Die Bad Vilbelerin Ingemarie Hennig (rechts) liest im Awo-Treff aus den ?Vilbeler Geschichten?.
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Die Bad Vilbelerin Ingemarie Hennig (rechts) liest im Awo-Treff aus den ?Vilbeler Geschichten?.

Als die Tage aufregend waren

Drei Bad Vilbeler erinnern sich an Erlebnisse aus der Kriegs- und Nachkriegszeit

  • VonChristine Fauerbach
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Eine 17-Jährige erlebt den letzten Tieffliegerangriff des Zweiten Weltkriegs, eine junge Frau entdeckt die Stimme ihres in Russland gefallenen Vaters auf einer Wachsplatte. Diese „Vilbeler Geschichten“ werden auf einer Lesung im Awo-Treff vorgestellt.

Das Erzähl-Café im Awo-Treff Wiesengasse füllt sich. Bei Kaffee und Kuchen erinnert man sich dort gemeinsam an frühere Zeiten. Dieses Mal berichten drei Vilbeler Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend. Einer ist Gitarrist und Sänger Ben Klöß, der als Autor seine Erinnerungen in mehreren Bänden der von Peter Gschwilm und Agathe Gschwilm-Baur herausgegebenen „Vilbeler Geschichten“ veröffentlicht hat.

Den „Schatz auf dem Dachboden“ entreißt der seit 1973 in Mörfelden-Walldorf wohnende Ben Klöß in seinem Vilbeler Elternhaus im Licht einer Taschenlampe dem Vergessen. „Es handelt sich um ein Buch mit handschriftlichen Eintragungen und schönen skizzenhaften Illustrationen“, berichtet der Finder. Erzählt wird die Geschichte eines Paares von der Verlobung bis zur Hochzeit.

Beim Kerscheln gefunden

„Das Buch stammte jedoch nicht aus unserer Familie. Meine Oma hatte es 1946 beim ,Kerscheln’ nach ,Nahrungsergänzungsmitteln’ auf dem US-Army-Müllplatz auf dem Heilsberg gefunden.“ Nach seiner Geschichte spielt Ben Klöß Evergreens und Schlager von Elvis Presley, den Beatles oder Reinhard Mey zum Mitsingen und Zuhören auf der Gitarre. Ebenfalls eine spannende Geschichte trägt Ingemarie Hennig vor. Sie handelt vom Fund einer Wachs-Schallplatte, die ihr Vater bespielt und besprochen hat.

„Ich bin 1941 geboren, mein Vater Erwin Ohlemutz ist mit 29 Jahren 1942 in Russland gefallen. Ich habe ihn nie kennengelernt.“ Ihren Zufallsfund vom Dachboden bringt sie in ein Tonstudio, da die Platte nur auf einem Plattenspieler mit einer Holznadel abgespielt werden kann. „Da habe ich zum ersten Mal die Stimme meines Vaters gehört, der sagte: Ich spiele jetzt einen Foxtrott. Er hatte eine ganz tiefe Stimme. Ich hatte Gänsehaut“, erinnert sie sich.

Luftangriff überlebt

Auch die „Haanegässerin“ Elfriede Schmidt erzählt eine spannende Geschichte. Sie spielt am 25. März 1945 – „drei Tage bevor die Amis nach Vilbel kamen“. Damals sitzt die 17-Jährige auf einem Laster, der in Richtung Friedberg unterwegs ist. „Wir wurden in Wöllstadt von Tieffliegern beschossen. Eine Kugel ist durch ein Foto meiner Nichte Inge Finkenstein aus der Milchkur (Frankfurter Straße 27) geflogen.“

Der Laster, auf dem die beiden Mädchen sitzen, fährt zurück nach Vilbel. Ein zweiter fährt weiter Richtung Friedberg. Auf ihm sitzt Georg Duplois (16) aus dem Kanalweg. Er wird erschossen. Ein paar Tage später sieht die junge Elfriede dann schließlich „zum ersten Mal einen Neger“ als amerikanischen Soldaten auf Panzern durch die Lohgasse nach Vilbel einfahren.

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