Bahn muss öfter gekreuzt werden

Bringt ein Tunnel die Lösung?

  • VonDieter Deul
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Die Verkehrsbelastung stößt in Bad Vilbel an ihre Grenzen, stellt der Verkehrsplaner Professor Rüdiger Storost bei einer Info-Veranstaltung der FDP fest. Die Infrastruktur halte mit der Erweiterung der Städte schon lange nicht mehr Schritt. So bleiben nur punktuelle Entlastungen wie eine dritte Spur für Abbieger. Aber es werden auch kühnere Ideen diskutiert: zwei Untertunnelungen der Main-Weser-Bahn und der Friedberger Straße. Doch schon Fahrbahnverbreiterungen scheitern an Engstellen ringsum.

Die Massenheimer Gaststätte „Zum Knoche“ ist besonders gut besucht, knapp 20 Zuhörer wollen auf der „FDP vor Ort“-Veranstaltung wissen, was dem Windecker Verkehrsplaner Rüdiger Storost zu den Dauerstaus in Bad Vilbel einfällt. Storost kennt das Thema, seit 30 Jahren ist er in die Vilbeler Verkehrsplanung eingebunden. Bis zu sechs Stunden könne er darüber referieren, droht er.

Das Grundproblem ist ein strukturelles. „Bad Vilbel entwickelt sich sehr schnell, das ist manchmal auch ein Fluch“, stellt er fest. Das sei ein Problem der gesamten Region, „die große zeitliche Verzögerung zwischen Städteentwicklung und Straßenbau“. Sein Fazit: „Das ganze Rhein-Main-Gebiet ist verkehrlich so gut wie am Ende, die Staus wandern raus in die Region.“

Der Bau des dritten und vierten S-Bahn-Gleises hätte schon vor 20, 25 Jahren beginnen sollen, sagt Storost. Später dämpft er aber die Erwartungen der Zuhörer, die nach Alternativen für den Autoverkehr fragen. Aus dem Main-Taunus-Kreis etwa fahren 15 Prozent der Pendler mit der Bahn nach Frankfurt, berichtet er. Doch schon eine Verdoppelung dieser Quote sei nicht machbar: „Der Hauptbahnhof ist jetzt schon so gut wie zu.“ In Bad Vilbel gilt das auch für eine ganze Reihe von Straßen: die Büdinger, Homburger, Kasseler, Alte Frankfurter Straße und den Schöllberg, wo täglich 16 000 bis 17 000 Autos fahren, bis zu 24 000 sind es auf der Kasseler.

Radweg fällt weg

Der Verkehr habe nach der Entlastung durch die B 3-Umgehungsstraße stetig zugenommen, auch durch überörtliche Pendler. Neue Ost-West- oder Nord-Süd-Schneisen zu bauen, sei aber auch keine Lösung, „dann stehen Sie zwei Kilometer später in Frankfurt im Stau“, so Storost. Auch die drei neuen Kreisel seien „großartige Arbeit“, aber auf der L 3008 staue es sich in Richtung Bad Vilbel bereits ab Kilianstädten – „und jeder neue Spatenstich hat Auswirkungen“, derzeit etwa die Sperrung der Karbener Nordumgehung.

Manchmal aber sind es die Autofahrer selbst, die Staus produzieren. An der Kreuzung Büdinger/Friedberger Straße etwa. Die Ampeln seien auf passierende Fahrzeuge im Takt von 1,8 bis zwei Sekunden ausgelegt, tatsächlich aber geben die Fahrer beim Anfahren so viel Gas, dass sie auf viel größere Lücken kommen: bis zu sechs Sekunden. So können drei Mal weniger Fahrzeuge eine Grünphase nutzen, gibt der Planer zu bedenken.

Ebenfalls an der Büdinger sieht er noch ein weiteres Problem. Eigentlich müsste die Straße verbreitert werden, aber der Erwerb von 1,5 Metern der benachbarten Grundstücke sei „ganz schwierig“. Auch eine alternative Zufahrt von Dortelweil über den Quellenpark auf der Siemensstraße sei jetzt, nachdem dort Wohnungen geplant sind, „eher ungeeignet“. Aber es gibt noch eine Idee: die Friedberger mit der Büdinger zu untertunneln. Auch das ist ein schwieriges Unterfangen. Abgesehen von der Frage der Zufahrt zu den drei Häusern könne der Tunnel erst ab der Zufahrt Gießener Straße beginnen, dahinter befinden sich unterirdische Logistiktunnels der Hassia.“ Eine weitere Querung der Bahn käme uns sehr entgegen, aber wo?“, fragt sich Storost auch am Südbahnhof. Die würde dann in der Huizener oder Homburger Straße unvermittelt enden, oder vielleicht doch an der B 3?

Angesichts dieser Probleme sollen kleinere Projekte entlasten, aber auch die sind immer ein Kompromiss. So beim Umbau der Homburger, wo ein Mittelstreifen Abbiegerstaus verhindern soll. Aber dafür fällt der sonst mögliche Radweg weg.

Anreize schaffen

Und es werden immer mehr Autos. Zu den erwarteten 2500 Fahrten außerhalb des Berufsverkehrs zur neuen Therme kommen 2000 neue Fahrten aus dem neuen Wohngebiet im Quellenpark, denn eine Untersuchung auf dem Heilsberg habe ergeben: „Jeder Einwohner produziert statistisch zwei Fahrten am Tag.“

Nur in den Ferien sinke das Verkehrsaufkommen um 20 Prozent, an Sonntagen um bis zu 40 Prozent. Der Berufsverkehr mache aber nur ein Fünftel des Verkehrs aus, so Storost.

Nur dank inzwischen flexibler Arbeitszeiten sei ein noch größerer Verkehrsdruck verhindert worden. Storost regt auch an, den großen 30er-Gelenk-Linienbus aus der Frankfurter Straße in der Innenstadt zu verbannen. Der sei kein Frequenzbringer mit 100 bis 120 Ausstiegen täglich, nutze aber die Fahrbahn übermäßig ab: „Der Regelwartungszyklus schrumpft von 30 auf 13 Jahre.“

„Die Fläche im Quellenpark ist überdimensioniert“, klagt ein Zuhörer, „wir kriegen den Verkehr nicht mehr in den Griff.“ 75 Mark habe die Stadt einst für den Quadratmeter Ackerland im Quellenpark bezahlt, zu 1200 Euro sei es verkauft worden.

Eine Zuhörerin regte an, man müsse weg vom Auto, indem Anreize etwa durch kostenlosen Nahverkehr geschaffen werden. Aber auch das ist problematisch. Ein Bahnmitarbeiter sagte, solche Überlegungen seien längst verworfen, man fürchte, dass kostenlose Bahnen den Vandalismus förderten. Der Boom und damit die Verkehrsengpässe werden jedenfalls weitergehen, prognostiziert FDP-Fraktionschef Jörg-Uwe Hahn: „Wir leben in einer Region, die europaweit heftig nachgefragt wird, mit jährlich 50.000 bis 70.000 Zuzügen.“

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