Bad Vilbeler Burgfestspiele

Dialoge, die Gefühle auslösen

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Die Fortsetzung einer modernen Liebesgeschichte hat Premiere: Bei den Burgfestspielen wird das Stück „Alle sieben Wellen“ nach dem Briefroman von Daniel Glattauer im Theater aufgeführt.

Für Romantikfans war das Ende der unerfüllte Liebesgeschichte von Emmi Rothner (Kika Schmitz) und Leo Leike (Michael Klein) im modernen Briefroman „Gut gegen Nordwind“ von 2006 des österreichischen Schriftstellers Daniel Glattauer unbefriedigend. Und so schrieb der 55-jährige Autor mit „Alle sieben Wellen“ (2009) eine Fortsetzung der auf E-Mails basierenden Liebesgeschichte. Hat doch die durch einen Tippfehler entstandene E-Mail-Korrespondenz zwischen einem alleinstehenden, verlassenen Mann und einer verheirateten Frau mit Liebesproblemen eine zweite Chance verdient.

Und so wurde das Publikum bei der Premiere des Schauspiels im Theaterkeller der Burg am Samstagtagabend Zeuge einer turbulenten Handlung, die durch weitere spritzige Dialoge angeheizt wurde. Ein Jahr nach der fluchtartigen Trennung ist Leo Leike aus Boston zurück, wo er die Liebe zu Emmi vergessen wollte und in Pamela eine Frau fürs Leben gefunden zu haben glaubt. Fast ein Jahr lang erhält Emmi lediglich die immer gleiche, automatisch generierte Systemantwort der deaktivierten Mailadresse, bis Leo endlich wieder antwortet, und der Austausch erneut beginnt. Und die Begegnung der beiden nimmt neu auf die alte Weise ihren Lauf, per E-Mail. Gekennzeichnet ist die neue „alte“ Liebe erneut von Gefühlswallungen, Verirrungen und unvorhersehbaren Entwicklungen. Doch die Sehnsucht, einander zu berühren, wächst mit jedem Wortwechsel.

„Wir müssen uns treffen, ich muss dich ein einziges Mal in diesem Leben gesehen haben“, fordert Emmi. Und so treffen sie sich im Café Huber, berühren sich zufällig mit den Fingerspitzen, verabreden sich zu einem romantischen Essen, verbringen eine turbulente Liebesnacht. Aus den beiden Mail-Schreibern sind zwei Suchende geworden, die ihr Bedürfnis nach Nähe nicht mehr durch reine Texte befriedigen können.

Trotz aller Reibungspunkte nimmt die Liebesgeschichte Fahrt auf. Emmi skizziert ihr Verhältnis zu Leo mit dem Worten „Du lebst dein Leben. Ich lebe mein Leben. Und den Rest leben wir gemeinsam.“ Leos Freundin und der Deal zwischen Bernhard und Leo stellt die virtuelle, aber gefühlsintensive, teils voyeuristische Beziehung der beiden auf eine harte Probe. Regisseurin Mascha Pitz verlangt ihren Schauspielern Kika Schmitz und Michael Klein spielerisch und physisch einiges ab.

Ausstatterin Rahel Seitz und Bühnenbildbauer Felix Porth setzen bei der Burgfestinszenierung auf die Devise weniger ist mehr. Die Bühne ist leer. Einzig der Boden ist mit dicken Styroporplatten in unterschiedlichen Größen belegt. Aus ihnen bauen sich Emmi und Leo ihr eigenes Bühnenbild und Mobiliar zusammen. Aus den Platten bauen die beiden im Handumdrehen Tische, Stühle, Sofas, Betten, Wände oder Projektionsflächen für Videoeinspielungen.

Mit ihnen werden Gefühle und Stimmungen mit

Licht und Bilder

n transportiert oder wirkungsvoll verstärkt, das Ambiente an die Handlung angepasst. Über die variablen Stellwände flimmert ein Sternenhimmel, romantisches Abendrot oder eine Blumenwiese. Damit trotz des kargen Bühnenbildes aus der Handlung ein inspirierendes Theatererlebnis wird, bedarf es schauspielerischen Könnens. Denn auch bei der Fortsetzung der Liebesgeschichte von Emmi und Leo konzentriert sich alles auf das gesprochene, beziehungsweise geschriebene Wort. Der Schlagabtausch aus knappen Sätzen macht den Charme der Dialoge. Gefühle und Gedanken finden im ständigen Arrangieren von Bühnenbild und Spielfläche ihr Spiegelbild.

Die beiden Protagonisten bestechen durch ihre Präsenz und können ihre schauspielerische Qualität gut einbringen. Und so wird „Alle sieben Wellen“ quasi zu einem Spiel der Gezeiten. Denn wenn sechs Wellen ans Ufer geschwappt sind, dann kommt die siebente – und die ist immer für eine Überraschung gut.

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