ohne Absender kommentieren. (Petra Ihm-Fahle)

Flugblatt-Aktionen wie in Bad Nauheim sind auch aus anderen Wetterauer Kommunen bekannt: So verteilten die „Querdenker“ beispielsweise in Karben schon ihre Schreiben in die Briefkästen.

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