Lesung von Michael Kleeberg

Eine Geburt hat alles verändert

  • VonDieter Deul
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Charlie ist der typische Jedermann. Der Held von Autor Michael Kleebergs Roman ist in zweiter Ehe verheiratet, hat zwei Kinder – und zu viele Erinnerungen.

Charlie ist der typische Jedermann. Der Held von Autor Michael Kleebergs Roman ist in zweiter Ehe verheiratet, hat zwei Kinder – und zu viele Erinnerungen. Die Vergangenheit ist der Schatten, in dem er mit nüchternem Blick durch die Episoden wandelt. Im Gegensatz zu Schwedenkrimis werde dabei „kein Geheimnis geschützt“, bekennt der Autor vor den knapp zwei Dutzend Zuhörern in Bad Vilbel, es gehe um das normale Leben, um Szenen, Momente.

Die möchte er dennoch in eine Geschichtsschreibung verwandeln. Die „Vaterjahre“, der zweite Band, umfassen die 1990er-Jahre. Ein dritter Roman mit Charlie soll folgen. Kleeberg, Jahrgang 1959, hat 13 Jahre in Paris gelebt, wohnt jetzt in Berlin, erhält im Juni den renommierten Hölderlin-Preis, verrät Gastgeber Claus-Günther Kunzmann. Der Autor begrüßt sein Publikum mit Lokalkolorit. Bisher sei er nur rings um Bad Vilbel gewesen, bei einem Nieder-Erlenbacher Kelterer, seiner Frankfurter Heimat, den Radtouren bis Altenstadt – und in seiner Zeit bei einer französischen Werbeagentur bei einem Karbener Möbelhersteller.

Dann taucht er ab in seine literarische Welt, die mit prägnanter Beobachtungsgabe die banalen Alltäglichkeiten in Parabeln über das Leben überhöht.

Da ist die erste Szene mit der Geburt. Charlie merkt, wie sich seine Gattin Heike verändert, „einen anderen Bund eingeht“. Und er plötzlich in der Rolle des Josef, dem „Hüter des Paares“, was Charlie Behaglichkeit bereitet. Die Normalität – und wie sie sich ganz einfach verändert. Und wie sie die Menschen ratlos macht. Die dritte Episode bringt Charlie und seinen Freund mit einer Ex-Freundin zusammen, die jetzt in einer protzigen Potsdamer Villa lebt. Sie bekommt Besuch von ihrem Ex-Mann, wiederum einem gemeinsamen Freund, der nach seiner Insolvenz zum haltlosen Trinker geworden ist. Auch hier geht es um Wandlungen, die Tragik und Hilflosigkeit, die sie hinterlassen. So wie Charlies zynische Worte über die DDR-Jugend seiner Frau, aus deren vermeintlich wilden Zeiten er ausgeschlossen war.

Besonderen Nachhall hinterlässt die Schlussepisode, in der der Tierarzt kommt, um den tumorkranken Familienhund einzuschläfern. Wie Bella „in Schönheit und stoischer Würde“ daliegt, wie die Tiere „im ewigen Tabula rasa der Gegenwart“ lebten – im Gegensatz zu den von Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken beschwerten Menschen.

Am Ende setzt der Tierarzt der Hündin zwei Spritzen. Und Charlie und seine Familie müssen vom Ufer des Todes „zurückrudern durch die Nebelbank“ in die Normalität ihres Alltags.

(dd)

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