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Bad Nauheimer Stadtdschungel

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Von: Hanna von Prosch

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Spannung und Natur statt pink und verwittert: Diesen Blick haben jetzt die Gäste des Hotels K7, deren Zimmer zur Rückseite des Hauses Stresemannstraße 1 bis 3 gehen. © Hanna von Prosch

Wo einst die Gäste mit ihren Kutschen im Europäischen Hof an der Kurstraße vorgefahren sind, blüht jetzt der Bad Nauheimer Stadtdschungel - auf eine Hauswand gemalt. Idee und Ausführung stammen von Ivo Seher, Inhaber des Hotels K7.

Kantig, klobig, pink gestrichen, eine einfallslose 70er-Jahre-Hauswand: So präsentierte sich bis vor wenigen Wochen die Rückseite des Hauses Stresemannstraße 1 bis 3 in Bad Nauheim. Das kann ich meinen Gästen nicht zumuten, dachte sich Ivo Seher schon, als er vor rund sechs Jahren begann, den Gebäudekomplex, den seine Eltern erworben hatten, zu sanieren und zu modernisieren. Vor etwa vier Wochen wurde das Gesamtkunstwerk auf gut 400 Quadratmetern dann fertig.

Dem Charakter des K7 als weltoffenes und modernes Boutiquehotel entsprechend, muss ein Kunstwerk her, das inspiriert und Spannung erzeugt, war Ivo Seher klar. Der florale Mittelteil am hohen Schornstein ist ein Element aus dem Bad Nauheimer Stadtdschungel, der im schwarzen Hotel-Treppenhaus vom dritten Stock aufwärts blüht. Die Tapete mit dem riesigen Löwenkopf, die künstlichen Farne und Lianen, das Licht wie durch hohe Bäume schimmernd. Strelitzien, die Paradiesvogelblumen, in leuchtendem Orange und Blauviolett sind auch auf der Fassade abgebildet. Im Frühstücksraum steht eine echte Pflanze.

Von seiner Zeit in Berlin geprägt

Seher ist naturverbunden. Er bereiste acht Monate lang als Rucksacktourist die Welt, versuchte sich nach dem Abitur in Medizin, begann Hotel- und Eventmanagement zu studieren, bis er in Berlin die PR-Branche für sich entdeckte. »Berlin war cool, das Mindset habe ich mitgenommen«, schwärmt er. Dort gaben ihm die Kontakte zu erfolgreichen Leuten seines Alters das Vertrauen, auch als junger Mensch seine Ideen zu vertreten und Ziele zu verfolgen.

Seine Großväter waren Schreiner und Schlosser und gaben ihm die Lust an handwerklicher Betätigung mit. Und Kreativität steckte sowieso in ihm. Ohne diese Kombination und die Zusammenarbeit mit seiner Mutter wäre das Hotelkonzept K7 nicht so gut geglückt, sagt er.

So machte sich Seher mit einigen Freunden und fachkundigen Helfern 2016 daran, das 1855 als stattliches Hotel erbaute, aber inzwischen ungepflegte Haus auf Vordermann zu bringen. »Viel von meiner Kreativität sieht man nicht mehr. Das ist alles verbaut«, sagt er. Aber die Bühne im Frühstücksraum, die er in eigener Werkstatt geschweißt hat, und die Deckennischen sind sichtbar.

Unterstützt wird er von seiner Freundin Mara Goergen. Sie ist selbst Künstlerin und konnte vom Treppengeländer bis zum neuen Wandbild viel mit Lasercutter und digitalen Tricks beisteuern.

»Kurz nachdem wir mit dem Umbau angefangen hatten, lernte ich Gregory aus Moldawien kennen. Seitdem ist er an meiner Seite. Er hat bei dem Wandbild die ganzen grafischen Elemente um die Fenster herum gemalt, nachdem wir die Konturen eigenhändig abgeklebt hatten. Das linke Blumenelement und den überdimensionalen Kreis habe ich selbst gesprayt. Für das Bild am Schornstein und rechts um die Balkone herum haben wir zwei Sprayer aus Frankfurt engagiert. Da habe ich nur ein wenig picassomäßig ergänzt«, sagt Seher lachend. Am schwierigsten sei es gewesen, die Skizze vom PC mit einer zusammengeklebten Schablone auf die Wand zu übertragen. Dabei sei die Fensteranordnung sehr hilfreich gewesen.

Die Fassade sei sowieso mal fällig gewesen, also warum einfach weiß, wenn es auch schöner gehe, meint er. Außerdem seien die Balkone der Wohnungen dadurch aufgewertet. Jetzt soll noch das Flachdach des Supermarktes begrünt werden. Ein paar Pflanzen stehen schon. Um die zu gießen, muss Ivo Seher immer aus dem Fenster steigen. »Wenn man lange weg war und kommt nach Bad Nauheim zurück, stellt sich ein Wow-Effekt ein. Was Großherzog Ernst Ludwig damals geschaffen hat, finde ich toll. Der Dreh- und Angelpunkt des Menschen ist nun mal die Natur. Deshalb will ich auch diese Brücke zwischen Jugendstil und Moderne schlagen«, offenbart der »Ockschter« Junge sein Faible für die Kurstadt.

Und was liegt der Schmuckfassade gegenüber? Die Mieter blicken auf Fachwerk und halbrunde Fenster.

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