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Vera Maria Schmidt spielt Anne Frank im Amsterdamer Kellerversteck, begleitet von Akkordeonspieler Vassily Dück.

Verloren im Exil

Anne Franks Tagebuch bei den Burgfestspielen

Das Tagebuch der 1945 im Konzentrationslager in Bergen-Belsen zu Tode gekommenen Anne Frank zählt zu den erschütternden literarischen Dokumenten des Holocaust. In der von Ulrich Cyran neu geschaffenen Bühnenfassung für die Burgfestspiele wird das Tagebuch mit der Premiere am Pfingstmontag erneut aufgeblättert.

Auf der Flucht vor den Nazischergen in Frankfurt bezieht die jüdische Familie Frank ein Quartier in Amsterdam. Ein dunkles Versteck in einem Hinterhof, das fortan das Lebensumfeld der 13-jährigen Anne bestimmt. Zwei Jahre verbringt die Familie in dieser bedrückenden und finsteren Einsamkeit, bis sie 1944 an die Nazis verraten wird. Die Eltern werden nach Auschwitz verschleppt, Anne und ihre Schwester Margot sterben an Entkräftung und Typhus im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Einzig der Vater Otto überlebt den Holocaust.

Entsprechend schlicht ist das Bühnenbild von Dorothea Mines. Eine aufgerichtete Bretterwand aus Europaletten zeichnet den Alltag Anne Franks im Amsterdamer Versteck nach, in dem alle Lebensäußerungen verstummen müssen, um nicht entdeckt zu werden. Was bleibt, das ist Annes Tagebuch „Kitty“ als imaginäre Freundin, der das junge Mädchen ihre intimen Wünsche und ihre Verzweiflungen in stiller wie erzwungener Abgeschiedenheit anvertraut.

Für die Schauspielerin Vera Maria Schmidt eine herausfordernde Gratwanderung und schauspielerische wie physische Glanzleistung. In der rund 70 Minuten dauernden Präsenz auf der kleinen Bühne im Gewölbekeller der Wasserburg, begleitet nur von dem Akkordeonspieler Vassily Dück, gelingt es Schmidt, die wechselhaften Stimmungen einer pubertierenden Jugendlichen in Monologen zwischen Ohnmacht und Aufbegehren, Sehnsüchten und Wünschen und dem herannahenden Unheil der Naziverbrechen brillant aufzufächern.

Im Mittelpunkt der Bad Vilbeler Aufführung von Ulrich Cyran steht eine Teenagerin, zunächst voller Lebenslust, Flausen und pubertierenden Fantasien im Kopf, die sich teilweise auch im Spott gegenüber Eltern sowie den weiteren mit versteckten Mitbewohnern lustig macht. In ihre beginnenden Liebe zu Peter, einem älteren Jugendlichen im Versteck, vermischen sich ihre erotischen Traumwelten und die Wirklichkeiten mit den Kriegsnachrichten aus England und beobachteten Straßenszenen in dem von den Nazis okkupierten Amsterdam.

Musikalisch wird die Aufführung von dem Akkordeon-Solisten Vassily Dück getragen. Passend zur Grachtenstadt Amsterdam verknüpft er exzellent die stimmungsvoll wechselnden Szenen. Mit zusätzlichen modernen Song-Zitaten inszeniert Dück einen Klangraum, in dem er unter anderem mit den angespielten Liedern vom „Kleinen Fratz“ von Hermann van Veen oder dem Lied „Weil ich ein Mädchen bin“ von Lucilectrie die subtile Gefühlswelt Annes gegenüber der einbrechenden Gewalt der Nazischergen noch einmal emotional unterstreicht.

Die Aufführung löst bei den jugendlichen Zuschauern Betroffenheit aus. „Ich kann mir das gar nicht so vorstellen, dass es das mal so gegeben hat“, sagt die 14-jährige Anne-Katrin. Ihrer gleichaltrigen Freundin Mia bleibt wegen „der Emotionalität des Tagebuches und der Aufführung, etwas zu sagen, alles im Hals stecken“. Thomas (19) kennt „das Tagebuch von der Schule her“ und zitiert schon mal Bertolt Brecht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Eher gleichgültig stellt Kevin (17) fest: „Hab so keine Ahnung, wie das war, das ist heute wie mit den Flüchtlingen auch“, sagt er, und strebt mit schweigend dem Ausgang zu. Mit Bravorufen und langanhaltendem Beifall wird die Bad Vilbeler Inszenierung auf den Weg gebracht. Sie steht insgesamt 25 Mal auf dem Spielplan.

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