Sie wollen weitere Baumstümpfe im Stadtbild verhindern, die Mitglieder der Bürgerinitiative "Gelbwespen" (von links): Gundula Ort, Ramona Köhler, Andrea Christ, Birgit Scholze, Vered Zur und Petra Burgmann.

Aktion in Bad Vilbel

Bürgerinitiative "Gelbwespen" will verhindern, dass weitere Bäume in der Stadt gefällt werden

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Der Bürgerdialog Ende Februar hat es unübersehbar deutlich gemacht: Die Stadt Bad Vilbel hat eine neue Bürgerinitiative. In Anlehnung an die Pariser Protestbewegung nennen sie sich "Gelbwespen". Ihr Ziel ist denkbar einfach: Kein Baum in der Stadt soll mehr gefällt werden.

Bad Vilbel - Es tut ihnen weh! Jeder einzelne Baum, der von der Stadt Bad Vilbel gefällt wird, tut ihnen weh. Die engagierten Frauen der Bürgerinitiative "Gelbwespen" haben ein klares Ziel: Kein Baum dürfe mehr gefällt werden, wenn es nicht zwingend erforderlich sei. Und mit zwingend meinen die Damen, dass es wirklich keine andere Alternative mehr gibt.

Denn was passiert, wenn Bäume keine Rolle spielen, sehen sie just vor ihren Augen. Gemütlich hat sich die Gruppe von acht Frauen, dem Kern-Team der "Gelbwespen", im Restaurant Mondnacht versammelt und berät die nächsten Schritte des Protests. Petra Burgmanns Blick schweift aus dem Fenster auf den Niddaplatz, den vermutlich baumlosesten Platz der Stadt. Burgmann ist die Initiatorin der Bürgerinitiative und entsetzt. Ein zentraler Platz ganz ohne Baum, da kann auch ihre Mitstreiterin Birgit Scholze nur den Kopf schütteln: "Es geht ja nicht nur um die Bäume, es geht auch um die Lebensqualität", betont sie.

Denn mit jedem Baum, der gefällt, oder wie im Falle des Niddaplatzes, gar nicht erst gepflanzt wurde, sehen die Damen einen herben Rückschlag im Kampf gegen den Klimawandel. "Hier wird gehandelt, als gäbe es keinen Klimawandel", klagen die Frauen einhellig. Luftqualität und Schatten, das seien die entscheidenden stadtplanerischen Aspekte der Zukunft.

Schwitzen beim Hessentag

Im Gegensatz zur Radwege-Infrastruktur. Dass entlang der Nidda in der Kernstadt ein neuer Radweg von drei Metern Breite angelegt werden soll, raubt den Aktivistinnen den Schlaf. "Die Stadt braucht schnelle Erfolge vor dem Hessentag", vermutet Burgmann. Bäume seien der Stadt egal, ist sie sich sicher. Und eine gute Idde sei der Radweg so ohnehin nicht: "Beim Hessentag werden die Besucher dann zehn Tage lang auf einem drei Meter breiten Radweg fahren und schwitzen, weil es keinen Schatten gibt", prophezeit Mitstreiterin Andrea Christ."

Dieses Vorhaben im Tabernaemontanusweg war es auch, das die Initiative auslöste. Als diese Zeitung am 1. Februar titelte: "Rote Bänder wecken Ängste", war auch die Sorge von Petra Burgmann geweckt. Auch einige Anwoher erschraken vor den roten Bändern, die markierten, welche Bäume in Kürze gefällt werden könnten. Sofort vernetzte sich Burgmann im sozialen Netzwerk Facebook mit anderen und erkannte: "Ich bin nicht alleine!"

Dass die Bäume an der Nidda schließlich gefällt wurden, konnten sie zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr verhindern, doch mit Blick auf den grauen Niddaplatz haben sie ein klares Ziel, eigentlich ist es ein Versprechen: "Die Bäume auf dem Marktplatz werden nicht gefällt – kein einziger!"

