Jäger des verlorenen Platzes

Berthold Walheim präsentiert Fotografien verlassener Orte – auch in der Quellenstadt sucht er nach Motiven

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Ab Sonntag stellt Fotograf Berthold Walheim seine eindrucksvollen Bilder von verlassenen Orten, sogenannten "Lost Places" in der Gemeinschaftskanzlei der Advobaten aus. 

Sein Blick durchdringt den Raum, als würde er etwas suchen. Dabei gibt es an diesem Ort schon lange nichts mehr zu finden: Die Fenster sind mit Brettern verschlagen, die Scheiben kaputt, nur feine Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg ins Innere der alten, verlassenen Ruine. Der Fußboden besteht bloß noch aus losen, verstreuten Dielenresten und der Putz, oder das was davon übrig ist, bröckelt von den Wänden. 

Achtlos gehen die Menschen an Gebäuden wie diesen vorbei oder sehen sie gar als Schandfleck. Doch nicht so Berthold Walheim: Der Fotograf ist spezialisiert auf solche verlassenen Orte, sogenannte "Lost Places". Dort, in alten Industrieanlagen, zurückgelassenen Bauernhäusern oder der Natur übergebenen Schlössern, findet er seine Motive. Ab Sonntag hängen seine Kunstwerke in der Gemeinschaftskanzlei der Advobaten in Bad Vilbel aus, bis in den Mai des kommenden Jahres können Besucher dort die ungeahnte Ästhetik des Zerfalls bestaunen. 

Es gibt keine Garantie

 Schon Tage vorher besucht Walheim die Quellenstadt, nicht nur, um seine großformatigen Bilder an den Kanzleiwänden stilvoll in Szene zu setzen, sondern auch, um die Stadt und vorallem deren vergessenen Orte zu erkunden. 

Gut ausgerüstet mit seiner Kamera, einer Canon EOS 5D Mark IV, und einem schweren Rucksack mit Objektiven für alle Fälle, steht er am Fenster eines verlassenen Gebäudes und blickt durch die schon lange kaputte Scheibe: "Das gibt nichts her", murmelt er in leichtem Wormser Dialekt. Denn es gibt keine Garantie auf ein gutes Foto und das stundenlange Reisen mit einer Handvoll mittelmäßiger Fotos enden, kann durchaus vorkommen. Doch oft genug erlebt er auch das Gegenteil: dass Orte, die nichts herzugeben scheinen, plötzlich atemberaubende Kleinode preisgeben. Kurz bevor er dereinst in Polen ans Aufgeben dachte, entdeckte er so nicht weniger als eine verlassene Kirche. Ohne diese Geschichte lässt das Bild, das in der Kanzlei zu sehen ist, nicht erahnen, dass es sich bei diesem Prachtraum und einen "Lost Place" handelt. "Das war pures Staunen", blickt er zurück und seine Augen funkeln voll freudiger Erinnerung. 

Die Gegenwart in Bad Vilbel lässt ihn jedoch eher mürrisch dreinschauen. Auch ein altes Industrieareal erweist sich als unzugänglich. Doch als ihm der benachbarte Ladenbesitzer von zurückgelassenen Maschinen erzählt, die immer noch in den verlassenen Hallen stehen würden, fasst Walheim wieder Hoffnung. Für heute ist nicht mehr erreicht, als ein Tipp, doch Walheim hinterlässt seine Karte und vielleicht bietet sich die Chance ja ein anderes mal. 

Jahrelange Suche 

Verlassene Orte abzulichten, ist für den 57-Jährigen mehr als bloß Fotografie, jedes Bild ist ein Abenteuer. Für seine Fotos geht er dabei an seine Grenzen: "Was man genau fotografieren soll, sagt einem der Raum", beschreibt er den Moment der Inspiration. Sieht er dann eine Stelle, von der er sich die beste Perspektive erhofft, kann ihn nur wenig davon abhalten, sei es noch so waghalsig. Seit vielen Jahren klettert Walheim, zudem hat er früher auf dem Bau gearbeitet: "Ich kann solche Gefahren also gut einschätzen", beruhigt er. Und klar ist zudem: "Kein Motiv ist es wert querschnittgelähmt zu sein." 

Maximalen Aufwand ist ein Bild hingegen schon wert. Die Suche nach den passenden Orten kann dabei Jahre dauern und bedarf viel Glück und Zufall: "Wenn man einen Ort im Internet findet, muss man da eigentlich nicht mehr hinfahren", erklärt er. Zuviel sei dann meist schon kaputt. Eine Aussage, die erstaunt, zeichnen sich diese Orte doch gerade dadurch aus, dass sie zerfallen sind. Doch Walheim unterscheidet und erzählt eine Anekdote: Einst entdeckte ein Freund einen altes, verlassenes Schloss und fand darin einen großen Raum mit einem Spiegel vor. Diesen nutze er für ganz besondere Perspektiven. 

Als Walheim nur wenige Monate später sich diesem Raum annahm, war der Spiegel und somit die kunstvolle Perspektive zerstört. Die Kraft der Natur, die sich zurückholt womit sie einst bebaut wurde, das zählt auf den Bildern, Vandalismus hingegen zerstört jedes verlassenes Idyll. Das ist auch der Grund warum Walheim niemals verraten würde, wo seine Fotos entstanden sind. Und die Fotografen-Szene, die sich auf Lost Places spezialisiert hat, hält zusammen. Jeder achtet sehr genau darauf wem er vertrauen kann. Denn Achtung vor dem Objekt wird bei Walheim und seinen Freunden groß geschrieben. "Es gibt einen Ehrenkodex", betont er: "Es wird nichts aufgebrochen! Es wird nichts mitgenommen! Es wird nichts umdekoriert!" Auf einem Bild ist ein altes, völlig zerfallenes Klavier zu sehen, direkt davor steht ein Stuhl, leicht zur Seite gedreht. Es wirkt als sei einst ein Pianist aufgestanden und sein Stuhl seitdem nicht mehr bewegt worden. Zufall oder Glück, doch dekorieren ist unter den Fotografen strengstens untersagt. Die Eindrücke, die der Fotograf dabei sammelt, gehen unter die Haut. Mit seinem angegrauten Dreitagebart und seinen kunstvoll ungekämmten Haaren wirkt Walheim nicht gerade zartbesaitet. Doch den emotionalen Fragen, die ein solcher Ort aufwirft, kann auch er sich nicht entziehen. "Was muss passieren, damit so etwas bleibt?"

So fand er einst ein altes Bauernhaus in Belgien, längst verlassen und am zerfallen. Doch was er im Inneren findet, lässt ihn rätseln: Auf einem von Staub bedeckten Esstisch, liegen noch immer Besteck und Teller mit vertrockneten Essensresten bereit – als wäre eine Familie einfach aufgestanden und nie zurückgekehrt.

Vernissage am Sonntag 

Walheim präsentiert seine Bilder am Sonntag, 11. November um 15 Uhr bei den Advobaten, Parkstraße 1. Die Bilder können zu Preisen zwischen 150 und 800 Euro erworben werden.

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