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Konzentriert stellt sich Eva Szepesi Fragen ihrer Zuhörer.

Auschwitz-Überlebende spricht

Die Angst der Eva Szepesi weicht nie

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Eva Diamant ist 13 Jahre alt, als sie von der Roten Armee am 27. Januar 1945 im Konzentrationslager Auschwitz befreit wird. Sie ist eins der 400 später als „Child Survivors“ bezeichneten Kinder unter 15 Jahren, die das Grauen überlebten. Über ihre Erlebnisse berichtet sie in der Stadtbibliothek Bad Vilbel.

Die ausgemergelte Eva liegt fast verhungert und verdurstet auf ihrer schmutzigen Pritsche neben Toten und Sterbenden. Immer wieder verliert sie das Bewusstsein, als sie ein russischer Soldat findet. Überlebt hat sie unter anderem, weil ihr bei ihrer Ankunft im Lager im November 1944 eine slowakische Aufseherin vor der Registrierung drohend befahl: „Sag, du bist 16, und versuche ja nicht, dich jünger zu stellen.“ Die am 29. September 1932 geborene Eva war zwar erst zwölf, gehorchte aber.

Hinter ihr lagen Verfolgung, Ab-schied, Flucht, Angst, Kälte, Hunger und Einsamkeit. Neu hinzu kamen Lagerhaft, Misshandlungen, Dreck, stundenlanges Stehen bei Appellen, Strapazen und Krankheiten.

50 Jahre brauchte Eva, die 1951 Andor Sezpesi heiratet, bis sie über ihre Kindheitserlebnisse sprechen kann. Mit ihrem 1993 verstorbenen Mann und ihren Töchtern kann sie es nicht. Erst mit ihren Enkeln spricht sie ein wenig darüber.

Ausführlicher dann mit Jugendlichen beim 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz (1995). „Da ist ein Tor aufgestoßen worden.“ Seither liest sie in Schulen. Sie veröffentlicht 2011 ihr Buch „Ein Mädchen auf der Flucht.“ Daraus liest sie 80 Besuchern in der Stadtbibliothek vor. Ihre Erinnerungen kosten sie Kraft und schmerzen die 84-Jährige, deren erste sechs Lebensjahre in einer Budapester Vorstadt glücklich waren. Erst als die ungarische Regierung ab 1938 antisemitische Gesetze erlässt, verändert sich das Klima. Evas Mutter, Valery Diamant, schickt sie im April 1944 mit falschen Papieren in die Slowakei.

Sie verspricht, bald mit dem achtjährigen Bruder Tamás nachzukommen. Beide sterben wie fast 500 000 andere ungarische Juden in den Gaskammern. Flucht und wechselnde Verstecke schützen Eva nicht, die in einem Viehwaggon nach Auschwitz deportiert wird.

An der Rampe erwarten sie Eiseskälte, grelles Scheinwerferlicht, lautes Schreien, SS-Männer mit Hunden und Lederpeitschen. „Ich fühlte mich so allein.“ Sie muss sich nackt ausziehen, ihre Zöpfe werden abgeschnitten, die Nummer A 26877 wird auf ihrem linken Arm eintätowiert.

„Kein Laut kam über meine Lippen, ich lernte schnell, keine Aufmerksamkeit zu erregen.“ Nach ihrer Befreiung kommt sie in ein Sanatorium, wird von Onkel und Tante großgezogen, schließt die Schule ab und lernt schneidern.

Vom Elternhaus bleibt ihr ein Karton mit alten Bildern. 1954 zieht die Familie nach Frankfurt und bleibt. „Ich habe keine schlechten Erfahrungen hier gemacht. Meine Kinder und Enkel helfen mir heute ein wenig über meine Trauer hinweg, denn die Vergangenheit lastet immer noch schwer auf mir. Und die Angst weicht nie.“

Eva Szepesi „Ein Mädchen allein auf der Flucht. Ungarn-Slowakei-Polen (1944-1945)“, 2011 Berlin, Metropol-Verlag, ISBN 978-3-86331-005-9, 160 Seiten, 16 Euro.

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