Sie zu fällen hatte die Stadt jüngst allerdings angekündigt und kann sich damit auf den Gegenwind der Damen gefasst machen. Denn sie spüren Aufwind. Nachdem sich Petra Burgmann mit der Vilbelerin Ramona Köhler zusammentat und sich schnell ein kleines Netzwerk formierte, trafen sich jüngst knapp 15 Personen zur Gründungsversammlung der BI. In Kürze soll eine Website online gehen, Plakate wurden bereits reichlich gedruckt, die Werbemaschinerie läuft: "Wir wollen ein Statement setzen, viele Bürger haben leider schon resigniert", erklärt BI-Mitglied Stefanie Emmerich.

Wie viele Mitstreiter die BI genau hat, wollen die Damen nicht verraten, einen "lockeren Zusammenschluss" nennen sie ihr Bündnis. Wie auf Bestellung erscheint da eine weitere Dame im Restaurant. Gabriele Lipp war gerade in einem Geschäft in der Nähe zufällig mit einem "Gelbwespen"-Mitglied ins Gespräch gekommen und erfuhr dabei von diesem Treffen: "Ich habe gehört, am Alten Rathaus sollen Bäume gefällt werden", erklärt sie aufgebracht ihr Erscheinen. Petra Burgmann lächelt zufrieden.

Politiker aufrütteln

Mit dem Beginn der Brut- und Setzzeit und dem damit verbundenen Ende der Zeit, in der Jahr für Jahr zahlreiche Bäume gefällt oder zurückgeschnitten werden, bleibt den "Gelbwespen" vorerst nicht mehr viel, was sie konkret verhindern könnten. Allerdings geht es ihnen auch um einen Mentalitätswechsel in der Politik: "Wir versuchen die Politiker aufzurütteln", erklärt

Vered Zur, und Birgit Scholze ergänzt: "Und die, die auf unserer Seite sind, für uns zu gewinnen."

Von den Grünen sind die Damen allerdings enttäuscht. Diese hatten vor Jahren den Ausbau des Radweges im Tabernaemontanusweg mitgetragen: "Radwege und Baumfällung, das ist ein Widerspruch", betont Petra Burgmann. Die "Gelbwespen" stehen für eine klare Linie: pro Bäume. "Wir legen uns jetzt das nötige Hintergrundwissen zu. Leider gibt es Infos der Stadt immer nur scheibchenweise", klagt Petra Burgmann und verspricht: "Wir bleiben unangenehm, wie Wespen!"

Kommentar:

Es mag in manchen Punkten überzogen wirken, wenn die Gelbwespen jede Fällung in der Stadt kategorisch ablehnen. Vieles ist nun mal Abwägungssache: Wenn ein ausgebauter Radweg mehr Leute dazu bewegt, das Auto stehen zu lassen, dann ist das vielleicht die ein oder andere Baumfällung wert. Wenn Bäume, die für einen bestimmten Standort nicht geeignet sind, gefällt und ersetzt werden, ist die Fällung vielleicht sogar geboten. Doch genau das ist der Punkt: Warum wurden vor Jahren Bäume gepflanzt, die für ihre Standorte ungeeignet sind? Warum sieht der Niddaplatz heute aus wie eine städteplanerische Zukunftsdystopie?

Die Antwort ist simpel: Weil bisher niemand kompromisslos für die Bäume gesprochen hat. Der Eindruck drängt sich auf, dass Bäume zu oft reine Planungsmasse sind, dass zu schnell Pläne entwickelt werden, die keine Bäume ermöglichen, statt aus Prinzip zu überlegen, wie ein Plan aussehen könnte, wenn Bäume notwendige Pflicht wären.

Was passieren kann, wenn die Natur keine Fürsprecher hat, zeigt das Beispiel der kanalisierten Nidda. Diese Schnapsidee von damals muss heute aufwendig renaturiert werden. Ein ähnliches böses Erwachen werden Stadtbewohner in einigen Jahren auf betonkahlen, hocherhitzten Plätzen erleben. Doch nur eine allzeit gut informierte Bürgerinitiative wird da einen wertvollen Beitrag leisten können, um das zu verhindern. An diesem Anspruch müssen sich die Gelbwespen nun messen lassen.

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