Starke Premiere in der Burg

April Hailer begeistert als alternder Hollywood-Star im Musical

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Starke Szenen einer Premiere: Mit dem Musical „Sunset Boulevard“ gelingt den Bad Vilbeler Burgfestspielen eine ebenso kunstvolle wie bewegende Inszenierung. April Hailer dominiert das Stück mit einer fast schon aggressiven Hingabe in der Rolle des alternden Hollywood-Stars Norma Desmond.

Die Fallhöhe ist hoch auf der drehbaren Showbühnentreppe, die zurück ins Hollywood anno 1949 führt. Doch Regisseur Benedikt Borrmann und seine Hauptdarstellerin April Hailer setzen präzise Schlaglichter auf das Illusionsgeschäft mit den „Träumen aus Licht“ und der ewigen Jugend. Schon die Ausstattung der Bühne zeigt: Hier geht es um das Wesentliche, Schnickschnack ist überflüssig. Ein gewagter Ansatz, denn Andrew Lloyd Webbers Musical „Sunset Boulevard“ ist eigentlich für die große Bühne gemacht und von der Extravaganz der Filmmetropole geprägt.

Das reduziert Bühnenbildnerin Pia Oertel auf griffige Symbolismen. Weil es um den verstörenden Lebensabend einer alternden Stummfilm-Diva geht, ist das Dekor schwarzweiß und gewunden in Form einer geöffneten Filmdose. Dazu die Showtreppe und als Requisit ein silberner Liegesessel. Das genügt, es muss genügen, denn nichts soll vom eigentlich kammerspielartigen Erzählton des Musicals ablenken. Nicht die elf Musiker des Orchesters, die hinter den Kulissen verschwinden, auch nicht das bunte Treiben vor und hinter den Studiokameras.

Joe Gillis (Robert David Marx), der abgebrannte Drehbuchautor, der bei der Diva Norma Desmond (April Hailer) und ihrem Butler Max (Andrea Matthias Pagani) Zuflucht findet, ist zu Beginn des Stückes schon tot. Zwei Schüsse knallen, dann liegt er auf der Drehbühne statt im Schwimmbecken, wie in Billy Wilders zugrunde liegender Verfilmung. Joe erzählt das vergangene halbe Jahr als Erzähler aus dem Jenseits, etwa die Flucht vor einem Geldeintreiber, im Film eine Verfolgungsjagd, auf der Bühne ein kurzer Sprint.

Doch um solche äußeren Dinge geht es gar nicht, die Inszenierung konzentriert sich vor allem auf die heikle Begegnung des jungen Eindringlings mit der in ihrem Schattenreich ihren Ruhm konservierenden Diva, es geht um Jugend und Alter, Träume, die zu Illusionen verwittern. Als Kontrast zur Schwarzweißwelt der Norma wird die schillernde Außenwelt durch bunte Beleuchtung illustriert. Dort trifft Joe dann die junge Betty Schaefer (Janne Marie Peters), gemeinsam schreiben sie ein Drehbuch, feiern mit hoffnungsvollen Hollywood-Jungtalenten Partys, in denen das Tanz-Ensemble auftritt. Doch die Musical-Nummern, so temperamentvoll sie auch sind, bilden nur die glitzernde Fassade, hinter der das eigentliche Drama spielt.

Dessen eigentliche Heldin ist April Hailer, die den Charakter des aus der Zeit gefallenen Filmstars unerbittlich in seine Bestandteile aufspaltet. Sie ist die Dompteuse der verlebten Gefühle, denen sie mit kraftvoller Sopranstimme zusätzlich Ausdruck verleiht. Mit einer schon aggressiven Selbstbehauptung durchlebt sie die verschiedenen Stadien der Flucht aus der Realität.

„Ich bin groß, die Filme sind klein geworden“, sagt sie. Joe Gillis ist für Norma nur ein Sport-Partner, ihr Butler Max entpuppt sich später als ihr Entdecker und erster Ehemann. Beide werden für sie zur Projektionsfläche ihrer Bedürfnisse nach Bewunderung. Mal ist sie die herrische, launige Diva, dann die mit verklärtem Blick in ihre Erinnerungen abtauchende Träumerin – oder die jugendlich gekleidete Eroberin, die sich an frühere Tango-Tänze mit Stummfilmstar Rudolf Valentino erinnert.

Besonders eindrucksvoll gerät eine Szene, in der Norma ein Filmstudio besucht. Dass dort eigentlich ein ganz anderer, ein Tonfilm, gedreht wird, spürt sie nicht. Die Akteure frieren in ihren Bewegungen zum nachtblau beleuchteten Standbild wie im Dornröschenschlaf ein, während Norma sich an ihr Starleben erinnert.

Doch erst eine Tragödie bringt sie wirklich vor laufende Kameras – nachdem sie Joe erschossen hat. Doch da hat sich das trotzige Verweigern des Alterns längst in eine selbstgefährdende Depression verwandelt, gegen die die zeitgleich stattfindende Silvesterparty der träumenden Jungschauspieler schlicht verblasst. Neben Hailer können auch Marx, Peters und Pagani mit eindrucksvollen Solo-Partien überzeugen. Am Ende gibt es kräftigen Bühnenapplaus, wobei auch Peters für ihre resolut-unschuldige Darstellung der Betty gefeiert wird.

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