Jüdische Gemeinde

Endlich einen Treffpunkt schaffen

  • VonDieter Deul
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Der kleinen jüdischen Gemeinde in Bad Vilbel fehlt ein Treffpunkt und ein Raum, um die eigene Geschichte darzustellen – das Gebäude der Synagoge ist in Privatbesitz. Doch es gibt Interesse, den Dialog wieder aufzunehmen. Die CDU-Fraktionschefin Irene Utter möchte von der Gemeinde ein Konzept sehen, was und für wen geplant werden soll, dann sei eine Unterstützung möglich. Auch die anderen Fraktionen signalisieren bereits Unterstützung.

Erst vor wenigen Tagen wurde gemeinsam der Pogrome an Juden vor 79 Jahren gedacht. Dennoch ist Gesprächsfaden zwischen der Gemeinde und der Stadt Bad Vilbel sehr dünn. Noch Mitte der 1990er-Jahre eskalierte ein Streit um den Ankauf des inzwischen privatisierten ehemaligen Synagogen-Gebäudes in der Frankfurter Straße 97. Das über 200 Jahre alte, denkmalgeschützte Gebäude ist durch einen Neubau verdeckt und aus dem Stadtbild verschwunden.

1938 wurde die Synagoge von Nazis bei den Pogromen am 10. November verwüstet. 1994 hatte der Bad Vilbeler Magistrat erfahren, dass der Eigentümer das vermietete Gebäude verkaufen wollte. Es gab Interesse an einem Ankauf, doch die Stadt wollte wegen klammer Kassen nur ein Drittel der Kosten übernehmen. Beim Kauf sollten sich Land und Bund zu je einem Drittel beteiligen, doch es gab nur Absagen.

Der Vorsitzende der damals 18 Familien zählenden jüdischen Gemeinde, Rafael Zur, suchte verzweifelt Räume für den Unterricht von Kindern und jüdische Feste. Auch wurde Platz gesucht für jene Dokumente und Exponate, die bis 1993 im Diaspora-Museum von Michael Messmer lagerten, darunter ein wertvoller Altar und kunstvoll bemalte Fenster.

1998 stellte die SPD Anfragen im Parlament dazu, was aus dem 1987 gefassten Beschluss geworden sei, die Geschichte der Bad Vilbeler Juden zu bearbeiten. Immerhin erschien im selben Jahr endlich Berta Ritschers Dokumentation „Geschichte der Vilbeler Juden – Von der Integration zur Deportation“ im Auftrag des Magistrats.

Doch auf die Frage, wo die jüdische Geschichte angemessen präsentiert werden kann, gab es erst im November 2012 eine erste Überlegung Zur schlug eine jüdische Gedenkstube vor, die im von der Stadt angekauften Haus Frankfurter Straße 50 unterkommen könne. Bereits 2011 sagte Zur dieser Zeitung, Stadtrat Klaus Minkel (CDU) habe ihm versprochen, sich für den Ankauf des Gebäudes einzusetzen. Doch bevor ein Konzept entwickelt werden konnte, kam die Flüchtlingskrise und das Haus wurde zur Unterkunft.

Vergessen ist allerdings auch der Konflikt, den noch in den 1990ern Zur, damals auch SPD-Parteichef, und der damalige Erste Stadtrat und CDU-Vorsitzende Klaus Minkel austrugen. Damals ging es um die Nichtteilnahme der Stadt an den Pogrom-Gedenkfeiern, damals noch auf dem jüdischen Friedhof, aber auch um den gescheiterten Synagogenkauf und den Inhalt des Rischer-Buches.

Im November 1999 wurde dann der Gedenkstein zur Erinnerung an die verfolgten und ermordeten Bad Vilbeler Juden gegenüber des Alten Rathauses aufgestellt. Bürgermeister Thomas Stöhr (CDU) zeigt dort an den Jahrestagen der Pogrome, dass es ihm auch ein persönliches Anliegen ist, an die Schrecken zu erinnern, um für die Zukunft gewappnet zu sein.

Mit Eigentümern sprechen

Dennoch kommt derzeit nicht einmal die Anbringung einer Gedenkplakette vor dem ehemaligen Synagogengebäude voran. „Sie kommt irgendwann“, sagt Kulturamtsleiter Claus-Günther Kunzmann dazu lediglich. Die Stadt habe vor Jahren mit den Eigentümern Kontakt aufgenommen, „aber die wollten das nicht“, merkt die Bad Vilbeler CDU-Vorsitzende Irene Utter an. Das Anbringen der Plakette müsse aber mit ihnen abgestimmt werden. Und wenn sie nicht verkaufen wollen, „dann können wir nichts tun.“

Doch Utter möchte die Diskussion wieder in Gang bringen. Sie wünscht sich, dass die jüdische Gemeinde ihre Wünsche formuliert, ein Konzept entwickelt, welchen Bedarf sie hat: „Ist es ein Treffpunkt für Menschen aus Bad Vilbel oder eine Ausstellung?“ Dann könne man darüber ins Gespräch kommen, für Zuschüsse der Stadt, aber auch Förderungen von Land, Bund und der Arbeitsgemeinschaft jüdischer Gemeinden Frankfurts, kündigt sie an. Statt bloß „die alte Schuld hin- und herzuschieben, geht man einfach ins Gespräch und schaut“, appelliert sie.

„Ich bin auch heute noch bereit dazu, dass die Stadt Bad Vilbel – wie damals angeboten – ein Drittel der Kosten übernimmt“, erklärt auch der Bad Vilbeler FDP-Fraktionschef Jörg-Uwe Hahn: „Leider hat uns die jüdische Gemeinde schon seit Jahren nicht mehr kontaktiert. Das bedauere ich sehr.“

Tafel ist überfällig

Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Walter Lochmann erinnert an das derzeit für Flüchtlinge genutzte Haus in der Frankfurter Straße 50. Es werde im Parlament bereits darüber diskutiert „Wohnraum auch für anerkannte Geflüchtete zu schaffen und wenn dadurch das in Rede stehende Gebäude wieder frei wird, werden wir in der Fraktion über das Thema erneut beraten.“

„Sollte die Perspektive eines Verkaufs des besagten Gebäudes durch den derzeitigen Besitzer bestehen, würde ein erneuter Antrag Sinn ergeben“, sagt auch der Grünen-Vorsitzende Clemens Breest, schränkt aber ein: „Wobei der Erfolg einer solchen Initiative von weiteren Detailfragen abhinge. Unabhängig davon erwarten wir die überfällige Vorstellung der angekündigten Gedenktafel, die öffentlich auf die Historie der Synagoge hinweisen soll.“

Darauf hofft auch Vered Zur-Panzer, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bad Vilbel. Die Plakette an dem Haus Frankfurter Straße 48, neben der ehemaligen Judengasse, sei schon vor sechs, sieben Jahren zugesagt worden, „das Haus gehört der Stadt“. Auch habe die Stadt zugesagt, Teile der Ausstellung „Legalisierter Raub“ zu kopieren und auszustellen. Es gebe daher schon konkrete Konzepte, betont Zur-Panzer. Sie greift aber auch Utters Anregung auf und könne sich vorstellen, erneut Gespräche darüber zu führen, was die jüdische Gemeinde sich wünscht.

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